»Die ganze Stadt miteinbeziehen« – Gabriel Roland, Direktor der Vienna Design Week, im Interview

Bereits zum zwanzigsten Mal bietet die Vienna Design Week heuer eine interdisziplinäre Plattform für Produkt- und Industriedesign, Architektur, Social Design sowie Handwerk. Wir haben Direktor Gabriel Roland anlässlich des Festivaljubiläums zum Gespräch getroffen.

© Elsa Okazaki

2007 fand die erste Vienna Design Week statt. Seither verwandelt sie Wien jeden Herbst in eine »City Full of Design«. Hervorgegangen aus dem Projekt »Passionswege« wurde Österreichs größtes kuratiertes Design­festival zu­nächst von seinen Gründer*innen Tulga Beyerle, Thomas Geisler und Lilli Hollein geführt, bis Hollein 2013 schließlich die alleinige Leitung übernahm. Seit ihrer Berufung zur Generaldirektorin des Museums für angewandte Kunst im Jahr 2021 steht Gabriel Roland dem Festival vor. Für ihn ist die Vienna Design Week ein Raum, um zu zeigen, an welchen Orten der Stadt und in wie vielen Facetten Design hier zu finden ist. Im Inter­view spricht er über Vermittlung, über Werte und darüber, was das Festival auch nach zwei Jahr­zehnten noch frisch hält.

Du bist treuen The-Gap-Leser*innen kein Unbekannter. Früher hast du selbst für das Magazin geschrieben. Nun bist du schon einige Jahre Direktor der Vienna Design Week. Kannst du deinen Werdegang ein wenig skizzieren?

Gabriel Roland: Da gibt es zwei Aspekte: Einerseits habe ich viel im Medien­bereich gearbeitet, unter anderem beim Verlag Monopol und bei The Gap. Dort konnte ich Erfahrungen in der Text- und der Organisations­arbeit sammeln. Andererseits komme ich tatsächlich selbst aus dem Design­bereich. Ich bin ausgebildeter Textil­designer. Was ich bei der Vienna Design Week mache, ist zwar kein Design, aber aus dieser Mischung unter­schiedlicher Skills ist dann ein Profil entstanden, das für die Leitung eines Festivals sehr gut nutz­bar ist.

Was gehört alles zu deinem Aufgaben­bereich als Direktor?

Die Position eines Direktors ist, denke ich, eine, bei der es keinen fest­gelegten Aufgaben­bereich gibt. Oder anders: Der Bereich ist alles. Das Inte­res­sante und Schöne an meinem Job ist, dass ich mit vier Kolleginnen zusammen­arbeiten kann und meine Rolle dabei darin besteht, deren spezifische Arbeit an ihren Projekten zu einem großen Ganzen zusammen­­zufassen. Neben der Gestaltung von organisa­torischen und personellen Abläufen, der Finanz­planung und den kuratorischen Entscheidungen geht es aber vor allem um Kommunikation und Repräsentation nach außen. Das meint unter anderem die Netz­werk­arbeit mit vielen Partner*innen, Institutionen und Organisationen, mit denen wir kooperieren. Ihre je­weiligen Positionen sind für unser Festival sehr wichtig, weil wir eine große Breite in den Geschichten, die wir erzählen, abbilden wollen. Deshalb versuchen wir, mit ihnen gemeinsame Projekte und Visionen zu finden und zu verfolgen.

Und welche Geschichten sind das? Was möchtet ihr euren Besucher*innen vermitteln?

Wir möchten der Öffentlichkeit einen Zugang dazu ermöglichen, was De­signer*innen machen. Außerdem wollen wir Designer*innen ein Selbst­bewusstsein geben, indem wir ihnen eine Plattform bieten, um zu erzählen, was ihnen wichtig ist und was sie mit ihrer Arbeit erreichen wollen. Das kann von einer kon­zep­tionellen, kritischen Auseinander­setzung mit einem schwierigen Thema bis hin zu etwas reichen, das ihnen – und uns – einfach Freude macht. Dabei ist uns eine will­kommen heißende, persönliche und zugängliche Art ein Anliegen, mit der wir möglichst viele Menschen abzuholen hoffen, damit sie auch außerhalb des Festivals eine Verbindung zwischen Design und ihrem Leben schaffen können.

Welche Intention steht hinter eurem Vermittlungs­programm?

Es ist uns wichtig, für Menschen, die sich für Design interessieren und daran teilhaben wollen, Möglichkeiten zu finden, mit ihrem Wissen sowie ihren Interessen zu uns zu kommen und dabei auch Neues zu entdecken. Das kann einerseits etwas an dem Ort sein, an dem sie leben, die Stadt mit ihrem gebauten Umfeld, oder andererseits die Arbeit von Designer*innen beziehungs­weise konkrete Produkte von Unternehmen. Für Leute, die sich viel mit Design auseinander­setzen und ganz in die Tiefe eines bestimmten Themas gehen wollen, kann es aber auch etwas Fach­spezifischeres sein – beispiels­weise mithilfe eines Workshops oder einer Panel­diskussion. Für all das soll die Vienna Design Week einen kommunikativen Rahmen bieten. Dieser reicht von der Schultour, bei der man auf kind- oder jugend­gerechte Art und Weise das Festival­programm entdeckt, bis hin zu einer Masterclass, in der ganz gezielt zu einem Themen­bereich ge­arbeitet wird.

Festivalzentrale der Vienna Design Week 2026 am Hietzinger Kai 101 (Bild: Christoph Wimmer / Vienna Design Week)

Habt ihr dieses Jahr einen Schwerpunkt, zu dem kuratiert wurde?

Eigentlich haben wir nie ein übergreifendes Thema oder Motto. Dagegen haben wir uns immer ein wenig gewehrt. Das Festival ist aus mehreren Formaten aufgebaut – die sich mitunter schon mit gewissen Themen auseinander­setzen – und ge­mein­sam ergeben sie dann das Programm. Dieses Jahr ist es ein bisschen anders, weil sich das zwanzig­jährige Jubiläum als großes Thema durch das Festival zieht. Es zieht sich heuer durch unsere ganze Arbeit, von Anfang bis Ende. Worüber wir viel nachgedacht haben, ist zum einen der Rückblick auf zwanzig schöne, erfolgreiche Jahre und wie wir diesen schönen Moment feiern können. Und zum anderen der Ausblick darauf, was wir noch gerne machen würden und wie sich die Rolle der Vienna Design Week weiter­entwickeln wird.

Speaking of zwanzig Jahre Vienna Design Week: Was hat sich in all den Jahren verändert? Was wurde beibehalten?

Auf der einen Seite ist das Festival stark gewachsen. Das hat schon in den ersten Jahren mit den »Passions­wege«-Projekten angefangen. Bei diesem Format bringt die Vienna Design Week traditionelle lokale Hand­werks­betriebe mit inter­nationalen Designer*innen zusammen. Rundherum hat sich das Festival dann über die Jahre mit all seinen unter­schiedlichen Formaten, seinen vielen Teil­nehmer*innen und seinem großen Publikum entwickelt. Gewisse Dinge bringt seither jede Aus­gabe mit, beispiels­weise den inter­nationalen Kurs. Daneben die deutliche Ausrichtung auf die Stärken der lokalen Design­szene, die aber mit der Welt vernetzt werden soll, um Neues zu entdecken. Dieses Brücken­bauen ist bis heute eine Konstante. Genauso wie die starke Ausrichtung auf unser Publikum – etwa bei freiem Eintritt Design an Orten zu zeigen, an denen die Menschen sich im Alltag aufhalten. Es ist also ein Festival, das die ganze Stadt mit­einbezieht. All das sind Werte, nach denen wir unsere Arbeit nach wie vor ausrichten, seit sie von unseren Gründer*innen Tulga Beyerle, Thomas Geisler und Lilli Hollein festgelegt worden sind. Von Aus­gabe zu Ausgabe setzen wir uns damit auseinander, wie wir diese Werte und diese Vision auslegen wollen und was sie bedeuten.

Habt ihr schon neue Visionen für die nächsten Jahre?

Ich glaube, es ist noch ein bisschen zu früh, um das zu sagen. Unser Fokus ist das Jetzt. Aber es gibt eben Werte und einen Charakter, die die Vienna Design Week pflegt – ausgelebt auf ganz viele unter­schiedliche Weisen, sonst wäre uns ja in den letzten zwanzig Jahren langweilig geworden. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass diese Rahmen­bedingungen, die wir geschaffen haben, in Zukunft weiterhin funktio­nieren werden.

Die zwanzigste Ausgabe der Vienna Design Week findet von 25. September bis 4. Oktober 2026 statt.

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