„Ich komme mir selbst beim Schauspielen sehr nahe“

Lars Eidinger mimt in „Die Blumen von gestern“ einen misanthropischen Holocaust-Forscher. The Gap hat ihn zum Interview getroffen.

© Dor Film
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Totila Blumen (Lars Eidinger), die Hauptfigur in Chris Kraus’ neuem Film „Die Blumen von gestern“, ist Holocaust-Forscher und zugleich Misanthrop par excellence: seine Karriere, die NS-Geschichte seiner eigenen Familie, seine Ehe – Totila, genannt Toto, leidet und flucht, leidet noch mehr und tobt – und dann wird ihm auch noch die Praktikantin Zazie (Adèle Haenel), deren Oma im Holocaust ermordet wurde, zur Seite gestellt; sehr zu Totos Ärger, kann er doch mit ihr und ihrer neugierigen, oft unkonventionellen Art nicht besonders viel anfangen.

Der Regisseur und Drehbuchautor Chris Kraus erzählt in „Die Blumen von gestern“ von den privaten Auswirkungen historischer und politischer Ereignisse und wie Menschen mit ihren Familiengeschichten, mit Schuld und Vergebung, mit Täter- und Opferschaft, umzugehen lernen. Der Film besticht dabei mit einem durchaus unkonventionellen Setting und vor allem zwei interessanten Hauptfiguren. Wir haben Lars Eidinger in Wien getroffen. Ein Gespräch über Misanthropie und seine Liebe zum Schauspiel, über die Dummheit der Menschen und Kristen Stewart.

 

In mehreren Interviews meinten Sie, dass sie die Figuren, die Sie spielen, aus sich selbst entwickeln. Was von der Figur haben Sie in sich selbst gefunden, was war Ihr „Aufhänger“, um Toto spielen zu können?

Überraschenderweise gab es viel zu viele Parallelen. Ich dachte ja zuerst, dass es eine Figur ist, die gar nicht so viel mit mir zu tun hat, aber das Gegenteil ist eigentlich der Fall. Mir wurde einfach klar, wie groß dann doch der misanthropische Anteil in mir ist und dass ich eigentlich eher Soziopath als Menschenfreund bin, und dass ich auch durch meine Veranlagung und dadurch, wie ich erzogen wurde, eher dazu neige, cholerisch und aggressiv zu sein, nur dass ich sehr viel Aufwand betreibe, um das eben zu verbergen, auch weil es mich selber abstößt. Mich hat das immer bei meiner Väter-Generation gestört, dass es eben hieß, so bin ich halt, ich kann mich nicht ändern. Ich versuche jedoch tatsächlich Einfluss auf meine Persönlichkeit zu nehmen. Und deswegen habe ich das eigentlich weitestgehend verbannt aus meinem Leben, aber bei dieser Rolle musste ich es wieder hervorholen.

In beiden Figuren zeigt sich eine gewisse innere Spannung, sie müssen lernen, mit der Geschichte ihrer Familien umzugehen. Kann man sagen, dass vor allem die Figur des Toto eine Analogie auf die deutsche Bevölkerung darstellt?

Ja, das ist nicht von der Hand zu weisen. Ich finde schon, dass der ganze Film eine starke symbolische oder metaphorische Ebene hat, die nicht uninteressant ist. Dass man sagt, man beschäftigt sich mit einem deutschen Phänomen und nimmt als Titelfigur einen Misanthrop. Ich glaube, das kommt nicht von ungefähr, denn im Grunde ist das ja eine totale Absage an das Leben und an die Menschlichkeit, weil es ja eine Form von Perversion ist, zu sagen, dass man sich selbst und die Menschen hasst. Und trotzdem erzählt der Film ja auch die Geschichte, dass die Figur das überwindet und dass sie sich irgendwann wieder öffnet und wieder Liebe empfindet.

Gab es eine Szene im Drehbuch, ab der Sie wussten, dass Sie in dieses Projekt involviert sein müssen?

Ehrlich gesagt dachte ich das schon, bevor ich das Drehbuch gelesen hatte. Es war relativ spontan, es sollte ja zuerst Josef Hader die Rolle übernehmen, dann kam ich aber in den Genuss, dass mir die Rolle angeboten wurde. Es hatte kurz geheißen, dass kein deutscher Schauspieler verpflichtet werden dürfte, da es ja eine deutsch-österreichische Produktion ist, aber dann musste es eben relativ schnell gehen und ich war gerade in den Proben zu „Richard III“ und war mit ganz anderen Sachen beschäftigt. Dann habe ich aber ganz spontan Chris getroffen – am selben Tag in einem Café, ohne dass ich das Drehbuch gelesen hatte. Er hat mir nur davon erzählt und ich habe ihn eben kennengelernt. Mich hat die Thematik interessiert und auch die Tatsache, dass Chris selbst Historiker und Holocaust-Forscher ist, da hatte ich das Gefühl, ich habe es mit jemanden zu tun, der wirklich weiß, wovon er erzählt. Es gibt ja auch Parallelen zu seiner eigenen Familiengeschichte. Ich hätte eigentlich schon an dem Punkt zusagen können, aber natürlich habe ich dann noch das Drehbuch gelesen … Aber es gab für mich schon so viele Kriterien, die dafür gesprochen haben, so dass das Drehbuch letztendlich gar nicht ausschlaggebend war.

Totila Blumen (Lars Eidinger) und Zazie (Adèle Haenel) erforschen nicht zuletzt ihre eigene Vergangenheit © Dor Film

Manche Menschen sind ja der Ansicht, dass die Themen Holocaust und Humor so gar nicht zusammenpassen. Wie sehen Sie das?

Ich kann über den Holocaust auch nicht lachen und ich finde, dass dieses Thema oft viel zu leichtfertig behandelt wird. In dem Film ist es ja so, dass sich die Figuren ihrer Komik nicht bewusst sind, wenn man es als Komödie sehen will. Den Film kann man auch auf einer Ebene sehen, bei der man gar nicht lacht. Ich glaube, der entscheidende Unterschied ist, dass wir uns da nicht über den Holocaust, sondern über den Umgang damit lustig machen. Man lacht eher über die Figuren, weil die sich selbst so wahnsinnig ernst nehmen, also über deren Verbissenheit. Sonst habe ich damit auch eher Schwierigkeiten, also auch mit vordergründigen Parodien von Adolf Hitler – so etwas finde ich nicht lustig. Das finde ich auch zu einfach. Ich finde, das so etwas teilweise auch pietätlos ist gegenüber den Opfern. Es gibt da tatsächlich Grenzen, worüber man sich lustig machen sollte.

Sie haben bisher sowohl in Deutschland als auch im Ausland gedreht, etwa mit Olivier Assayas. Was sind Ihrer Erfahrung nach die Unterschiede, wenn Sie mit deutschen Kolleginnen und Kollegen drehen im Vergleich zu solchen aus dem Ausland?

Erst einmal ist es bei mir wirklich so, dass ich eine totale Ehrfurcht habe, neben Hollywood-Stars am Set zu stehen. Ich könnte wirklich nicht von mir behaupten, dass es selbstverständlich für mich ist oder dass ich irgendwie das Gefühl habe, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Da würde ich mir etwas vormachen, das stimmt nicht. Das ist eine komplett andere Liga. Und das finde ich auch okay, weil Schauspiel in den USA eine komplett andere Tradition und einen anderen Stellenwert hat. Konkret war es für mich mit Kristen Stewart wie eine Erleuchtung. Sie schafft es, in jeden Moment aufrichtig zu sein – zu sich selbst, zu der Situation, zum Partner. Und das macht ihr Spiel so authentisch. Wenn ich mit ihr mehrere Takes spiele, dann spielt sie kein einziges Mal irgendetwas gleich. Ich merke überhaupt nicht, dass sie sich eine Betonung vorher überlegt hat oder sich irgendetwas zurechtgelegt hat. Und das ist bei deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern ganz anders. Da merke ich einfach, die haben das vorher im Hotelzimmer geübt oder zu Hause und das performen sie jetzt vor der Kamera. Bei Adèle war das übrigens auch besonders. Bei ihr habe ich ebenso gemerkt, dass sie eine ganz andere Vorstellung von dem Beruf hat, eine, die auch meinem Ideal gleicht. Ich hatte noch nie vorher eine so intensive Beziehung zu einem Filmpartner, ich habe zuvor noch nie mit jemanden gespielt, auf den ich mich so verlassen konnte. Es herrschte ein großes Vertrauen zwischen uns, aber auch die Bereitschaft, an die eigenen Grenzen zu gehen und wirklich expressiv zu sein – und das fand ich wirklich sehr speziell.

Sie stehen auch oft auf der Bühne und sehen das Theaterspielen als Austausch mit dem Publikum. Was macht dieser Austausch mit Ihnen, was bewirkt er?

Ich würde sagen, dass man sich etwas vormacht, wenn man behauptet, dass es nur schlechte Schauspieler gebe. Es gibt auch schlechtes Publikum. Man macht es sich zu einfach, wenn man sagt, dass die Schauspieler schlecht sind, wenn die Leute nicht gebannt sind. Das stimmt nicht. Ich hatte mal ein Schlüsselerlebnis mit einem Gemälde von Yves Klein. Es gibt dieses monochrome blaue Bild, das sehr passiv ist. Entweder man setzt sich dem aus oder man geht an dem Bild vorbei und sagt, aha ein blaues Bild. Mein Ideal ist daher, wie so ein monochromes blaues Bild von Yves Klein zu spielen. Die Leute müssen sich halt auch auf mich einlassen. Ich kann sie nicht dazu zwingen, aber ich kann – und das ist ein bisschen meine Spielweise im Theater geworden – sie konfrontieren, ihnen bewusst machen, dass ich sie ebenso sehe, wenn ich auf der Bühne stehe. Es gibt ja diese Behauptung der vierten Wand, also eine Trennung zwischen Publikum und Schauspielern, und daran glaube ich nicht. Ich versuche also immer in Interaktion mit dem Publikum zu treten und es im sprichwörtlichen Sinn als Unterhaltung zu sehen.

Totila Blumen im Gespräch mit seinem Chef © Dor Film

Sie wollten bereits als Kind Schauspieler werden und nun arbeiten Sie schon lange und erfolgreich in diesem Beruf. Welche Momente faszinieren Sie dabei noch immer am meisten und auf welche Aspekte des Berufes könnten Sie gerne verzichten?

Für mich ist wirklich ein Traum in Erfüllung gegangen – Schauspiel ist für mich der schönste Beruf überhaupt. Ich habe nie, auch nicht einmal im Ansatz, darüber nachgedacht, dass ich etwas anderes hätte machen sollen. Im Grunde geht es in diesem Beruf darum, sich selbst zu finden, sich selbst zu begegnen. Und das kann ich in dem Beruf am besten. Ich komme mir selbst beim Schauspielen sehr nahe. Wer hat schon das Privileg sich in seinem Beruf mit sich selbst beschäftigen zu können? Ich bezeichne mich auch mittlerweile mehr als Künstler und nicht als Schauspieler, denn daran gefällt mir, dass es um eine Form von Expressivität, von Ausdruck geht, darum, dass man etwas findet, wodurch man sich ausdrücken kann. Und ich merke, dass ich das als Schauspieler besonders uneingeschränkt kann. Es gibt ja das Phänomen, dass man wieder bei sich ankommt, wenn man sich zuvor von sich entfernt hat. Diese Form der Entfremdung, wenn man sich mit unterschiedlichen Figuren auseinandersetzt, führt schlussendlich zu einem selbst zurück. Das habe ich für mich verstanden und es bestimmt auch wesentlich meine Spielweise und vielleicht auch die Art, wie ich Interviews gebe. Ich versuche immer, aufrichtig zu sein, weil ich davon am Ende am meisten habe. Letztendlich würde ich mich selbst belügen, wenn ich den Leuten etwas vormache. Für mich ist das Publikum ein Spiegel, ich werde auf die Art, wie mich die Leute ansehen, reflektiert, und darüber verstehe ich dann etwas über mich. Und ich bin wiederum für die Leute ein Spiegel. In den Spiegel sieht man ja auch nicht, um sich den Spiegel anzusehen, sondern um sich selbst zu sehen.

In Interviews werden Schauspielerinnen und Schauspieler ja gerne nach Wunschrollen gefragt. Ich würde die Frage gerne mal umdrehen: Welche Rollen reizen Sie als Schauspieler so gar nicht und warum?

Ich hatte mal mit einem Schauspieler zu tun, der meinte, er sei es leid, immer der Love Interest zu sein, ich glaube, das kann ich gut verstehen. In einer Rom-Com der Love Interest zu sein, würde mich jetzt am wenigsten reizen. Und kleine Rollen finde ich auch meistens nicht so wahnsinnig spannend. Für mich ist schon Quantität ein wesentliches Kriterium. Es gibt immer wieder Beispiele, wo das zwar nicht so ist, etwa in dem Film „Personal Shopper“, da habe ich eine relativ kleine Rolle, aber es sind ganz tolle Szenen mit Kristen Stewart, da habe ich natürlich keinen Moment gezögert. Aber das ist immer das Erste, das ich mache, wenn ich ein Drehbuch zugeschickt bekomme: Dann blättere ich erst einmal grob durch, wie groß mein Anteil ist. Je größer, desto besser.

Toto ist vor allem zu Beginn ein wütender Mensch. Und sie meinten einmal in einem Interview: „Zum Beispiel ist auch ein großes Problem unserer Gesellschaft, dass Aggression tabuisiert wird.“ Was macht Sie wütend?

Die Dummheit der Menschen macht mich wütend. Die scheint auch nicht aufzuhören. Es gibt viele Bereiche, wo mir das auffällt: Ich glaube, dass man seinen Einfluss, den man als Einzelner auf die Gesellschaft hat, komplett unterschätzt. Das heißt, ich habe für mich irgendwann verstanden, dass gewisse Sachen nur dadurch zu verändern sind, wenn man etwas nicht macht. Das heißt, ich gehe nicht zu McDonald’s oder zu Ikea. Das wundert mich immer, etwa wenn man hier durch Wien läuft, dann sind die Kaffeehäuser oft leer, aber beim McCafé stehen die Leute Schlange. Und das ist die Dummheit der Menschen, die mich einfach ärgert. Oder so etwas wie die US-Wahl. Wenn da jemand wie Donald Trump gewinnt, dann wundere ich mich nicht über Donald Trump, sondern vor allem über die, die ihn gewählt haben.

© Dor Film

Bei der Vorbereitung auf dieses Interview habe ich diesen, wie ich finde, schönen Satz von Ihnen gelesen: „Und in der Fiktion fühle ich mich der Wirklichkeit oft näher als in der Realität.“ In welchen fiktiven Werken konnten Sie sich bisher besonders der Wirklichkeit nahe fühlen?

Bei Hamlet, da ist tatsächlich meine Bibel. Das liegt auch daran, dass Hamlet wie die Beschreibung einer Essenz ist, darüber, was Menschlichkeit ausmacht. Ich habe einfach das Gefühl in diesem Rahmen, den das Stück setzt, kann ich alles ausdrücken, was mich beschäftigt, und es gibt da auch keine Einschränkungen. Wenn ich als Hamlet auf der Bühne stehe, bin ich mir tatsächlich am nächsten.

Trailer: 

„Die Blumen von gestern“ ist ab 13. Jänner 2017 in den österreichischen Kinos zu sehen.

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