»Man kann Zeit eigentlich nicht definieren« – Konrad Wakolbinger im Interview zu »Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit«

Wie Zeit unser Leben und vor allem unsere Arbeits­welt bestimmt, ist Thema der neuen Dokumentation von Konrad Wakolbinger. Ein Gespräch über eine limitierte Ressource.

© Freibeuter Film

Wir entkommen ihr nicht und meist haben wir zu wenig davon: Zeit be­stimmt unser Leben und vor allem unsere Arbeitswelt. Regisseur Konrad Wakolbinger stellte sich für seinen neuen Dokumentar­film die Frage, wie Arbeit und Zeit zusammen­hängen und wie man Letztere wieder bewusster erleben kann. Dafür traf er Expert*innen aus diversen Fach­bereichen, aber auch ehe­malige Arbeiter*innen einer Weberei, eine Hobby­triathletin und Menschen, die – ganz ohne moderne technische Möglich­keiten – eine mittel­alterliche Burg aufbauen. Ob sich Zeit definieren lässt, welche Rolle die Erfindung der mechanischen Uhr spielte und ob er durch seine Arbeit ein neues Verhältnis zur eigenen Zeit entwickelte, darüber spricht der Filme­macher im Interview mit The Gap.

Konrad Wakolbinger (Bild: Georg Lembergh)

Was war für dich der Ausgangspunkt für die Arbeit an »Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit«?

Konrad Wakolbinger: Bei meinem letzten Film »Wir sind die Mutanten« beschäftigte ich mich mit dem Thema Arbeit. Daraus entwickelte sich der Gedanke, dass Zeit dafür ein entscheidendes Element ist. Es ging damals um das Karriere- und Entwicklungs­center der Post. Dorthin wurden jene Beamt*innen geschickt, die nicht mehr gebraucht wurden. Diese Menschen wurden in ein altes Post­gebäude gesetzt und hatten dort in der Regel nichts zu tun. Ein oder zwei Schulungen gab es zwar, aber eigent­lich war es eine repressive Ein­richtung. Das war der Ausgangs­punkt für »Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit«.

Die Dokumentation behandelt das Thema Zeit aus den Perspektiven unter­schiedlicher Gesprächs­partner*innen – etwa aus Philosophie, Physik oder Wirtschaft. Wann war dir das erste Mal bewusst, wie sehr Zeit unser Leben bestimmt?

Bevor ich in die Film­branche kam, hatte ich einen ganz klassischen Bürojob in der Logistik. Damals wollte ich mir ein Auto kaufen, eigentlich vor allem, um damit in die Arbeit zu fahren. Nachdem ich alles durch­gerechnet hatte, empfand ich es geradezu als Zwang, ein Auto für diesen Zweck zu kaufen, nur um dafür wiederum so und so lange arbeiten zu müssen. Meine wirk­liche Beschäftigung mit dem Thema Zeit begann aber erst vor einigen Jahren – eben als ich an »Wir sind die Mutanten« arbeitete.

In deinem neuen Film wird ja unter anderem zwischen Uhrzeit und dem Rhythmus des Körpers beziehungs­weise der Natur unter­schieden. Wie würdest du selbst Zeit definieren?

Man kann Zeit eigentlich nicht definieren. Gerade selbst­verständliche Themen sind ja oft schwer fest­zulegen. Bei meiner Beschäftigung mit dem Thema stieß ich auf einen Eintrag in einer Online-Enzyklopädie – er um­fasste 140 Seiten. Es gibt grund­sätzlich unter­schied­liche Zugänge, doch selbst in der Physik existiert eine Theorie, die Schleifen­quanten­gravitation, die keine Zeit kennt. In der mensch­lichen Wahr­nehmung kennen wir natürliche Rhythmen wie Tag und Nacht sowie die Jahres­zeiten. Auch unser Körper kennt Zeit. Es gibt jedenfalls einen Konflikt zwischen der natür­lichen und der gesell­schaft­lichen Zeit­ordnung. Daher ist die Erfindung der mechanischen Uhr ein wichtiger Punkt in meinem Film, weil uns diese Form von Zeit stark bestimmt. Es heißt, dass die mechanische Uhr in einem italienischen Kloster erfunden wurde, damit die Mönche ihre Gebets­zeiten einhalten konnten. Dabei handelte es sich um den Uhr­mechanismus mit soge­nannter Hemmung, der exakt gleiche Intervalle, die Minuten, erzeugen konnte. Die Uhr als eine Maschine, die eine eigene Form von Zeit, die getaktete Zeit erzeugt. Uhren breiteten sich dann ab dem vier­zehnten Jahr­hundert in Städten sehr schnell aus und sie wurden zu einer Grund­lage des Kapita­lismus. Der His­toriker Lewis Mumford meinte, dass nicht die Dampf­maschine der wichtigste Treiber für den Kapita­lismus gewesen sei, sondern die mecha­nische Uhr.

Wie sehr unser ganzes Wirtschafts­system darauf aufgebaut ist, dass wir Zeit messen und sie monetär bewerten, zeigst du ja auch in »Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit«. Kannst du diesen Zusammenhang näher beschreiben?

Die Idee, dass Ökonomie und die Erzeugung von Mehrwert an Zeit gebunden sind, findet sich schon in der marxistischen Theorie. Wenn man dem folgt, dann ist es ganz klar, dass die Zeit ökonomisiert und mone­tarisiert werden kann. Schon im Mittel­alter wurden mit den Zeit­zeichen – erst mit den Glocken, dann mit der Turmuhr – die Arbeits­zeiten der Hand­werker geregelt und diese dann auch nach Zeit­aufwand bezahlt. Das passierte also lange vor der Industria­lisierung. Mit dem Aufkommen der Fabriken wurde die Zeit­messung für die Arbeitenden zentral, beispiels­weise durch die Stechuhr. Für die Arbeiter*innen waren die Uhren quasi der Feind. Bei Pro­testen gegen die steigende Mechanisierung der Produktion zerstörten die als Erstes die Fabriksuhr. Als dann Armband­uhren für alle erschwing­lich wurden, war das eine Form der Ermächtigung, denn so konnten die Arbeiter*innen die Fabriksuhr kontrollieren. Es war nämlich tatsächlich üblich, dass die Fabriks­uhren falsch gingen und die Arbeitenden um ihre Zeit betrogen wurden.

»Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit« (Bild: Freibeuter Film)

Ist ein Leben außerhalb der etablierten Zeit­logiken überhaupt möglich?

Eigentlich geht das nur als Aus­steiger*in, denn auch unsere Freizeit ist geprägt durch die Logiken der Arbeitswelt. Sieht man sich die Geschichte der Arbeiter*innen­kämpfe an, findet man immer wieder Konflikte um Zeit, zum Beispiel darum, den Samstag zum freien Tag zu machen. Man kann zwar versuchen, sich mehr freie Zeit zu schaffen, aber es ist schwierig und es gelingt nur wenigen Menschen. Neben der Erwerbs­arbeit frisst auch die Care-Arbeit viel freie Zeit. Gerade Frauen haben daher oft kaum Eigenzeit.

Die Journalistin und Autorin Teresa Bücker schrieb in ihrem 2022 erschienen Buch »Alle Zeit«, dass diese nicht allen gleicher­maßen zur Verfügung stehe und daher eine Frage von Macht und Frei­heit sei. Wie siehst du das? Ist Zeit ein Privileg?

Es ist ein Privileg, möglichst viel Zeit für sich selbst verwenden zu können. Ökonomisch besser­gestellte Menschen haben mehr Zeit, weil sie sich von Pflichten in der Erwerbs- und Care-Arbeit quasi freikaufen können. Auch Künst­ler*innen, Wissen­schaft­ler*innen – und früher der Klerus sowie der Adel – bekommen meist mehr unbesetzte Zeit zugestanden als andere Menschen. Eine Art von Grund­einkommen wäre eine Möglichkeit, mehr Menschen mehr Zeit zu geben. Überhaupt: Ein Wirt­schafts­system zu schaffen, bei dem die Ökonomie nicht mehr auf der mensch­lichen Zeit basiert, würde allen mehr Zeit­autonomie geben. So eine Wirtschafts­ordnung wäre dann aber keine kapitalistische mehr. Denn der Kapitalismus arbeitet mit Effizienz­steigerung und Ratio­nalisierung, um die Arbeit zu verdichten. Der damit einher­gehende Stress ist mit schuld daran, dass immer mehr Menschen gesund­heitlich leiden und weniger Zeit haben.

Sind breite Diskussionen hinsichtlich einer neuen Art Ökonomie schon im Mainstream der Gesell­schaft angekommen?

Es ist ein totales Nischenthema, das kaum zugelassen wird, weil es den Kern unserer Wirtschafts­ordnung betrifft. Seit die Industrialisierung voran­geschritten ist, ist die Reduktion von Arbeits­zeit ein Thema. Aktuell gibt es einen Gegentrend, man will die Arbeitszeit wieder ausdehnen. Weniger als Vollzeit zu arbeiten, wird nun moralisiert, es wird versucht, alle, die nicht gemäß der Norm arbeiten, zu stigma­tisieren. Auch bei uns heißt es, wir müssten wieder mehr arbeiten, mehr Zeit in die Wirt­schaft investieren. Zugleich gibt es die Diskussionen rund um künst­liche Intelligenz. Früher oder später werden wohl viele Arbeits­plätze wegfallen, viel mehr Menschen werden Probleme haben, ihr Leben zu finanzieren. Die Identi­fikation mit einem Beruf wird sich dadurch ebenfalls verändern, der Stolz und das Gefühl der Selbstwirksamkeit, die sich über Arbeit generieren, dürften infrage gestellt werden. Wenn keine Arbeit mehr mög­lich ist, dann er­schüttert das ja, wie sich unsere Gesell­schaft aufbaut und definiert. Da geht es nicht mehr nur um die Sorge der Finanzierung, sondern auch darum, was das mit dem Selbstwert eines Menschen macht.

»Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit« (Bild: Freibeuter Film)

Werden wir in Zukunft eine andere Definition von Arbeit haben?

Es wäre gut, wenn uns das gelingt; auch dass Zeit nicht mehr die Grund­lage für unsere Wirt­schaft ist. Allein schon, um den Klima­wandel zu bekämpfen und seine Folgen zu vermindern, müssen wir diese Steigerungs­logik, die an die Uhrzeit geknüpft ist, überwinden.

Wie stehst du zu neuen Technologien? Viele davon erleichtern uns zwar die Arbeit, führen durch ihre All­gegen­wärtig­keit aber dazu, dass wir unser Leben – und somit unsere Zeit – noch mehr vermessen und optimieren.

Viele Apps und kommerzielle Internet­dienste saugen unsere Zeit quasi ab. Immer, wenn man sie nutzt, selbst wenn man nur etwas mit Google sucht, arbeitet man unbezahlt für die Tech­firmen, das ist ja eigentlich keine freie Zeit mehr. Wir machen zwar vielleicht etwas, das uns guttut – Kontakte auf Social Media pflegen etwa –, aber zu­gleich ist es Arbeit, die nicht bezahlt wird. Christian Fuchs erklärt in meinem Film, dass bestimmte Konzerne nur dadurch ihren großen Umsatz machen. Es geht um Auf­merk­samkeit, es geht um unsere Zeit – und wir merken nicht einmal, dass sie uns ge­stohlen wird.

Du hast ungefähr fünf Jahre an dem Film gearbeitet. Wie hat sich im Laufe der Arbeit daran dein Verhältnis zu Zeit verändert?

Ich habe nicht wirklich ein Mittel gefunden, um besser mit meiner Zeit umzugehen. Mehr offline zu sein, hilft ver­mutlich. Auf Social Media bin ich zum Beispiel nicht sehr aktiv. Ein anderer An­satz ist, nicht noch mehr Auf­gaben in den Alltag zu stopfen. Rituale können ebenso dafür sorgen, dass Zeit bewusster erlebt wird, etwa im Rahmen von Meditation oder Sport. Auch beim Spielen lässt sich, besonders wenn man in einen Flow kommt, die Zeit irgend­wie aus­schalten. Das ist eigent­lich die beste Methode, um aus diesem durch­getakteten Zeit­erlebnis heraus­zukommen. Oder ein­fach wieder zu lernen, Langeweile zu erleben.

Der Film »Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit« von Konrad Wakolbinger ist ab 19. Juni 2026 in den österreichischen Kinos zu sehen.

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