Black Holes And Revelations

Wien hat Rockfestival. Wien braucht Rockfestival nicht.

Vorneweg, ja natürlich, es waren einige hervorragende Konzerte beim Rock In Vienna zu sehen. Und es wäre schön, wenn es die ab sofort jedes Jahr geben würde. Es gab skurille Momente, viel Bier, Brezln, durchwegs gute Stimmung, aber eines gab es nicht, genügend Besucher. 10.000 haben mindestens pro Tag gefehlt, eher mehr. Das spricht dann für sich. Was das bei einem Ticketpreis von 200 Euro bedeutet, kann man sich ausrechnen. Dazu kommen die Partnerfestival in München und Gelsenkirchen, die ebenfalls deutlich unter den Erwartungen blieben. Festivals machen im ersten Jahr fast immer ein Minus. Das wäre noch normal und eingeplant. Es wird auch beteuert, dass man kommenden Sommer wieder nach Wien kommen wird. Muss man so machen, allein um die Sponsoren bei der Stange zu halten. Bei all den Problemen rund ums Rock in Vienna ist es allerdings fraglich, ob es Rock In vienna wieder geben wird.

Lautstärke

Es war schwer zu überhören. Metallica waren zu laut und haben überzogen. Als U2 vor fünf Jahren zu laut und zu lange probten, waren 18.000 Euro Strafe die Folge. Eigentlich verschmerzbar, wenn es denn nicht das erste Jahr für das Festival gewesen wäre und die Stadt Wien nicht immer genau diese Bedenken gehabt hätte. Der Grund dafür war angeblich, dass es für das Bühnenlicht bei Metallica noch zu hell war. Das führt zu Problem Nummer Zwei.

Gelände

Die Sonne geht fast direkt hinter der Bühne unter. Blendet, vor allem die VIPs, aber es gibt ja Sonnenbrillen. Headliner werden nur Anfang Juni niemals vor 21uhr beginnen wollen, sondern eher noch später. Immerhin sollen Menschen etwas von der oft sehr aufwendigen Show sehen. Den Lauf der Sonne kann man dabei bekanntlich schwer verändern. Das Problem mit der Lautstärke bekommt man auf der schmalen Donauinsel vielleicht noch in den Griff, wenn man die Bühne stadtauswärts bauen würde. Das Problem mit der Sonne würde dadurch eher schlimmer werden, wenn sie direkt auf die Bühne strahlt. Und wie man vom Donauinselfest weiß, ist die Insel für anders gebaute Großbühnen einfach nicht breit genug.

Aktienkurs

Nachdem es für den Veranstalter, die DEAG, zu Jahresanfang noch deutlich nach oben ging, ist der Aktienkurs also mittlerweile um ein Drittel eingebrochen und steht heute knapp unter dem Kurs von vor einem Jahr. Als Aktiengesellschaft muss man strenge Auflagen erfüllen, um weiterhin gehandelt zu werden. Ein Rechtsstreit um die Namensrechte an der Grünen Hölle macht Dinge dabei zwar nicht einfacher, aber hey, ohne zwei handfeste Gerichtsverfahren ist man auch keine richtige Aktiengesellschaft.

Lineup

Kiss klangen als wäre immer noch Vietnamkrieg. Sabaton hatten immerhin ein ganzes Orchester auf die Bühne gekarrt, einen Panzer und mächtige Pyro mit. Metallica waren überraschend unterhaltsam. Wes Borland besitzt die besten Bühnenoutfits. Faith No More kamen in Lederhosen und mit Blumen. Aber alle Bands hatten unter dem Strich ihren Zenith überschritten. Österreichische Beiträge standen nicht auf der Bühne [*], Frauen so gut wie keine. Gut, Nova Rock und Frequency sind damit jahrelang gut gefahren. Aber das alles wäre egal, wenn es eben den letzten Punkt nicht gäbe.

Angebot

Und Nachfrage. Am Ende kann man sich immer ein Primavera oder Sonar für Wien wünschen. Dass es diese Festivals mit dem Bonus eines Sandstrands ja schon gibt, und zwei Primaveras auch ihre Probleme hätten, parallel zueinander zu überleben, wenn man sich eben doch des schnöden Geldes wegen entscheiden muss, wohin man als Besucher fährt, sollte ja klar sein. Und die Nachfrage diktiert auch, ob es das Rock in Vienna nächstes Jahr geben wird. Und von denen gab es heuer schlicht zu wenige, um ernsthaft zu glauben, dass Wien wirklich sein eigenes Rockfestival braucht.

[* Anm.: Wurden darauf hingewiesen, dass mit Pungent Stench eine Band aus Österreich am Tag 3 um 13:45 gespielt hat. Dazu kamen davor 3 lokale Opener.]

Das Rock in Vienna hat von 4. bis 6. Juni stattgefunden. Fotos vom ersten Tag gibt es hier.

Bild(er) © Stephan Brückler
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