Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald. Die wichtigsten deutschsprachigen Neuerscheinungen im April 2026. Mit Attwenger, Bosse, Magdalena Wawra & mehr.

Magdalena Wawra – »Ich bin viele«

Den sehr schönen Auftritt von Magdalena Wawra beim Waves Vienna 2025 hatten wir noch recht knapp mit »Das nimmt schon mit!« subsumiert, über das Debütalbum der Anfangdreißigerin aus Wien müssen wir das Urteil ca. drei- bis fünfmal unterstreichen: Auf »Ich bin viele« schielt zwar der eigentliche Indiepop schon mehr Richtung Nullerjahre-Deutschpop als in die »Indie«-Richtung, aber das ist extrem gut, da sind Hits drauf, das glaubst du nicht, das reicht im Normalfall für eine ganze Karriere: Das fiebrige und sehr tolle »Orangebäume«, das auch von Wir sind Helden sein könnte, das selbstfinderische »Mensch«, das traumwandlerisch-traurige »Frank Ocean«. Und sowieso: »Neongrün & Rosarot«, ein Melancholiepopwunder, ein generational Hit, wenn man so will. Wenn man dann noch wie Wawra die wichtigen Fragen im Leben stellt, namentlich: »Kann sein, dass das Liebe ist«, dann muss man sich schon auch eingestehen: Ja, irgendwie ist das schon Liebe hier.
»Ich bin viele« von Magdalena Wawra erscheint am 17.4.2026 via Unserallereins. Live Termine: 17.4. Klagenfurt, 18.4. Graz, 22.4. Linz, 23.4. Innsbruck, 24.4. Salzburg, 25.4. Wien, 31.7. Rock im Dorf. Hier kaufen.
Bosse – »Stabile Poesie«

Aki Bosse, seines Zeichens Garant für vordere Chartplatzierungen, bierselige Hymnen für »epische« Nächte und tendenziell eher auf der richtigen Seite der Geschichte, ist im Großen und Ganzen schon ein Guter, oder: zumindest kein Schlechter (der Albumtitel bzw. die Bestandteile dessen sind da schon nomen est omen, nicht an Haaren herbeigezogen). Dass da einer schon sein zehntes Album in die Regale stellt, das musst du erst einmal schaffen. Dass er sich auch auf »Stabile Poesie« seinem Stil treu bleibt, ist da schon weniger überraschend, da ist kein Song eine Ausnahme, muss es aber gar nicht sein: Das ist Musik, auf die man sich freut, der die man beim Durchschalten der Formatradios hängen bleibt, das ist ganz nah am Herzen erzählt, das eckt zwar niemals an, kickt aber doch häufiger rein, als man denken mag. Überraschenderweise am meisten sogar bei einer Spoken Word Passage in »Einmal alles bitte«, gesprochen von Lyrikerin Clara Lösel. »Man sagt, viele Leute sterben mit 30, werden aber erst mit 80 begraben«. Von allen Gedanken schätzen wir bekanntlich am meisten die interessanten.
»Stabile Poesie« von Bosse erscheint am 17.4.2026 via Vertigo. Keine Termine in Österreich. Album hier kaufen.
Attwenger – »Wos«

Nach fünfjähriger Abstinenz meldet sich eine der vermutlich wichtigsten Bands der österreichischen Alternative-Geschichte zurück, wobei: 2024 erschien mit »Live im Chelsea« ein – location-technisch schon etwas unterdimensioniertes – Live-Album, Drummer Markus Binder war im selben Jahr auch Kurator des Wiener Popfests, also so richtig weg ist man als Attwenger dann eh doch nicht. Weg gehört dafür jede Menge, wie das Duo auf dem zehnten Album auch nicht müde wird zu betonen und auch zu benennen: Rassimus, Weltraumtourismus, Pessimus, ganz viele -ismen, Nazismus, und sowieso weniger Stress. Neben fast schon ungewohnt explizit-politischen Texten gibt es aber natürlich wieder sehr viel Lautmalerei, sehr schön dabei: »Hendihenga« und »wir hängen am Handy und mia hängen und hängen / kau sei, dass man uns ned verstengen, weil ma nur am Handy hängen« und so weiter (sehr viel weiter). Also ja, das ist natürlich schon weiterhin Attwenger, alleine schon vom Sound her und so, aber halt dieses mal ein bisschen mehr expliziter. Ist ja auch nicht mehr so einfach, das alles.
»Wos« von Attwenger erscheint am 17.4.2026 via Trikont. Live Termine: Sehr viele, hier auschecken. Album hier kaufen.
Carlo Karacho – »Der letzte Ritt durchs Nadelöhr«

Spätestens jetzt ist diese Rubrik auf thegap.at ein veritabler Favorit für die Verleihung des diesjährigen Inklusionspreises der Bananenrepublik, trauen wir uns an Ort und Stelle ja sogar Dub in die Auswahl mit aufzunehmen. Das ist aber nur nicht L’art pour l’art, sondern für uns gar selbstverständlich, schließlich baut der junge Carlo Karacho exorbitant spannend unspannende Musik, die neben Dub und Trip-Hop auch ein wenig in Richtung New Wave schielt und damit auch ein bisschen in Hype-Gefilde wie NNDW eintaucht, aber allein schon genrebedingt ohne die sehr große Sell-out-Gefahr. In Deutschland schon längst bekannt (zumindest seinen Freund:innen), beehrt Karacho auch mit vollem selbigen Anfang Mai Wien, wo wir vor allem all jenen einen Besuch empfehlen, die es lieber einfach mal langsamer angehen. Fav-Song übrigens: »Spiderman ist kein Pokémon« mit der extrem richtigen Erkenntnis: »Spiderman muss keine Pokémon-Attacken einsetzen.« Truer words have never been spoken.
»Der letzte Ritt durchs Nadelöhr« von Carlo Karacho erscheint am 10.4.2026 via Bretford. Live Termine: 2.5. B72, Wien. Hier kaufen.
Außerdem erwähnenswert:
Dima Braune – »Glücklich in Blau«
(VÖ: 24. April 2026)
Dass die sehr gute Gruppe Grant nicht das nächste große Ding wurde, ist immer noch schade und ungerecht. Das Debüt aus dem 15er-Jahr ist bis heute wirklich sehr toll. Aber weil es häufig anders kommt, präsentiert Sänger Dima Braune sein Solo-Debüt – und auch hier: wunderbar! Stellenweise toller Indie-Gitarrenrock, andernorts Weirdo-Folk, das macht schon alles Sinn hier. Kollegin Petra Ortner hat hier noch mehr Infos.
Die bisherigen Veröffentlichungen von Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.