»Böse Briefe« – Die dunkle Seite der Briefkultur

Bücher über Liebesbriefe gibt es inzwischen mehr als genug. Warum nicht also ein Buch über etwas ungewöhnlichere Briefformen wie dem Droh- und Erpresserbrief? Das dachten sich wohl auch die Autoren von »Böse Briefe – Eine Geschichte des Drohens und Erpressens«. Wir haben mit Christoph Winder, einem der beiden Autoren, über Entstehung und Inhalt des Buches gesprochen – inklusive einiger humorvolle Drohbrief-Anekdoten.

© Manfred Hecker

Wenn Menschen heutzutage ihren Hass oder ihre Ablehnung über eine Person, ein Thema oder eine Sache in Worte fassen, geschieht das meist online. Neben Hasspostings erfreuen sich auch Droh- und Erpressermails immer größer werdender Beliebtheit und lösen die analogen Vorgängerformen weitestgehend ab. Ihren Ursprung haben diese im klassischen Erpresserbrief, der oft allerdings um einiges kunstvoller und interessanter gestaltet war.

Für Ernst Strouhal (Universität für angewandte Kunst Wien) und Christoph Winder (Redakteur und Kolumnist für »Der Standard«) spannend genug, um sich mit der Geschichte hinter den Briefen zu beschäftigen. Das Ergebnis lässt sich nun in »Böse Briefe – Eine Geschichte des Drohens und Erpressens« nachlesen – einem Buch, dass über alle wichtigen Aspekte der Droh- und Erpresserbriefe informiert.

Neben dem historischen Hintergrund analysieren die beiden Autoren auch die sprachlichen Strategien, mit denen die Adressaten der Briefe eingeschüchtert werden sollen und zeigen anhand von Beispielen, wie oft dies aufgrund stümperhafter und fast schon peinlicher Ausführung misslang. Thematisiert wird auch die Gegenseite, sprich die Kriminalisten, die mit immer neueren Methoden versuchen, dem Absender der Briefe auf die Spur zu kommen. Dargestellt werden dabei auch die Originalbriefe und die teils komischen, teils tragischen Geschichten dahinter.

Im Interview erzählt Christoph Winder, wie die Autoren auf die Buchidee kamen und wie sich der Stil der Briefe im Laufe der Zeit veränderte…

Wie kommt man auf die Idee ein Buch über Drohbriefe zu schreiben?

Der zündende Funke war ein Kaffeehausgespräch über das Thema, was eigentlich passieren würde, wenn die gedruckten Zeitungen und Zeitschriften aussterben. Wir haben dabei auch spaßhalber darüber gesprochen, dass es diese berühmten Droh- und Erpresserbriefe mit den ausgeschnittenen Lettern dann nicht mehr gäbe. Damit war das Thema auf dem Tisch, und es ist uns schnell bewusst geworden, wie viele faszinierende Aspekte es besitzt. Droh- und Erpresserbriefe erzählen quasi die Vorgeschichte der Droh- und Erpressermails, die heute im Internet massenhaft präsent sind. Und sie sind ein dunkler und wichtiger Teil der Briefkultur, der aber nur sehr wenig erforscht und beschrieben wurde. Daraufhin haben wir den Entschluss gefasst: Machen doch wir uns an diese Arbeit!

Etwas ungeschickt bei der Formulierung der Erpressersumme zeigte sich der Absender dieses Briefes © Dr. Manfred Hecker

Woher kamen die Briefe für das Buch?

Manche haben wir ganz trivial per Internetrecherche aufgestöbert und in einem zweiten Arbeitsgang darauf hin untersucht, ob es sich um authentisches Material handelt. Der schwierigere Teil war, an Briefe aus Kriminalämtern und Privatsammlungen heranzukommen, weil es hier datenschutzrechtliche Probleme geben kann und diese Briefe als mögliche gerichtliche Beweismittel einen besonderen Status haben. Darüber hinaus pflegen die Polizeibehörden aus einleuchtenden Gründen einen zurückhaltenden Umgang mit dieser Art von Korrespondenz. Es ist uns aber gelungen, uns auch aus diesen Quellen umfangreiches und sehr aufschlussreiches Material für unsere Untersuchung zu beschaffen.

Inwiefern erfährt man im Buch auch etwas über die Geschichte bzw. den Ausgang der einzelnen Fälle? Gibt es hier skurrile Beispiele?

Es gibt viele Bespiele, vor allem historisch eher weiter zurückliegende, in denen der Hergang des Kriminalfalles gut dokumentiert ist. Dazu zählt etwa der – gescheiterte – Versuch eines niederländischen Kaufmanns aus dem Jahr 1872, Kaiser Franz Joseph mit einem brieflich zugeschickten, erbärmlich schlecht gefälschten Nacktfoto seiner Gattin Sisi zu erpressen. Oder die Erpresserbriefe im Fall des entführten Lindbergh-Babys, der tragisch mit dem Tod des Kindes geendet hat und wo etliche Fragen noch heute ungeklärt bleiben.

Beispiele für skurrile Erpressungsversuche gibt es zuhauf, wie etwa das eines Möchtegernkriminellen, der das Geld gerne auf sein eigenes Konto überweisen haben wollte und seine korrekte Bankverbindung angab. In den 1970er Jahren versuchte ein „Herr“ die deutsche „Lotto-Fee“ Karin Tietze-Ludwig brieflich dazu zu bewegen, die Lottozahlen »oben ohne« zu verlesen, sonst würde er ihr körperlichen Schaden zufügen. Ein anderer Erpresser begann ein Schreiben an die Post mit der Anrede »Sehr geehrte Post!« – was nicht eben auf einen professionellen Täter hinweist.

 

»Sehr geehrte Post…« © Dr. Manfred Hecker
© Dr. Manfred Hecker

Wie unterscheidet sich ein Drohbrief Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem Drohbrief aus der jüngeren Vergangenheit?

Sicher in der sprachlichen Ausgestaltung. Eine Beschimpfung wie »Du Hirsch« oder »Du alte Maus«, wie sie früher vorkamen, würden heute eher lächerlich oder kindisch wirken. Was sich im Lauf der Zeit auch stark verändert hat, sind die Erpressungsgegenstände. Einen Homosexuellen, der aus seiner geschlechtlichen Orientierung kein Geheimnis macht und offensiv mit ihr umgeht, wird man nicht seiner Homosexualität wegen erpressen können. Dagegen war sexuelle Erpressung, die auf diese Männer abzielte, etwa Ende des 19. Jahrhunderts in Großbritannien ein regelrechtes Massenphänomen. Homosexuelle mussten nach einem Zwangsouting mit Gefängnisstrafen rechnen. Entsprechend groß war die Furcht und in vielen Fällen auch die Bereitschaft, auf die Forderung eines Erpressers einzugehen.

Inwiefern wirkt der Stil mit beispielsweise unterschiedlichen Buchstaben an sich schon bedrohlich?

Briefe mit ausgeschnittenen Zeitungslettern sind in der allgemeinen Vorstellung die »typischen« Droh- und Erpresserbriefe. Filmregisseure verwenden sie gerne, um dem Publikum zu signalisieren: „Aufgepasst! Hier wird jemand bedroht! Hier wird jemand erpresst“! In Wirklichkeit, zumindest jedenfalls in dem Material, das wir untersucht haben, kommen solche Briefe eher selten vor. Sie wirken heute wohl auch mehr wie ein Faschingsscherz denn wie eine sehr ernsthafte Bedrohung. Man kann sogar bei diversen Händlern Lettern in diesem Format bestellen, um damit „lustige“ Einladungen für Geburtstagsfeste oder Kinderparties zu gestalten.

Was macht den perfekten Drohbrief aus?

Wir würden generell davon abraten, Droh- und Erpresserbriefe zu schreiben, allein deshalb, weil die Polizei sehr viele scharfe Instrumente im Köcher hat, um den Verfassern solcher Schreiben auf die Spur zu kommen. Die Frage, welcher Droh- oder Erpresserbrief seinem Empfänger oder seiner Empfängerin am meisten zusetzt, kann man nicht allgemein beantworten, das hängt sehr von den unterschiedlichen psychologischen Faktoren ab. Auf manche Menschen wirken zynisch-höfliche und hämische Briefe bedrohlicher, auf andere solche, die mit Vulgärausdrücken und wüsten Beschimpfungen gespickt sind. Es gibt auch coole Typen, die sich überhaupt nicht beeindrucken lassen.

Die Präsentation des Buches »Böse Briefe – Eine Geschichte des Drohens und Erpressens« findet am 10. November in der Universität für angewandte Kunst in Wien statt. Nähere Infos zur Veranstaltung und dem Buch selbst findet ihr hier.

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