Mehrere Jahre lang begleitete Harald Friedl den SPÖ-Politiker Andreas Babler und sein Team mit der Kamera und hielt im Zuge dessen den Prozess eines Wahlkampfs fest. Dabei habe sich für ihn durchaus Überraschendes gezeigt, so der Filmemacher.

Bei Veranstaltungen oder im Büro, backstage beim ORF oder mit seiner Frau im Auto: Harald Friedl folgte Andreas Babler und seinem Team geraume Zeit mit der Kamera. Auf Basis dieser Aufnahmen entstand der Dokumentarfilm »Wahlkampf«, der nicht nur Bablers Karriere – vom Bürgermeister über den SPÖ-Parteivorsitz bis hin zum Mitglied der aktuellen Regierung – zeigt, sondern zugleich, wie herausfordernd ein Wahlkampf sein kann und wie politische Prozesse aktuell funktionieren (müssen).
Dabei werden sowohl die alltäglichen Anstrengungen sichtbar als auch die Menschen hinter dem Spitzenkandidaten. Jung, motiviert und vor allem weiblich seien diese, merkt Harald Friedl im Interview mit The Gap an. Man sieht sie über Themen diskutieren, aber auch über die häufige Kritik an Andreas Babler und darüber, wie man dieser begegnen könnte. Schließlich galt der einstige Lokalpolitiker – so sieht es auch Friedl – als Außenseiter; als einer, dem viele kein größeres Amt in der österreichischen Politik zutrauten als jenes des Traiskirchner Bürgermeisters. Bekanntlich sollte es aber anders kommen.
Dein Dokumentarfilm »Wahlkampf« begleitet das Team von Andreas Babler über einige Jahre. Wie bist du auf ihn als Politiker gestoßen?
Harald Friedl: Auf Andreas Babler wurde ich erstmals im Zuge der Auseinandersetzungen rund um Traiskirchen aufmerksam. 2015 musste er die Notsituation managen, dass Zigtausende Menschen dort landeten. Meine Aufmerksamkeit gewann er erneut, als er seine Kandidatur für den SPÖ-Parteivorsitz bekanntgab. Das fand ich spannend, weil er spürbar ein Außenseiter war, sich mit dem Partei-Establishment anlegte und mächtige Interessengruppen gegen sich aufbrachte. Er hatte für mich eine gewisse Street-Credibility. Dass er als Außenseiter diesen Kampf auf sich nahm ohne Unterstützung durch den Parteiapparat, das fand ich mutig von ihm. Zudem erlebte ich ihn als authentisch, daher interessierte er mich.
Wie kam es dann dazu, dass du einen Film über ihn und sein Team machen wolltest?
Im April 2023 besuchte ich Babler in Traiskirchen und wir sprachen über einen möglichen Film. Er wollte Bedenkzeit haben, aber zwei Wochen später sagte er zu. Damals war ich mir sicher, dass er die Wahl zum SPÖ-Bundesvorsitzenden nicht gewinnen und Bürgermeister von Traiskirchen bleiben würde. Das sagte ich ihm auch so. Mir erschien sein Kampf derart aussichtslos, dass ich ursprünglich überzeugt war, dass der Film eine andere Geschichte erzählen würde. Es stellte sich schnell heraus, dass es in seinem Umfeld interessante, engagierte Unterstützer*innen gibt. Auch das veränderte den Fokus meines Films stark.

Hätte es dich ebenso interessiert, bei anderen Parteien einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können?
Entscheidend war für mich, wie offen Andreas Babler und sein Team waren, auch mir und meinem Team gegenüber. Diese Offenheit hätte ich von anderen Politiker*innen wohl kaum erfahren. Seine Ansage war es ja, eine offene Partei zu forcieren, eine Mitmachpartei. Dieses Momentum ermöglichte tiefe Einblicke.
Durftet ihr überall mitfilmen oder gab es Einschränkungen?
Vielleicht erfuhren wir manches nicht, aber wir hatten immer Kontakt mit seinem Team hinsichtlich der anstehenden Termine. Anhand dieser Angaben äußerte ich meine Wünsche, wann wir gerne drehen würden. Bei Veranstaltungen gab es keine Einschränkungen. Teilweise gab es geteilte Räume im Büro: Den einen Teil durften wir filmen, den anderen nicht. Es waren nicht immer alle begeistert, dass wir da waren. Wobei alle im Kernteam Bablers, die man im Film sieht, von Anfang an dabei waren. Sie waren sehr offen. Nur zweimal gab es Situationen, wo die Nerven blank lagen. Da zogen wir uns höflich zurück.
Hatten Babler oder sein Team Einfluss auf die Postproduktion des Films?
Alle sahen erst den fertigen Film, der Final Cut lag ganz klar bei mir. Es war nie ein Thema, dass jemand in den Film hätte eingreifen dürfen. Alle wussten von Anfang an, dass es eine unabhängige Produktion ist und dass Andreas Babler sowie die SPÖ kein Mitbestimmungsrecht haben. Wir hatten uns lediglich ausgemacht, wenn mal vor Ort etwas passiert, das nicht gefilmt werden sollte, dann sollte man mich und mein Team sofort stoppen – aber das trat nie ein.
Du richtest deinen Blick nicht nur auf Andreas Babler, sondern vor allem auch auf sein Team. Warum war dir dieser Fokus wichtig?
Das sind politisch denkende junge Menschen, überwiegend Frauen. Sehr engagiert, sehr motiviert. Was auch das Spannende an meinem Projekt war: Ich konnte live dabei sein, während sich dieses Team über die Drehzeit hinweg entwickelte. Das sind zwar Menschen mit politischer Erfahrung, aber keine kalten Spindoktor*innen. Sie haben ein politisches Bewusstsein und versuchen gemeinsam, ihre Inhalte zu erarbeiten und zu kommunizieren. Ob das immer gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Und das zeigt auch der Film: Es geht oft um etwas anderes als um die eigentlichen Anliegen. Sie waren an einer fundierten politischen Auseinandersetzung über Themen und politische Ziele interessiert. In der Öffentlichkeit ging es aber oft nur um Umfragewerte und Querschüsse innerhalb der Partei – solche Sachen.
»Wahlkampf« ist ein sehr beobachtender Film, so sind etwa keine Interviewszenen zu sehen. Warum habt ihr euch dafür entschieden?
Wir haben zwar Interviews geführt, aber diese nicht verwendet. Es ging mir um die maximale Unmittelbarkeit. Der Film sollte aus dem Moment heraus entstehen, da war Direct Cinema die passende Methode. Nichts wurde gestellt, nichts wurde wiederholt.

Hattest du das Gefühl, dass sich die Leute damit wohlfühlten, bei ihrer Arbeit beobachtet zu werden?
Das ist ein wichtiger Punkt. Natürlich war es für die Gefilmten nicht immer einfach, gefilmt zu werden. Wir sind ja immer wieder eine ganze Stunde auf ihnen drauf, zum Beispiel in Backstage-Situationen. Dass da dauernd die Kamera dabei ist, muss man aushalten. Natürlich kann da mal das Gesicht entgleisen, aber das ist eben Teil der Geschichte. Man sieht, wie sich die Menschen gerade fühlen. Die Empfindung des Augenblicks, aus der heraus die Personen agieren, ist dann so stark, dass die Kamera mitunter vergessen wird. Das ist der Vorteil dieser Methode. Wir waren so viel anwesend, dass ein gewisser Gewöhnungseffekt auftrat.
Wie würdest du Andreas Babler – auch mit etwas Abstand zu den Dreharbeiten – beschreiben?
Eine hervorragende Eigenschaft von ihm ist sein Mut, er ist auch sehr resilient. Er mag Menschen, ist herzlich, das ist nicht aufgesetzt. Er wirkt down to earth, authentisch. Wenn er und sein Team verschiedene Themen diskutieren – ob Kinderschutz, Wirtschaftspolitik oder feministische Anliegen – dann sind alle beteiligten Personen glaubwürdig. Sie wissen, worüber sie reden und was sie vertreten. Sie agieren ganz anders als Rechtspopulist*innen, die Hass schüren. Auch bei Grünen, Neos und ÖVP gibt es Menschen, die die Gesellschaft wirklich zum Positiven verändern wollen. Unterschiedliche Standpunkte müssen ausverhandelt werden, aber das ist eben der demokratische Prozess.
Warum erntet gerade Babler – was sich ja auch in deinem Film abbildet – sowohl medial als auch parteiintern so viel Kritik?
Das ist eine komplizierte Situation: Zum einen tut sich eine Arbeiter*innenpartei wie die SPÖ offensichtlich schwer damit, einen Arbeiter an der Parteispitze zu haben, noch dazu einen, der an den Führungszirkeln vorbei nach oben gekommen ist. Er zieht wegen seines Auftretens sehr viel Ressentiment auf sich, weil er nicht dem klassischen Bild eines sich autoritär gebenden, smarten, gestriegelten Politikers entspricht. Wenn er zusätzlich in einem Land, in dem sehr viel Medienmacht in nur wenigen Händen liegt, Erbschafts- und Vermögenssteuern fordert sowie die Presseförderung reformieren will, bringt er damit mächtige Interessengruppen gegen sich auf.
Welche Medien schossen besonders gegen Andreas Babler und welche nicht?
Die Presse fand ich besonders positiv, denn diese blieb – trotz ihrer bürgerlichen Ausrichtung – immer fair. Das überraschte mich ehrlich gesagt. Dort wurden wirklich die politischen Inhalte debattiert, während die Boulevardmedien oft nur Pech und Schwefel über Babler ausschütteten.
Parteien wie die SPÖ und auch die SPD werden in den letzten Jahren ja oft kritisiert. Es heißt, sie müssten neue Themen finden und zurück zu ihren Ursprüngen als Arbeiter*innenparteien gehen. Ist das der SPÖ unter Andreas Babler gelungen?
Offensichtlich ist es der SPÖ nicht gelungen, die Arbeiter*innen wieder für sich zu gewinnen. Man kann politisch auch gegenüber dem Zeitgeist gewinnen oder verlieren – nicht nur auf einer Sachebene. Momentan spielen einfach die globale Unsicherheit sowie die rasend schnellen gesellschaftspolitischen und technologischen Entwicklungen all jenen in die Hände, die aus der Verunsicherung der Menschen politisches Kapital schlagen, ohne selbst auch nur eine einzige Lösung für diese Probleme zu haben.

Denkst du, dass die SPÖ ihre Themen im damaligen Wahlkampf gut vermitteln konnte?
Nein, das klappte nicht gut. Inwiefern das ihre eigene Schuld war oder es an den Umständen lag, sei dahingestellt. Wesentliche Medien betrieben eine Verschleierungspolitik, indem sie Sachthemen wenig diskutierten, sondern irgendwelche Wordings und Postings aus rechten Filterblasen unreflektiert reproduzierten. Inhalte wurden von Affekten erstickt. Die Stimmung im Wahlkampfteam änderte sich im Laufe des Drehs: Am Anfang herrschte ein Aufbruchswille, mit der Zeit wurde alles pragmatischer und vieles musste neu gelernt werden. Das betrifft einfache Fragen, etwa wann man Security braucht, und komplizierte, etwa wie man mit internen Querschüssen umgehen soll. Im Endspurt des Wahlkampfs lag der Fokus darauf, vor Blau-Schwarz zu warnen.
Was überraschte dich bei der Arbeit an diesem Film besonders?
Ich hatte mir einen Wahlkampf kälter und strategischer vorgestellt, als er es in diesem Fall tatsächlich war. Es wurde auch vieles improvisiert, was der Qualität des Films guttut, weil man immer wieder sieht, wie die Gedanken erst im Moment formuliert werden und wie sehr Gefühle mitspielen. Das sind oft nur so kleine Beobachtungen. Da gibt es eine Situation, in der backstage ein Auftritt von Andreas Babler besprochen wird. Die Begeisterung, mit der die einzelnen Schritte diskutiert werden, ist das Gegenteil davon, alles vorgeplant zu haben. Viele Entscheidungen entstanden im Moment, in den paar Minuten vor dem großen Auftritt.
Was sagt »Wahlkampf« deiner Meinung nach über die Politik aus?
Es herrscht viel Argwohn und Ressentiment. Politik ist eine eminent wichtige Sphäre gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Trotzdem wird sie oft so kommuniziert, als wäre sie bloß ein Spiel. Es herrscht ein großes Defizit in der Vermittlung dessen, was Politik eigentlich ausmacht: Informationen einholen, bewerten, ausdiskutieren, Kompromisse schließen, wo man uneins ist. Die Politiker*innen spüren in Interviews den Druck, komplexe Inhalte in zwanzig Sekunden zum Ausdruck bringen zu müssen, was natürlich nur begrenzt gelingen kann. In diesem Film konnten wir zeigen, was der plakativen Botschaft, die schlussendlich die Öffentlichkeit erreicht, vorausgeht. Ich glaube, dass sich in diesem Land viele nach einer seriösen Auseinandersetzung mit politischen Inhalten sehnen. Der Platz dafür ist aber selten vorhanden. Zudem spielt hier die Aufmerksamkeitsökonomie eine Rolle, denn Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Der Druck hin zur Schnelligkeit wird immer größer und damit bleibt die Komplexität der Verhältnisse im Hintergrund.
Der Dokumentarfilm »Wahlkampf« von Harald Friedl ist ab 24. April 2026 in den österreichischen Kinos zu sehen.