»Wem gehört eigentlich der Weltraum?« – Ganaël Dumreicher im Interview zu »The Woman Whose Head Was an Asteroid«

Ganaël Dumreichers Kurzfilm »The Woman Whose Head Was an Asteroid« ist ein Stück Filmmagie. Inspiration schöpft der Regisseur aus realen politischen Entwicklungen, die er surreal auf der Leinwand kommentiert. Der Kurzfilm lief 2025 bei der Diagonale, nun ist er in der Cinema Next Series kostenfrei zu streamen. Im Interview erzählt uns Ganaël Dumreicher, wie er diese ganz besondere Welt in seinem Film erschaffen hat.

© Ganaël Dumreicher — Die Bewohnerin des Planeten untersucht und pflegt die örtliche Flora.

»The Woman Whose Head Was an Asteroid« ist die nächste Veröffentlichung in der Cinema Next Series, die regelmäßig auf der Streamingplattform Kino VOD Club kostenlos spannende Filme von heimischen Filmtalenten präsentiert.

In deinen eigenen Worten: Worum geht es in »The Woman Whose Head Was an Asteroid«?

Ganaël Dumreicher: Zwei Astronautinnen landen auf einem Asteroiden und entdecken Ressourcen, die sie kommerziell verwerten möchten. Doch der Asteroid erwacht überraschend zum Leben und beginnt, sich gegen seine Ausbeutung zu wehren. Es entsteht eine direkte Konfrontation zwischen dem Himmelskörper, der sich selbst gehören möchte, und den Gesetzen, die auf der Erde über ihn entschieden wurden. Dabei stellt sich die Frage: Wem gehört eigentlich der Weltraum?

Ausgangspunkt ist eine reale politische Entwicklung: Luxemburg hat 2017 einen rechtlichen Rahmen für den kommerziellen Abbau von Ressourcen im All geschaffen. Damit könnten extraterrestrische Rohstoffe, zumindest theoretisch, von Unternehmen mit Sitz in Luxemburg kommerziell genutzt werden. Mit diesem Schritt positionierte sich das kleine Land symbolisch als Akteur in der zukünftigen Kommerzialisierung des Weltraums. Die Strategie geht auf: Rund 80 Raumfahrtunternehmen und Forschungseinrichtungen mit Fokus auf Space-Tech haben sich bisher in Luxemburg angesiedelt, eine der höchsten Dichten weltweit. Deshalb sprechen die Astronautinnen im Film Luxemburgisch. Inzwischen haben weitere Länder wie Japan oder die Vereinigten Arabischen Emirate nachgezogen.

Als halber Luxemburger war es mir ein Anliegen, dieses wenig bekannte, aber hochaktuelle Thema zu behandeln. Ein Thema, dessen wirtschaftliche Relevanz größer ist, als vielen von uns bewusst sein mag. Mit dem Film wollte ich das auf humorvolle Art und Weise ad absurdum führen.

Der Film beginnt mit einer ungewöhnlichen animierten Sequenz rund um einen Asteroidenkopf. Wie ist diese Animation technisch und konzeptuell entstanden? Und was eröffnet dir die Animation im Vergleich zum Realfilm?

Tatsächlich sind nahezu alle Szenen des Films, abgesehen vom Sternenhimmel, real gedreht. Für die Zufahrt haben wir Bady (Minck; Anm.), die Asteroidendarstellerin, mit Molton abgedeckt und nur den Kopf freigelassen. In der Postproduktion haben wir den Stoff dann so stark abgedunkelt, dass wir den Sternenhimmel einfach darauf animieren konnten. Diesen Trick haben wir in fast allen Szenen angewendet. Nach einigen umständlichen Greenscreen-Erfahrungen bei anderen Projekten haben Xavier Pawlowski, der Kameramann, und ich uns bewusst für diese einfache Lösung entschieden. Und sie hat hervorragend funktioniert. Das beeindruckende SFX-Make-up von Lisa Yang hat dem Asteroiden schließlich noch den letzten Funken Filmmagie gegeben.

Ich arbeite gerne mit einer Kombination aus real gedrehten Szenen und animierten Elementen. So lassen sich Dinge in den Filmen möglich machen, die uns im echten Leben sonst leider verwehrt bleiben. Reine Animationssequenzen nutze ich nur sehr selten, weil mir die Verbindung zu den realen Bildern wichtig ist. Die Animationen und VFX erweitern, verändern oder ergänzen diese Bilder, aber die Grundlage bleibt immer das gefilmte Material, das so einen übernatürlichen Charakter erhält.

Beeindruckendes SFX-Make-up steckt hinter der Filmmagie des Asteroiden …
… und großartiges Setdesign hinter dem Innenleben des Kopfes. © Ganaël Dumreicher

Das Innenleben des Kopfes und der Asteroid wirken fast wie eigene Bühnenräume. Du hast gemeinsam mit Justine Nguyen auch das Produktionsdesign übernommen. Wie war hier euer Prozess? Wie wurde dieses Set entwickelt? Und welche Überlegungen standen hinter seiner visuellen Gestaltung?

Wir hatten nur sehr wenig Budget, also mussten wir smart vorgehen. Das Innenleben des Gehirns haben wir aus einem flexiblen Material gebaut. Sobald ein Raum abgedreht war, haben wir die Wände umpositioniert und in neue Formen gedrückt. So konnten wir aus fünf gleichen Wänden drei unterschiedliche Räume schaffen. Die Wände waren zudem so dünn beschichtet, dass sie leicht transparent waren und von hinten beleuchtet werden konnten, wodurch sie im Film eine organische Lebendigkeit bekommen.

Die riesige Nase, aus der Pia auf die Asteroidenoberfläche kriecht, habe ich gemeinsam mit Niklas Konstacky entworfen, der sie dann umgesetzt hat. Wir haben sie als Hohlraum geplant, sodass Pia sich gut darin verstecken konnte und wir gleichzeitig wenig Material benutzen mussten. Für die Asteroidenoberfläche haben wir einen kleinen Teil des Studiobodens mit echtem Gestein belegt. Für die verschiedenen Kamerawinkel haben wir die Riesennase jeweils so verschoben, dass der Eindruck entsteht, wir befänden uns immer an einem anderen Ort auf dem Asteroiden, obwohl in Wirklichkeit alles immer an fast derselben Stelle gedreht wurde. Die Nase als höchste Erhebung wurde so zum illusorischen geografischen Anhaltspunkt für die Zuschauer*innen. Achtet mal darauf, sie kommt draußen in fast jedem zweiten Shot vor (lacht).

Im Film zeigen wir auf der Asteroidenoberfläche deshalb nur selten eine weite Einstellung, bei der der Boden zu sehen ist. Die erste Weite folgt aber direkt, nachdem Pia aus der Nase gekrochen ist. Sie ist wichtig, um den Zuschauer*innen Orientierung zu geben und sie suggeriert, dass der Asteroid eine beachtliche Größe hat. In Wahrheit bewegen sich die Darsteller*innen aber immer nur auf einem kleinen Bereich; den Rest des Bodens haben wir in der Postproduktion ergänzt. Solange sich dort nichts bewegt, ist das sehr einfach umzusetzen.

Du arbeitest auch im Bereich Installation und Performance. Wo siehst du Überschneidungen zwischen diesen Formen und deiner filmischen Arbeit?

Ich fühle mich sowohl in der bildenden Kunst als auch im Film, in der experimentellen Musik und in der Popmusik zu Hause. Mittlerweile bin ich superglücklich darüber, dass ich so vielen Interessen nachgegangen bin, das ist aber nicht immer so gewesen. Lange Zeit habe ich damit gehadert, denn wenn man auf mehreren Gleisen gleichzeitig unterwegs ist, hat man schnell das Gefühl, dass man ständig von Zügen überholt wird, die sich auf eine Sache spezialisiert haben (lacht).

Inzwischen ist mir klar geworden, dass die verschiedenen Handwerke, Umfelder und Einflüsse, die ich lange getrennt voneinander gedacht habe, immer stärker in meinen Arbeiten zusammenfließen und dass meine audiovisuelle Sprache stark durch diese unterschiedlichen Hintergründe geprägt ist. »The Woman Whose Head Was an Asteroid« ist dafür ein gutes Beispiel: Neben Regie, Drehbuch und Schnitt habe ich hier auch das Sounddesign sowie gemeinsam mit Justine das Setdesign gemacht. Ohne mein früheres Musikstudium und ohne die Erfahrungen aus dem installativen Arbeiten hätte ich es mir vermutlich nicht zugetraut, hier all diese Rollen zu übernehmen.

Aber auch bei Filmen, für die ich als Regisseur mit Sounddesigner*innen, Musiker*innen oder Editor*innen zusammenarbeite, hilft es enorm, dass wir neben der verbalen noch eine andere gemeinsame Sprache teilen. Oft sitze ich in der Postproduktion daneben und probiere am eigenen Laptop mit Kopfhörern Sound- oder Schnittideen aus, bei denen es zu mühsam wäre, wenn wir jede einzelne gemeinsam entwickeln müssten. So gewinnen wir beide Zeit und haben mehr Raum, um weitere spannende oder verrückte Ideen auszuprobieren.

Der Film behandelt hochaktuelle Themen wie Space-Mining, Weltraumrecht und nationale Ansprüche auf Ressourcen. Was interessiert dich an diesen politischen Entwicklungen?

Im Februar 2024 landete die erste private Mission auf dem Mond, 2025 bereits die zweite. Space-Mining ist in der breiten Gesellschaft kaum bekannt, aber wenn man mit Spezialist*innen spricht, wird schnell klar, dass dieser Wirtschaftszweig bald an Bedeutung gewinnen wird und dass demokratische Strukturen darauf kaum vorbereitet sind. Die UNO verfügt nur über begrenzte Mittel, um Regulierungen im Weltraum durchzusetzen, und der letzte international verbindliche Vertrag zu diesem Thema stammt aus dem Jahr 1967. Der Weltraum droht so, zum Wilden Westen des 21. Jahrhunderts zu werden, in dem das Recht des Reicheren gilt. Bereits jetzt entstehen hier erste Monopole wie Space X. Space-Mining ist ein komplexes Thema, das durchaus positive Seiten hat, aber es wirft auch moralische und ethische Fragen auf, die wir als Gesellschaft gemeinsam verhandeln müssen. Wie verhindern wir, dass diese Entwicklung globale Ungleichheiten weiter verschärft?

Welche Projekte hält die Zukunft für dich bereit? Arbeitest du bereits an etwas Neuem?

Gerade ist eine Phase, in der viele Dinge, die in den letzten Jahren parallel entstanden sind, gleichzeitig zusammenkommen. Nächste Woche eröffnet im MAK eine Ausstellung – sie läuft von 11. Februar bis 26. Juli 2026 –, deren zentrales Werk »Brute Force« ist; eine Videoinstallation, die ich gemeinsam mit Felix Lenz realisiert habe und an der wir über drei Jahre gearbeitet haben. Gleichzeitig wird mein neuer Kurzfilm »Osmosis«, der aufgrund komplexer VFX fast eineinhalb Jahre in der Postproduktion war, in ein paar Wochen seine Kinopremiere feiern. Und vor Kurzem habe ich erfahren, dass ich als Teil des Musikerteams von Bibizas neuem Club-Mixtape (»Morgen hör ich auf!«; Anm.), zu dem ich einen sehr spät nachts entstandenen Track beigesteuert habe, für einen Amadeus Award mitnominiert bin. Es fühlt sich gut an, wie diese unterschiedlichen Welten gerade zusammenkommen.

Unabhängig davon arbeite ich an meinem neuen Kurzfilm, den ich im Frühsommer wieder gemeinsam mit Xavier als Kameramann drehen werde. Ich freue mich dementsprechend schon sehr auf die nächsten Monate.

Ganaël Dumreicher, geboren 1996 in Wien, ist Filmregisseur und Komponist. Seine Filme wurden im Rahmen von verschiedenen internationalen Filmfestivals und Ausstellungen gezeigt und ausgezeichnet. Er studierte Transmediale Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien und experimentelle Komposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Eine Interviewreihe in Kooperation mit Cinema Next – Junger Film aus Österreich.

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