In ihrem neuen Film werfen Tizza Covi und Rainer Frimmel einen Blick auf den Musiker Al Cook und präsentieren uns einen Mann, der den Blues liebt und lebt und der kompromisslos seinen Weg geht.

Al Cook sitzt in seiner Wohnung im dritten Bezirk, als plötzlich das Licht ausgeht. Das ist kein Zufall, denn der Wiener Bluesmusiker ist der letzte Bewohner im Haus. Dieses soll bald abgerissen werden, doch Cook weigert sich auszuziehen, und die Kommunikation zwischen ihm und den Eigentümer*innen wird immer rauer. So beginnt Tizza Covis und Rainer Frimmels neuer semifiktionaler Film »Wiener Blues: The Loneliest Man in Town«. Die beiden Regisseur*innen kennen Cook bereits lange, besuchten seine Konzerte, machten Tonaufnahmen sowie Fotos von ihm. Nach und nach entstand die Lust, einen Film über den 1945 in Bad Ischl geborenen Musiker zu machen.
Covis und Frimmels Faszination für ihre Protagonist*innen ist auch diesmal deutlich zu spüren. Wir treffen auf einen Mann, der an seine verstorbene Ehefrau denkt, Elvis Presley und den Delta Blues verehrt; einen Mann, für den im Wien des 21. Jahrhunderts wenig Platz zu sein scheint. Zugleich nimmt uns der Film in seiner gekonnten Mischung aus Realität und Fiktion mit in eine Welt, die im Verschwinden begriffen ist. Im legendären Café Weidinger standen uns die beiden Filmemacher*innen Rede und Antwort.

Wie seid ihr auf die Person Al Cook gestoßen? Könnt ihr euch noch an das erste Treffen erinnern?
Tizza Covi: Für einen Menschen, der in Wien lebt und sich für Blues interessiert, ist es fast unmöglich, nicht auf Al Cook zu stoßen, denn er ist hier eine ziemlich Legende. Wir hörten schon als junge Menschen viel Blues und waren oft auf seinen Konzerten, auch auf kleineren, bei denen es leichter war, mit ihm in Kontakt zu treten.
Wie würdet ihr Al Cook beschreiben?
Rainer Frimmel: Al Cook ist ein sehr liebenswerter Mensch, der den Delta Blues verinnerlicht hat – es gibt für ihn nur diese Art der Musik und er lebt dafür. Obwohl er sich damit oft unverstanden fühlt, will er sich nicht an dem Zeitgeist anpassen.
Covi: Er hat viele Gemeinsamkeiten mit uns: Er ist ebenfalls Autodiktat, macht alles selbst und möchte alles kontrollieren. Wir machen bei unseren Filmen ja auch nicht nur Drehbuch und Regie, sondern auch die Produktion und technische Departments wie Schnitt. Wir sind zudem ebenso kompromisslos in unserer Kunst wie er und diskutieren öfter über die Frage, inwiefern man bei der eigenen Kunst Kompromisse eingehen soll oder inwiefern man konsequent bleiben und dennoch von der eigenen Kunst leben kann.
Frimmel: Al Cook bekam einmal das Angebot in Eric Claptons Band zu spielen, aber er lehnte es ab, weil dessen Musik nicht seinen Vorstellungen von Blues entsprach.
Wie kam der Wunsch auf, mit ihm einen Film zu drehen? War er selbst gleich angetan von der Idee?
Covi: Wir machten häufig Tonaufnahmen mit ihm und fotografierten ihn. Über die Jahre hinweg sprachen wir immer wieder darüber, dass es interessant wäre, filmisch mit ihm zu arbeiten. Es war also ein Prozess, es war immer im Gespräch.
Frimmel: Auch dank seiner 700 Seiten umfassenden Autobiografie wussten wir sehr gut über sein Leben Bescheid. Er selbst war ursprünglich eher daran interessiert, dass jemand eine klassische Doku über ihn und sein Leben macht, aber wir konnten ihn davon überzeugen, den Film als Spielfilm anzulegen.
Die Dreharbeiten fanden 2024 statt. Was ist euch davon in Erinnerung geblieben?
Covi: Unglaublich erleichternd für uns war, dass wir erstmals zu dritt am Set waren, denn Lennart Hüper hat uns als Kameraassistent und beim Licht unterstützt, er war aber auch als Regieassistenz wichtig. Al Cook war damals kurz davor, seine Wohnung zu renovieren, er hatte schon alles vorbereitet. Aber wir haben ihn gebeten, damit zu warten, bis die Dreharbeiten abgeschlossen sind. So bauten Lotte Lyon und Christian Gschier seine für die Renovierung geleerte Wohnung in reduzierter Form mit seinen eigenen Einrichtungsgegenständen wieder auf. Das war extrem wichtig, denn wir wollten nicht in einer fiktiven Wohnung drehen. Am Set kam es manchmal zu Diskussionen, aber er gab stets alles. Wenn wir eine Szene zwanzigmal drehen mussten, dann drehten wir sie eben zwanzigmal.
Frimmel: Wir drehten diesmal vom Stativ, davor hatten wir großteils nur mit Handkamera gearbeitet. Al Cook schenkte uns viel Vertrauen und noch mehr Zeit. Eigentlich ist Al ein Showman, der die Bühne braucht, um aufzutauen und sein wahres Ich zu zeigen. Film ist aber etwas anderes. Es war für ihn neu, eine fiktive Rolle zu spielen, doch diese große Herausforderung meisterte er hervorragend.

Der Film vermischt bewusst Realität und Fiktion. Warum habt ihr diesen Weg gewählt und wie seid ihr mit dieser Mischform umgegangen?
Covi: Unsere Filme leben immer von unserer uneingeschränkten Begeisterung für unsere Protagonist*innen und wir wollen das Publikum in deren Welt mitnehmen. Daher ist es uns wichtig, dass unsere filmischen Figuren zum Teil der Realität entspringen. Für uns haben die Laiendarsteller*innen eine sakrale Authentizität. Es wäre für uns undenkbar, dass eine andere Person Al Cook spielt, weil wir eben seine Eigenheiten zum Strahlen bringen wollen. Und es ist uns auch ein Anliegen, neue Gesichter für die Kinoleinwand zu entdecken.
Frimmel: Das ist für mich das Faszinierende am Medium Film: Dass man die Wirklichkeit und die Zeit festhalten kann, auf der Suche nach irgendeiner Wahrheit. Wir haben diesen Weg gefunden, Doku und Fiktion zu mischen – mal etwas mehr vom einen, mal mehr vom anderen. Aber letztlich ist ja jeder Film eine Mischung dieser beiden Genres. Es gibt nichts rein Fiktives oder rein Wahres. Wenn man die Filmgeschichte betrachtet, war das ja bereits bei den den ersten Filmen der Brüder Lumière der Fall, dass Fiktion und Realität kaum voneinander zu trennen waren. Daher besetzen wir auch die Nebenrollen mit authentischen Darsteller*innen – diesmal zum Beispiel eine Frau aus einem Reisebüro oder jemanden von der Mietervereinigung.
Wie sieht denn da der Castingprozess aus?
Covi: Wir schreiben für unsere Protagonist*innen, daher passen wir die Rollen an sie an. Oft wissen wir schon, welche Personen in unserem nächsten Film vorkommen sollen. Unseren Darsteller*innen fällt es leichter, zuzusagen, weil sie uns bereits kennen und wir in einem kleinen Team arbeiten. Wir drehen mit analogem Film, deswegen können die Darsteller*innen sich nie sehen und dann ihr eigenes Bild kontrollieren. So bleiben sie unbefangen.
Ihr scheint eine Liebe für die analoge künstlerische Arbeit zu haben. Ist das eine weitere Gemeinsamkeit mit Al Cook?
Frimmel: Sicherlich. Al Cook verwendet Mikrofone aus den 1940er- und 1950er-Jahren, die einen ganz eigenen Klang haben. Auch wir haben lange mit einer vierzig Jahre alten Kamera gearbeitet, die uns leider bei den letzten Dreharbeiten in Italien gestohlen wurde. Analog zu drehen, das hat für uns nicht nur ästhetische Gründe, sondern es ist eine andere Idee, eine andere Methode. Die Arbeitsweise ist konzentrierter, man bekommt nicht sofort das Material zu sehen, es kann viel schiefgehen, es fühlt sich verletzlicher an. Wir ziehen aus den Beschränkungen, die wir dadurch haben, Vorteile.
Covi: Wir drehen auf 16-Millimeter-Film, das ist ein ziemlich kleines Bildfenster – mit sehr vielen Fehlern, Unschärfen und Korn. Das passt äußerst gut zu uns und unseren Protagonist*innen. Jeder Film, den wir machen, dreht sich um die Frage, was es bedeutet, heutzutage ein Mensch zu sein. Da ist das analoge Filmmaterial die ideale ästhetische Form.
Welchen Zusammenhang seht Ihr zwischen Wien und dem Blues – auch im Vergleich zum Wienerlied?
Covi: Das Wienerlied war der Ausgangspunkt unseres Films »Aufzeichnungen aus der Unterwelt«. Beim Wienerlied wird viel gemeinsam gesungen, um Erinnerungen aufleben zu lassen und in Nostalgie einzutauchen. Der Blues hat das weniger, er ist eine Musikrichtung, die mich nicht unbedingt zum Mitsingen anregt.
Frimmel: Die Themen ähneln einander allerdings: Liebe, Schmerz, Verlust, aber auch Lebensfreude, denn Blues kann sehr humorvoll sein. Und Wien trägt auch sehr viel Blues in sich. Blues ist sehr ambivalent und bittersüß.
Covi: Dass Wien und der Blues zusammenpassen, ist vor allem Al Cook zu verdanken, denn sonst gäbe es diese Verbindung gar nicht. In unserem Film geht es auch um eine Stadt, die im Verschwinden begriffen ist: die Wirtshäuser, die zusperren; die alten Gebäude, die abgerissen werden. Dazu passt der Blues fastbesser als das Wienerlied.
Frimmel: Das besingt das Wienerlied aber auch, da gibt es schon Gemeinsamkeiten.
Covi: Im Wienerlied geht es oft um den Tod, um Wein und um Frauen. Beim Blues geht es in vielen Songs darum, dass ein Mann oder eine Frau den Partner beziehungsweise die Partnerin aus dem gemeinsamen Haushalt wirft. Dieses Gefühl von Verlust verbinde ich also eher mit dem Blues, weniger mit dem Wienerlied.

Wir beobachten den Protagonisten in seiner außergewöhnlichen Wohnung sowie in traditionellen Gasthäusern; wir sehen, wie er seine Musikmemorabilia durchsieht und wie Menschen seine alten Wohngegenstände abholen. Was war euch wichtig bei diesem Blick in die Vergangenheit?
Frimmel: Die Perspektive ist sehr auf Al Cook bezogen. Natürlich befindet sich jede Stadt im Wandel, entwickelt sich, verändert sich, wird moderner. Al Cook kann das nicht mitmachen, er ist in seiner Zeit verhaftet – für ihn ist dieser Wandel daher umso schwerer. Folglich bietet sich hier der Vergleich mit einer Stadt wie Wien an. Diese Veränderungen haben negative Seiten wie zum Beispiel Gentrifizierung, steigende Mieten – und dass ältere Mieter*innen aus den Wohnungen geschmissen werden, damit Firmen daraus Profit schlagen können. Zudem verschwinden bestimmte Berufsgruppen wie etwa Kohlehändler*innen, aber das ist mitunter ein Zeichen der Zeit; bestimmten Dingen muss man auch nicht nachtrauern.
Covi: Viele Kinos sind verschwunden, auch in unserer Wohngegend. Wobei manche davon mittlerweile vielleicht wieder funktionieren könnten. Die Zeit wandelt sich immer in eine Richtung und schwingt dann in die andere zurück. Es ist wie ein Pendel, das ausschlägt. Nur kann man aus einem Supermarkt kein Kino mehr machen; oder aus einer Pizza-Hut-Filiale wieder das alte Wirtshaus, das vorher dort existiert hat.
Zielen diese Entwicklungen vor allem darauf ab, Städte für den Tourismus interessant zu machen?
Covi: Über unser Viertel kann ich das nicht behaupten, da kommen keine Tourist*innen hin, da merken wir das nicht.
Frimmel: Aber es ist ein globales Phänomen, dass der Tourismus völlig außer Kontrolle geraten ist. Das Spezielle an Wien ist, dass es selbst im ersten Bezirk noch Geschäfte gibt, bei deren Betreten man sich in die Vergangenheit zurückversetzt fühlt. Es gibt immer wieder Orte, bei denen man wirklich erstaunt ist, wie die überlebt haben, wo einfach die Zeit stehengeblieben ist.
Auch das Älterwerden und eine potenzielle Alterseinsamkeit spielen in »Wiener Blues« eine Rolle. Ist der Al Cook in eurem Film ein einsamer Mensch?
Covi: Die Einsamkeit innerhalb der eigenen vier Wänden ist ja oft eine selbst gesuchte Einsamkeit, mit der man auch glücklich sein kann. Al Cook ist in seiner Wohnung, mit seinen Gitarren und Platten ein glücklicher Mensch, das wollten wir zeigen. Die Tatsache, dass er aus seiner Verwurzelung genommen wird, das ist der Grund für seine Einsamkeit.
Frimmel: Seine Einsamkeit folgt zudem aus dem Gefühl, nicht verstanden zu werden.
Covi: Den Delta Blues, den er liebt, liebt fast niemand hier. Seine Kleidung, sein Musikgeschmack, das sind alles Dinge, die ihn einsam machen, weil seine Vorlieben nicht von anderen geteilt werden. Passionen zu teilen, macht weniger einsam. Daher ist es ein großer Traum von ihm, in die USA zu reisen, in die Heimat des Delta Blues. Den hat er sich jedoch bislang noch nicht erfüllen können. Unerfüllte Träume sind aber ein sehr schöner Ausgangspunkt für Geschichten.
Im Film will Al Cook schlussendlich einen Neuanfang wagen. Warum war euch dieser Sinneswandel wichtig?
Covi: Ich finde Neuanfänge immer spannend. Was alle unsere Figuren gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie niemals aufgeben, dass sie sich nicht davor scheuen, neu anzufangen. Das bewundere ich sehr. Wenn wir den Menschen irgendetwas mitgeben möchten, dann ist es, den Mut zu haben, immer das Beste aus einer noch so schweren Situation zu machen. Gerade bei Al Cook ist das besonders bemerkenswert, weil er ja nicht mehr der Jüngste ist. Da berührt der Neuanfang besonders.
»Wiener Blues: The Loneliest Man in Town« von Tizza Covi und Rainer Frimmel ist ab 13. November 2026 in den österreichischen Kinos zu sehen. Der Film wird zudem am 3. November als Abschlussfilm bei der diesjährigen Viennale gezeigt.