»Die Sehnsucht ohne Ort« – Sophie Gmeiner im Interview zu »Nina in einer Reihe Begegnungen«

In »Nina in einer Reihe Begegnungen« erzählt Regisseurin Sophie Gmeiner von Sehnsucht und der Suche nach Neuem in einer Umbruchphase. Der Kurzfilm war 2025 bei der Diagonale zu sehen, nun ist er in der Cinema Next Series kostenfrei zu streamen. Im Interview gibt uns die Filmemacherin einen Einblick in die besondere Entstehungsgeschichte ihres Films.

© Sophie Gmeiner — Die Protagonistin Nina ist auf der Suche nach Neuem.

»Nina in einer Reihe Begegnungen« ist die nächste Veröffentlichung in der Cinema Next Series, die regel­mäßig auf der Streaming­plattform Kino VOD Club kostenlos spannende Filme von heimischen Film­talenten präsentiert.

In deinen eigenen Worten: Worum geht es in »Nina in einer Reihe Begegnungen«?

Sophie Gmeiner: Für mich geht es um das Gefühl der Sehnsucht in einer Umbruch­phase, in der man das Alte noch nicht los­gelassen und das Neue noch nicht ge­funden hat.

Du hast bei dem Film sowohl Regie geführt als auch das Drehbuch geschrieben. Welche persön­lichen, gesell­schaft­lichen oder filmischen Impulse haben dich zu dieser Geschichte inspiriert?

Das waren mehrere. Einerseits meine dokumen­tarische Auseinander­setzung mit der Europacity, einem riesigen, neu entstandenen kontroversen Viertel hinter dem Berliner Haupt­bahnhof, und der Frage, für wen hier Wohn- und Lebens­raum gebaut wird und für wen nicht. Parallel dazu habe ich viel übers Scheitern nachgedacht und Notizen und Situationen gesammelt, die eine Protagonistin durch­leben könnte. Dann kam mir die Idee, diese beiden Ebenen zu verbinden.

Der Film eröffnet mit einem eindrück­lichen One-Shot aus der Mitte einer stark befahrenen Straße. Wie habt ihr diese Szene gedreht?

Wir haben einige Stunden auf einer Verkehrs­insel verbracht und die Szene oft probiert. Es gab viele Störfaktoren und technische Risiken und wir hatten keine Dreh­erlaubnis oder Absperrung. In solchen Momenten ist es Gold wert, ein kleines, vertrautes Team mit leichter Kamera zu sein, das flexibel reagieren kann und nicht so auf­fällig ist. Wir haben auch viel gelacht, weil wir einander ständig über die laute Straße hinweg anrufen mussten – genau wie in der Szene.

Nina ist keine klassische Sympathieträgerin: Sie wirkt oft fehl am Platz, sucht Nähe und findet doch keinen Anschluss. Wie bist du zur Darstellerin der Nina gekommen? Und wie habt ihr gemeinsam an dieser komplexen Figur gearbeitet?

Ich kannte Mina Guschke flüchtig und hatte sie bereits früh im Kopf für die Rolle. Während meiner dokumentarischen Aufent­halte in der Europacity mit ihren einge­zäunten Grün­flächen und kühlen Fassaden kam mir irgend­wann der Gedanke, dass das für mich ein Ort ohne Sehnsucht ist. Und damit das Gegenteil meiner Figur, die für mich die Sehnsucht ohne Ort ist. Das war der Ausgangs­punkt, den ich mit der Darstellerin noch vor dem Drehbuch ge­teilt habe. Wir hatten sofort eine gemeinsame Sprache im Austausch über Ninas Situation. Ich glaube, Nina wurde zu unserem gemeinsamen Alter Ego, es steckt viel von uns beiden in der Figur. Wichtig war uns, dass sie in ihrem Anecken nicht zum Opfer wird, sondern ihre Rätsel behält und wider­sprüch­lich bleibt. Das wollte ich mit der Szene im Treppen­haus unter­mauern. Es bleibt offen, ob sie der ohnmächtigen Nachbarin hilft oder nicht.

Der Film lässt oft Platz für Unwohlsein, bei den Protagonist*innen und auch bei den Betrachter*innen. Was war dir bei dieser Wirkung wichtig? Was möchtest du beim Zusehen auslösen?

Filmemachen heißt für mich, das Leben in seiner Ambivalenz erfahrbar zu machen. Das gilt für größere Zusammen­hänge genauso wie für alltägliche Situationen. Ich liebe es, wenn etwas witzig, unangenehm und traurig zugleich sein kann – oder noch so viel mehr. Und das lässt sich oft nur über Dauer her­stellen, die den Zwischentönen und Mehr­deutig­keiten auch Raum gibt.

Ninas fehlender Anschluss zeigt sich auch in der Begegnung mit ihren mittler­weile entfremdeten »Freundinnen«, einer besonders unange­nehmen Szene. Wie hast du diese Gruppe gecastet? Und wurde die komplette Szene in einer einzigen Ein­stellung gedreht?

Es gab kein klassisches Casting. Mit ein paar Darsteller*innen habe ich bereits gearbeitet, andere auf der Bühne gesehen. Die Zusammen­stellung der Gruppe geschah dann intuitiv, ohne Tests. Die Szene stand im Grund­gerüst fest – einzelne Wort­gefechte, der Verlauf der Dialoge und die Choreo­grafie am Tisch. Für mich war immer klar, dass ich den Rest gemeinsam mit den Schau­spieler*innen erarbeiten möchte. Wir haben dann zwei Tage geprobt und die Szene um die Improvisationen und Einfälle der Gruppe erweitert. Es hat großen Spaß gemacht zu sehen, wie sie die geschriebene Dynamik zum Leben erwecken und mit eigenen Details bereichern. Am dritten Tag wurde die Szene dann in einer Ein­stellung gedreht. Ich glaube, wir haben zehn Takes gemacht. Es war aufregend und toll, aber auch intensiv – und sehr verraucht zwischendurch.

Nina findet bei ihren alten Freundinnen keinen Anschluss mehr …
… und sucht nach Nähe zwischen eingezäunten Grünflächen und kühlen Fassaden.

Gab es bei der Entstehung des Films oder während des Drehs besondere Heraus­forderungen?

Im Vorfeld war ich oft verunsichert, weil es mein erster fiktionaler Film ist und ich davor nur dokumentarisch gearbeitet hatte. Ich habe keine Ausbildung in Schauspiel­regie und musste mich ein bisschen zwingen, ins kalte Wasser zu springen. Jetzt kann ich sagen, die größte Heraus­forderung wurde durch diesen Film zu einer neuen Leiden­schaft: Das Inszenieren von Schau­spieler*innen macht mir viel Spaß und ich bin dem Cast sehr dankbar für diesen Auftakt.

Für »Frauenfragmente: Gini und Resi« (der auch in der Cinema Next Series zu sehen ist) hast du 2021 den Preis für den besten Kurz­dokumentar­film bei der Diagonale erhalten, »Nina in einer Reihe von Begegnungen« ist 2025 auch auf der Diagonale gelaufen. Welche Bedeutung haben solche Auszeichnungen für dich?

Über den Preis für »Frauenfragmente: Gini und Resi« hab ich mich besonders gefreut, weil es ein unfassbar persönlicher Film ist. Ich bin nach wie vor sehr glücklich, dass ein paar Menschen mehr auf der Welt durch ihn einen Eindruck bekommen von diesen starken, witzigen und komplexen Schwestern, die ich stolz meine Mutter und meine Tante nennen darf. Auf Festivals meine Filme zu präsentieren, ist für mich aber vor allem so bedeutsam, weil oft eine Begegnung schon den Unter­schied macht. Wenn im Saal auch nur eine Handvoll Leute sitzen, aber eine Person danach zu mir kommt, die ehrlich mit meinem Film etwas anfangen konnte, dann berührt mich das. Dafür mache ich Filme.

Zum Abschluss: Woran arbeitest du aktuell oder als Nächstes?

Aktuell arbeite ich an meinem Langfilm­debüt. Im Mittel­punkt steht wieder eine Protagonistin in einer Umbruch­phase, aber älter und mit anderen Heraus­forderungen. Ich mag die Idee irgendwie, dass sie Nina sein könnte – nur fünfzehn Jahre später.

Sophie Gmeiner, geboren und aufgewachsen in Tirol, studierte Philosophie und arbeitete in der Film­produktion. Sie ist Gründungs­mitglied des Kollektivs Schiefer Film, konnte mit ihren Kurz­filmen zahlreiche Festival­teilnahmen verbuchen und erhielt 2021 bei der Diagonale den Preis für den besten Kurz­dokumentar­film. Aktuell ist sie Tutorin in der Klasse Narrativer Film von Thomas Arslan an der Universität der Künste Berlin. (Bild: Lino Strässer)

Eine Interviewreihe in Kooperation mit Cinema Next – Junger Film aus Österreich.

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