Laut, selbstbewusst und widerständig: So erkämpfen sich Musiker*innen mit Behinderung die Bühnen Österreichs und der Welt.

Behinderte Körper auf der Bühne sind selten. Umso mehr ist schon allein deren Anwesenheit ein Akt des Widerstands und ihre Musik eine Waffe im Kampf für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Seit der NS-Zeit wird Behinderung allzu häufig als beseitigbarer Makel betrachtet und diese Ansicht ist in unserer Gesellschaft noch immer tief verwurzelt. Um das zu ändern, ist die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung sowie die Hörbarkeit ihrer Stimmen in einem zutiefst politischen und ohnehin schon schwer zugänglichen Bereich wie der Musikindustrie von nicht zu unterschätzender Bedeutung.
Das sieht Dom Delicious, Aktivist*in und Musiker*in bei der Wiener Punkband Dregs, ähnlich: »Meine Message ist, dass ich als Mensch mit Behinderung auf der Bühne bin und zeige, dass da Raum für uns sein kann.« Dey erklärt, dass enge Gänge und verwinkelte Backstagebereiche Künstler*innen mit körperlichen Behinderungen einschränken können und Hürden darstellen. Zudem sei die Situation von Menschen mit Behinderung deutlich prekärer als ohnehin schon für Künstler*innen generell. Denn eine Arbeit zu finden, sei schwieriger und manche Menschen mit Behinderung seien gar nicht mehr am Arbeitsmarkt vermittelbar.
Viele der Barrieren beim Musikmachen sind oft weniger sichtbar, als man zunächst erwarten würde. Es sind nicht nur fehlende Aufzüge oder unzugängliche Backstagebereiche, die Barrieren für Musiker*innen mit Behinderung darstellen. Der Grund für diese materiellen Barrieren sind nämlich vor allem unsichtbare Hürden: Vorurteile, Unwissen, Infantilisierung und die hartnäckige Annahme, Menschen mit Behinderung seien »anders«.

»Barrieren im Kopf«
»Viel fehlende Barrierefreiheit kommt einfach daher, dass Menschen gar nicht darüber nachdenken, dass etwas eine Barriere sein könnte, weil es für sie selbstverständlich ist, dass es kein Problem ist«, erklärt Dom Delicious. »Entertainment is not a disabled person’s world. Aber nichtsdestotrotz sind wir da und wir versuchen uns den Raum zu nehmen. Es ist nicht immer einfach und unkompliziert, aber: We gotta keep fighting.«
Dasselbe Thema spricht auch Behindertenrechtsaktivistin und Musikerin Julia Brandstötter an: »Das Problem sind die Barrieren im Kopf, die die Leute haben. Denn ein Aufzug ist gleich mal angebaut.« Was fehle, sei nicht nur Technik, sondern primär Haltung. »Wirklich weiterzudenken und mit Menschen mit Behinderung zu reden, das macht selten jemand. Dabei können wir am besten sagen, was wir brauchen und was nicht.«
Für Brandstötter kommt noch eine weitere Ebene hinzu: die Geschlechterfrage. Die Musikszene sei ohnehin männerdominiert, erläutert sie – und als Frau mit Behinderung spüre sie diese Schieflage noch deutlicher. Weniger Chancen, weniger Sichtbarkeit, mehr Zweifel von außen. Von der Musikindustrie wünscht sie sich vor allem zwei Dinge: »Dass sie noch offener wird. Und dass nicht alles schlecht geredet wird, nur weil es von einem Menschen mit einer Behinderung kommt.«
Kulturelle Teilhabe
Dabei ist die rechtliche Grundlage eigentlich eindeutig: Die UN-Behindertenrechtskonvention garantiert kulturelle Teilhabe, also auch Zugang zu musikalischer Bildung, Bühnen und Öffentlichkeit. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine große Lücke. »Viele Musiker*innen mit Behinderung arbeiten als Einzelkämpfer*innen«, erzählt Christoph Heiß, Gründer des Powerband Festivals, das Inklusion auf der Bühne feiert.
Betroffene Musiker*innen tun zwar vieles dafür, Bewusstsein zu schaffen, bleiben dabei aber oft ohne strukturelle Unterstützung. Die Interessengemeinschaft Musik Inklusiv Österreich versucht, das zu ändern. Heiß, der auch bei der NGO tätig ist, erklärt, dass es deren Ziel sei, Menschen zu vernetzen, um gemeinsam Forderungen stellen zu können. Für ihn eine wichtige Arbeit, denn: »Nur durch eine inklusive Gesellschaft kann Frieden entstehen.« Mit dem von ihm organisierten Powerband Festival möchte er diesem Ideal ebenfalls näherkommen. Dort treffen internationale Musiker*innen mit und ohne Behinderung aufeinander. »Es entstehen unglaubliche zwischenmenschliche Begegnungen sowie gelebte Inklusion«, berichtet Heiß.

Vereint durch Musik
Für gelebte Inklusion setzt sich auch die Band Monkeys of Earth ein. Wer sie zum ersten Mal hört, merkt sofort: Dieser Sound passt nicht in verengte Schubladen. Sie mischt Punk mit Klassik sowie anderen Genres und macht dabei vor allem ihr eigenes Ding. Ihr Sound ist energiegeladen, wild, manchmal verspielt – und genau dadurch unverwechselbar. Eine Band, die rockt, und zwar nicht trotz der Behinderung einiger Mitglieder, sondern gerade wegen der einzigartigen Ausdrucksformen, die daraus entstehen.
Was die Wiener Band auszeichnet, ist die Vielfalt ihrer Mitglieder: Laura Rambossek als vorwiegend klassische Pianistin mit einem absoluten Gehör; Manu Hauer mit ihrer eigenen poetischen Sprache, mit der sie tiefe Emotionen ausdrückt; Ron Pfennigbauer als aktivistischer Redner, Moderator und Sänger; Markus Kranzler als Schlagzeuger; und Antti Kaikkonen als Bandleader, Gitarrist und Organisationstalent. Eine Mischung, die nicht nur musikalisch beeindruckt, sondern auch politische Kraft entwickelt. Pfennigbauer: »Wir können Dinge ansprechen, die andere Bands nicht ansprechen. Das hat viel mit Aktivismus zu tun. Und mit Antifaschismus. Mehr Akzeptanz, mehr Liebe, mehr Widerstand.«

Exklusive Inklusion
Gerade die Besonderheiten jedes einzelnen Mitglieds – ob mit oder ohne Behinderung – prägen den Sound der Band. Die Vocals der Sängerin Manu Hauer etwa bestehen aus einer eigenen, intuitiven Sprache, ohne klare Worte. »Man könnte sagen, dass sie das aufgrund ihrer Behinderung so macht. Aber eigentlich bringt das etwas für die Musik selbst, macht sie besonders und ganz eigen«, meint Bandleader Kaikkonen. Was gesellschaftlich als Einschränkung markiert ist, wird zur künstlerischen Stärke, zu einer Form des Ausdrucks, die ebenso widerständig wie subversiv ist.
Deshalb bedeutet Inklusion für Monkeys of Earth auch, dass alle Mitglieder auf Augenhöhe zusammenarbeiten und gemeinsam, wie Pfennigbauer schmunzelnd sagt, »die Bühne zerlegen«. »Wir arbeiten gleichberechtigt, unabhängig und selbstbestimmend«, hält auch Keyboarderin Rambossek fest. »Jeder Mensch soll bei uns gleiche Rechte haben.« Gleichzeitig betont Kaikkonen, dass der Begriff »inklusive Band« auch irreführend sein könne: »Eigentlich sind wir sehr exklusiv – wir sind fünf Menschen, eine geschlossene Gruppe. Man muss gut spielen können, um bei uns dabei zu sein.«
Auf die Frage, ob Behinderungen beim Musikmachen und in der Dynamik der Band eine Rolle spielen, antwortet Pfennigbauer ohne Zögern: »Nein, überhaupt nicht. Jeder kann das, was er kann. Und jeder trägt seinen Teil bei.« Was für Monkeys of Earth zählt, ist das Zusammenspiel als Band, nicht die Behinderung.
Dieses vereinende Moment der Musik betont auch Punkmusiker*in Dom Delicious: »Jede Revolution, jede Bewegung hat irgendwo Musik im Hintergrund. Sie ist ein guter Einstiegspunkt für Leute, um über Sachen nachzudenken, weil sie zunächst einmal Spaß macht. Erst danach schaust du dann auf die Lyrics und merkst, dass da vielleicht noch eine Message dahintersteckt. Musik kann eigentlich nicht nichtpolitisch sein – gerade in einer gewinnorientierten Gesellschaft, in der so ziemlich alles produktiv sein muss.«
Weitere Infos zu Julia Brandstötter finden sich auf Instagram. Monkeys of Earth sind am 2. Mai bei Inklusion im Park im Belvedereschlössl in Stockerau und am 27. Juni beim S’Werkl-Straßenfest am Yppenplatz in Wien live zu erleben. Das Powerband Festival findet am 9. Mai im Glenthof in Imst statt. Die Musik der Band Dregs mit Dom Delicious hört ihr am besten bei Bandcamp.