Wieso (nicht) auf Tape?

Dass die etwas (nervig-)nostalgischen Kassettengeschichten einiger Eltern mit Bleistift und Bandsalat heute wieder an Relevanz gewinnen würden, hätten rückblickend vermutlich wohl nur wenige gedacht. Dennoch: Musik auf Tape ist wieder im Kommen. Wir haben dazu mit einigen Labels gesprochen, die selbst Musik auf Kassette produzieren und vertreiben.

54 Jahre ist es her, dass auf der Funkausstellung in Berlin die Firma Philips neben dem Taschen Recorder 3300 die erste Kompaktkassette vorgestellt hat. Seit diesem Tag hat sich in Sachen Tonträger und Musikwiedergabe rückblickend sehr viel getan. Anfangs noch als Diktiergerät gedacht, schaffte es die Kassette nach einiger Zeit, sich als eines der wichtigsten Tonträgermedien zu etablieren. Abgelöst wurde sie schließlich von der CD, mit welcher sich auch langsam das Tor zur digitalen Welt öffnen sollte. Heißt konkret: MP3-Player, iPod, Spotify, iTunes und und und.

Seither leben wir mit dem Luxus, nahezu jeden Song, jedes Album und jeden Interpreten zu jeder Zeit und auf jedem digitalen Endgerät hören zu können. Und gerade jetzt, als offensichtlich der Zenit des Komfortablen erreicht wurde, scheint es, als würde sich die Geschichte der Musikträger, zumindest in Zügen wiederholen. Natürlich bleiben digitale Formate noch immer an erster Stelle und daran wird sich so schnell vermutlich auch nichts ändern, jedoch konnten analoge Tonträger, allen voran die Schallplatte in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung zurückgewinnen. Es scheint fast so als wäre bei vielen eine gewisse Sehnsucht nach dem Alten, nach etwas Greifbarem, etwas Echtem, in einer Zeit in der immer mehr digital und scheinbar unsichtbar ist.

Labels produzieren wieder auf Tape

Dafür spricht, dass neben dem Hype um Vinyl nun schon seit einigen Jahren auch wieder die Kassettenverkäufe steigen und immer mehr Labels parallel zu dem inzwischen klassischen Produktportfolio aus CD und Vinyl auch Tapes anbieten. Noch ist der Trend überschaubar, ein Anzeichen für den Aufschwung der Kassette ist unter anderem der seit 2013 jährlich stattfindende sogenannte »Cassette Store Day«, in Anspielung an den »Record Store Day«.

Der »Cassette Store Day«: Das Logo dürfte vor allem 80er-Jahre Nostalgiker gefallen © Facebook: International Cassette Store Day

Aber auch heimische Labels veröffentlichen wieder häufiger auf den Magnetbändern. Eines davon ist das Label »Shellrazor Records« aus Wien. Gründer Thomas Shellraiser sieht durchaus Ähnlichkeiten mit dem Vinylhype: »Das Potential wird bereits ausgeschöpft, zwar nicht in der gigantischen Vinyl-Dimension, aber das Tape entwickelt sich zum heißbegehrten Sammelstück«. Auf genau diese Funktion setzen auch Bands, die Kassetten meist in limitierter Stückzahl produzieren, wie beispielsweise Elektro Guzzi, die ihr neues Album, wie auch schon zuvor ihre Tourtapes, in geringer Stückzahl und handbemalt via Bandcamp anbieten – weil sie das Format mögen, wie sie selbst sagen: »Wenn sich jemand eine Kassette zu Hause einlegt, kann das schon was Besonderes sein.«

Andreas Wagner von »LaserLife Records« sieht in Kassetten eher Goodies für Leute, die Musik hauptsächlich digital hören aber trotzdem bei einer Show etwas Physisches kaufen möchten, oder eben wirklich Kassetten sammeln. »Ich bezweifle, dass sich wirklich viele Leute die Kassetten im Nachhinein anhören. Bei Vinyl spielt halt nicht nur das Sammeln eine Rolle sondern eben auch der Sound selbst. Plattenspieler haben mittlerweile wieder viele Leute und Vinyl wird auch tatsächlich gehört und nicht nur im Regal abgestellt, da der Sound halt einfach ganz speziell ist und von der Qualität her, meiner Meinung nach, eindeutig über CDs, MP3s oder Streams steht. Die Kassette bietet das nicht. Da würde sich wohl kaum jemand die Musik anhören und ernsthaft sagen, dass der Sound großartig ist.« Auch Benedikt Guschlbauer vom Label »Sama Recordings« tut sich schwer von einem Hype zu sprechen: »Die Absatzzahlen werden wohl wieder ein bisschen anziehen, aber – gemessen am Gesamtumsatz von Tonträgern – irgendwo zwischen ein und zwei Prozent pendeln.«

Elektro Guzzi mit ihrem »Tour Tape #2« © www.elektroguzzi.com

Die Motivation auf Tape zu produzieren zog »Sama Recordings« aus einer ablehnenden Haltung gegenüber klassischen Musikdiensten: »Ich habe beschlossen, auf sämtliche digitale Vertriebswege (außer Bandcamp) zu verzichten, da ich Anbieter wie Apple iTunes oder Spotify mit ihrer aggressiven Politik einfach nicht mehr unterstützen wollte. Es ist ja bekannt, dass zehn bis zwanzig Prozent des Contents auf solchen Megaplattformen niemals eine Hörerschaft findet. Außerdem geht es diesen Firmen nur um ihren Gewinn und nicht darum, dass Künstler fair bezahlt werden.«

Für Andreas Wagner von LaserLife Records war einerseits das gesteigerte Interesse an Tapes und andererseits der Wille zur Unterstützung von Bands ausschlaggebend: »Als kleines Label haben wir nicht immer die Möglichkeit, die Bands rauszubringen die wir wollen. Wir versuchen, mit Tapes zumindest einen Anteil an einem Release zu übernehmen, den andere Labels nicht machen wollen oder können. Beim Astpai-Album »Burden Calls« war es zum Beispiel so, dass der eigentliche Release (Vinyl und CDs) von einem größeren Label gemacht wurde, das der Band natürlich besser helfen kann als wir. Da wir uns aber auch gerne beteiligen wollten, haben wir dann den Vorschlag gemacht, dass wir eine limitierte Auflage in Form von Kassetten machen und das hat dann geklappt.«

Preisvorteile gegenüber Vinyl

Der Vorteil der Kassette wird oft im Preis der Herstellung gesehen. Dieser ist meist geringer als bei anderen Tonträgern und bietet dadurch auch Möglichkeiten für kleinere Veröffentlichungen. »Kassetten eignen sich besonders für irgendwelche limitierten Sonderauflagen oder Veröffentlichungen abseits von kompletten Alben. Wenn eine Band zum Beispiel nur 2 bis 3 Songs veröffentlichen möchte, hatte man bisher die Möglichkeit das digital zu machen oder als 7″. Digital alleine ist zwar günstiger aber halt auch nicht so ansprechend und 7″ ist sehr teuer. Da bietet die Kassette ein Mittelding, das halbwegs finanzierbar ist und außerdem Menschen anspricht die Musik auch physisch besitzen möchten und nicht nur einen Download oder Stream.«, so Wagner (LaserLife Records).

Gerade diese niedrige Stückzahl ist es auch, welche die Kassette zu einem exklusiven Sammler- und Liebhaberstück macht. »Sama Recordings« produzieren beispielsweise limitierte Auflagen in Höhe von 70 bis 100 Stück. Auch »LaserLife Records« will mit geringen Auflagen dem Ganzen »eine gewisse Exklusivität geben«. Thomas Shellraiser von Shellrazor Records vertreibt ähnlich geringe Stückzahlen: »Teilweise werden gar nur 100 Stück produziert, so wie es auch bei den meisten Undergroundproduktionen gehandhabt wird. Dadurch gibt es euch immense Wertsteigerungen, die man zum Beispiel auf Discogs verfolgen kann.«

Zusätzlich seien bei Schallplatten laut den Verantwortlichen von »Kitchen Leg Records« die Dauer von Testpressungen ein Problem: »Die Wartezeit für eine Vinyl Testpressung ist extrem lang. Also wirtschaftlich macht es da keinen Sinn weniger als 200 bis 250 Stück zu produzieren.« Julian Klien vom Label »Goldgelb Records« sieht das genau so: »Viele Presswerke nehmen auch keine Neukunden mehr weil der Vinylmarkt so überflutet ist und die Werke meist total ausgelastet sind.«

Auch die Wiener Band ANGER hat bereits einen Release auf Tape © Facebook: ANGER

Neben geringen Produktionskosten gegenüber Vinyl ergeben sich für KünstlerInnen und Bands auch im Vergleich zu digitalen Trägermedien ganz wesentliche Vorteile: Bei Kassetten ist es nicht möglich zu einzelnen Lieder zu springen. Somit werden Alben viel bewusster als Ganzes gehört. Ein Herauspicken von einzelnen Songs ist daher nahezu unmöglich und werten somit auch weniger bekannte Titel und das ganze Album an sich auf.

Von Hardcore bis Electronica

Welche Genres ihre Musik besonders häufig auf Kassette produzieren und vertreiben ist nicht so einfach zu sagen. Benedikt Guschlbauer (Sama Recordings) findet, dass die Kassette nicht genre-spezifisch ist: »Früher gab es viel mehr Hip Hop oder Instrumental Mix Tapes, heutzutage mehr Electronica und Experimental-Stuff.« Das sieht auch Julian Klien (Goldgelb Records) so: »Mittlerweile findet man Tapes in jedem Genre von Punk, Noise über Jazz bis zur elektronischen Musik und Techno.« »Kitchen Leg Records« legen ihren Fokus auf Punk, New Wave, No Wave und Noiserock sowie Experimental Pop und sehen sonst einen genreübergreifenden Trend, mit Ausnahme von Glitch was »absolut schlecht auf Kassette« klingen würde. Etwas anders sieht das Thomas Shellraiser (Shellrazor Records): »Fans des Metal Genres sind die größten Sammler. Dann natürlich noch die Genres Hardcore und Punk sowie der derzeit beliebte Retro-Synthwave«.

Ob man sich von diesem Nischentrend anstecken lässt bleibt letztlich jedem selbst überlassen. Diejenigen, die gleich auf den nächsten Flohmarkt rennen um sich einen alten Walkman zu kaufen oder Kisten auf dem Dachboden nach Abspielgeräten durchstöbern, sollten jedoch ihre Euphorie etwas bremsen. Dass sich die Verkäufe in Österreich von 2016 auf 2017 vermutlich um fast 20 Prozent steigern werden wirkt zwar zuerst einmal verblüffend, doch die Euphorie wird definitiv gebremst, wenn man sich die absoluten Zahlen etwas genauer ansieht. Thomas Böhm vom Verband der österreichischen Musikwirtschaft rechnet im Jahr 2017 lediglich mit einem Verkauf von ca. 2.200 Stück. Zum Vergleich: Anfang der Neunziger-Jahre waren es in Österreich in etwa 3,54 Millionen.

Verkaufszahlen hin oder her. Im Vergleich einigen Jahren konnte die Kassette zweifellos die Aufmerksamkeit vieler Menschen zurückgewinnen. Ob uns ein Kassettenhype noch bevorsteht oder dieser Trend bereits den Zenit erreicht hat kann wohl niemand so genau sagen. Nichtsdestotrotz wird die Kassette wohl niemals komplett sterben, wie Julian Klien (Goldgelb Records) schließt: »Der Markt erlebt gerade einen Trend aber ich glaube trotzdem dass die Kassette nie verschwinden wird. Sie ist Bestandteil der Musikwelt und findet immer genügend Anhänger.«

Abschließend noch ein paar Informationen zu den Labels: »Sama Recordings« aus Wien produziert seit nun schon drei Jahren auf Kassette. Die erste Veröffentlichung war das Album »Tremors« von Superskin. »Kitchen Leg records« hatten ihren ersten Tape-Release Ende 2013 mit »Mango« von Brabrabra. Das Wiener Label »Goldgelb Records« hat vor knapp einem halben Jahr begonnen auf Kassette zu produzieren und seither zwei Tapes veröffentlicht, am 5. Jänner wird eine Tape-Releaseparty im Rhiz gefeiert, alle Infos dazu hier. »Shellrazor Records« hatten ihren ersten Release auf Tape vor zwei Jahren. Das Hardcore/Punk DIY-Label »LaserLife Records« aus Wiener Neustadt produzierte erstmals 2014 das Album »Burden Calls« von Astpai auf Kassette.

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