„Cleane Leute der Mittelschicht fand ich als Kind eher befremdlich“

In „Die beste aller Welten“ erzählt Adrian Goiginger von seiner Kindheit in Salzburg mit seiner drogenabhängigen Mutter und im Interview, warum er dafür keinen Mut brauchte, welches Bild die Gesellschaft von Drogenabhängigen hat und wie ihm die Kulturlandschaft in Salzburg gefällt.

Der siebenjährige Adrian (Jeremy Miliker) will Abenteurer werden, wenn er erwachsen ist. Bis dahin spielt er Streiche mit Freunden, verbringt viel Zeit an der Salzach, geht zur Schule – eine ganz normale Kindheit, wie man meinen mag. Dass seine Mutter Helga (Verena Altenberger) drogenabhängig ist und ihre Verfassung zwischen Euphorie und endloser Müdigkeit pendelt, dass ihre sich im Wohnzimmer befindenden Freunde und Adrians Stiefvater Günter (Lukas Miko) auch alle drauf sind, dass seine Mutter Opium in den „Zaubertrank“ für die Erwachsenen gibt – davon bekommt der Bub nichts mit. Was er (und durch Adrians Augen auch das Publikum) mitbekommt, das sind die liebevolle Beziehung der beiden und der Versuch der Mutter ihrem Sohn eine möglichst große Portion Stabilität, Zufriedenheit und Sorgenlosigkeit zu ermöglichen.

Uns hat Adrian Goiginger einige Fragen zu seinem Langfilmdebüt beantwortet. 

Regisseur Adrian Goiginger feiert mit „Die beste aller Welten“ sein Langfilmdebüt.

Der Tod deiner Mutter 2012 war für dich Anlass, um diesen Film zu drehen. Hat es viel Mut gebraucht, um diese persönliche Geschichte zu erzählen?

Nein, Mut oder Überwindung waren nicht nötig. Es war eine klar überlegte Entscheidung: „Will ich jetzt wirklich meine eigene Kindheit in meinem Debütfilm erzählen?“, doch als ich diese Frage dann nach ein paar Tagen diese Frage mit einem deutlichen JA für mich beantworten konnte, habe ich es durchgezogen, ohne eine Sekunde daran zu zweifeln.

Es ist eine Geschichte, die wenige selbst so erlebt haben, und fast niemand übersteht sie gesund, um danach einen Film darüber machen zu können. Deshalb sah ich es als eine gewisse Schuld der Menschheit gegenüber, diese Geschichte so zu erzählen, wie sie mir passiert ist. Ich weiß, das klingt hochgestochen, aber wenn man vier Jahre seines Lebens einem Filmprojekt widmet, muss es für einen selbst etwas Großes sein.

Wie fand es deine Familie, dass du die Drogenabhängigkeit deiner Mutter filmisch darstellen willst?

Alle nahmen es sehr positiv auf, da die Drogenabhängigkeit meiner Mutter zwar ihr großes Problem war, aber ich vor allem ihre unbändige Liebe zu mir und ihre Kraft, gegen die Sucht zu kämpfen, filmisch dargestellt habe. Mehr als die Drogenabhängigkeit habe ich versucht, den Grund für ihre Sucht zu zeigen, nämlich ihre Depression, die sie seit vielen Jahren gefangen hielt.

Natürlich ist es trotzdem für meine Familie sehr emotional. Die Mutter meiner Mutter (mein Großvater ist schon gestorben) hat sich den Film noch nicht ansehen können, da es sie zu sehr aufwühlen würde, ihre verstorbene Tochter auf der Leinwand zu sehen.

Was war die größte Herausforderung, was der schönste Moment bei der Arbeit an „Die beste aller Welten“?

Die größte Herausforderung und gleichzeitig die schönsten Momente entstanden bei der Arbeit mit meinem 7-jährigen Hauptdarsteller Jeremy Miliker. Ich musste mir für jede Szene und für jede Einstellung eine genaue Vorgehensweise bzw. Tricks überlegen, wie ich eine natürliche, authentische Reaktion aus ihm herauslocke. Das war die Herausforderung; die schönen Momente ergaben sich dann aus Jeremys unglaublichem Talent, seiner Spielfreude und seiner Gabe, sich komplett in die für ihn gemachten Situationen hineinzuversetzen. Einmal hat er bei einem Interview gesagt, dass das Schönste an dem Dreh ist, dass er meine Kindheit erleben darf – da ist mir das Herz aufgegangen.

 Konntest du durch das Filmprojekt etwas Neues über dich und deine Kindheit lernen?

Da durch Jeremy meine Kindheit gespiegelt wurde bzw. er vieles, was mir widerfahren ist, noch einmal erleben musste, ist nochmal klarer geworden, wie viel meine Mutter tatsächlich leisten musste, um mir trotz allem eine glückliche Kindheit zu ermöglichen. Es gibt eine Szene, in der ihn ein Junkie zwingt, Wodka zu trinken. Das war für Jeremy genauso schlimm, wie für mich damals. Als dann Verena ins Zimmer stürzte und ihn rettete, war es für Jeremy eine echte Rettung. Hätte es die Mutter nicht gegeben, wäre es wirklich schrecklich gewesen.

Ansonsten bin ich in sehr vielen Punkten in meiner Einschätzung bestätigt worden. Die lustigsten Szenen für Jeremy waren auch die damals für mich lustigsten Momente, wie an der Salzach Feuer machen, mit Schweizer Krachern spielen oder im Wohnzimmer mit den Erwachsenen abhängen.

Wie gestaltete sich die Arbeit mit Jeremy Miliker? War es leicht, ihn für diese Rolle zu casten und wie gestaltete sich der Umgang mit einem so jungen Darsteller am Set?

Das Casting war eigentlich relativ leicht, wir haben so um die 200 Bewerbungen von Kindern bekommen und uns dann die meisten von ihnen angesehen. Jeremy war erst der zweite Bewerber von allen und ich erinnere mich, dass ich nach seinem ersten 10-minütigen Auftritt scherzhaft zur Casterin Angelika Kropej gesagt habe, dass das wahrscheinlich unser Adrian wird und wir jetzt eigentlich aufhören könnten.In den folgenden fünf Castingrunden ist er von Take zu Take besser geworden und hat die Rolle schlussendlich eindeutig und mit wehenden Fahnen bekommen.

Du wolltest in „Die beste aller Welten“ die Geschichte aus der Sicht des Kindes zeigen, das spiegelt sich mitunter in der Kameraarbeit und auch in den Szenen mit den Fabelwesen wider. Warum?

Es gibt schon dutzende sehr gute Drogenfilme („Requiem For A Dream“, „Trainspotting, Spun“, „Inherent Vice“…), deswegen war es mir sehr wichtig, eine neue Perspektive auf diese schon oft kreierte, filmische Welt zu liefern. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, die Geschichte der Mutter aus den Augen des Kindes zu erzählen und wirklich konsequent dabei zu bleiben. Deswegen sieht man auch keine Spritzen, es gibt keine aufklärenden Dialoge, sondern man geht mit dem Kind durch diese Welt und sieht, hört, erlebt (mit kleinen Ausnahmen) nur das, was dem Kind widerfährt.
Da für einen siebenjährigen Jungen viele dieser krassen Ereignisse nicht greifbar bzw. schwer zu verarbeiten sind, war es mir wichtig, eine zweite Fantasiewelt einzubauen, in der das Kind den Kampf gegen den Dämon führen kann, der in dem Leben seiner Mutter umtriebig ist. Wie sonst könnte sich ein Kind die Drogensucht der eigenen Mutter erklären?

Warum war es dir auch wichtig, dass die Figuren oft in einem relativ starken Dialekt sprechen?

Mir geht es in meinen Filmen vor allem um Authentizität. Ich will keine Schauspieler auf der Leinwand sehen, sondern echte Menschen. Diese Illusion schafft man meiner Meinung nach nur, wenn die Leute auch authentisch sprechen. Und in Salzburg redet man nun mal Salzburgerisch. Außerdem ist es ein Irrglaube zu denken, dass sich Filme im Dialekt weniger gut vermarkten lassen oder schlechter ankommen. Gerade in Österreich ist das Gegenteil der Fall.

Dir ist es gelungen, die Figur der Helga, also deiner Mutter, trotz ihrer Drogenabhängigkeit als liebevolle und fürsorgliche Person zu zeigen, der die Beziehung zu ihrem Sohn sehr wichtig ist. Du hattest durch deine Familiengeschichte selbst Erfahrung im Umgang mit Süchtigen. Wie haben sich diese Menschen für dich in deiner Kindheit präsentiert und welche Vorurteile sind deiner Ansicht nach falsch in Bezug auf Sucht und Süchtige?

Ich kannte als Kind kaum andere Menschen, deswegen waren die Süchtigen für mich normal. Cleane Leute der Mittelschicht, die ein Auto besitzen und auf Urlaub fahren, fand ich als Kind eher befremdlich. Ich liebte die Freiheit, Offenheit und Authentizität in der hippiemäßigen Drogenkommune.

Viele Leute verurteilen drogensüchtige Menschen mit einer ekelerregenden, moralischen Überheblichkeit. Sie sehen sie als Menschen zweiter Klasse und sind sich sicher, dass sie selbst nie so weit abstürzen könnten. Dabei ist niemand aus Spaß und Tollerei drogenabhängig, sondern es steckt immer eine viel tiefere, psychische Leere dahinter, wie die Depression meiner Mutter. Nicht Drogen machen süchtig, sondern das Verlangen, seine Ängste, Probleme und Sorgen zu besiegen und die Aussichtslosigkeit, dies ohne fremde Substanzen zu schaffen.

Du lebst und studierst in Deutschland. Welche Sicht hast du mittlerweile auf die Stadt Salzburg und auch auf deren Kulturszene?

Ich liebe meine Heimatstadt Salzburg über alles und freue mich jedes Mal, wenn ich zurückkehre. Diese Liebe ist aber sehr subjektiv und sentimental; wäre ich in Innsbruck geboren, würde ich dasselbe über diese Stadt sagen. Das romantische Bild von meiner Mozartstadt hat sich im Ausland dann nur noch verstärkt (das tolle Essen, die Berge, die Seen, meine Freunde).

Die Kulturszene in Salzburg hat für mich wenig zu bieten. Die Festspiele sind sowieso ein reines Tourismusevent, Theater ist nichts für mich und ansonsten wird von Seiten der Stadt kaum etwas investiert. Eine echte Film- und Kinolandschaft gibt es aufgrund von fehlenden Förderungen nicht. Als junger Nachwuchsfilmer bin ich zwar wirklich toll unterstützt worden – es gibt kleinere Förderungen, Jahresstipendien usw. –, aber mir kommt vor, dass die hohen Instanzen der Politik wenig dafür tun, dass mehr Kinofilme in und von Salzburgern gemacht werden können.

Es gibt ein paar coole Bands in der Stadt wie z.B. Blank Manuskript und natürlich das „Das Kino“, aber für Salzburg find ich das schon etwas spärlich.

„Die beste aller Welten“ kann durchaus auch als fantasievolle Heldengeschichte betrachtet werden. Wer sind deine Helden und Heldinnen?

Der größte Held, der meine Mutter Helga, meinen Stiefvater und mich rettete, ist Jesus. Nach dutzenden gescheiterten Entzügen war er der einzige, der die tiefen Wunden in Helgas Seele heilen konnte und neben der körperlichen Sucht auch ihr psychisches Verlangen wegnahm. Ohne ihn wäre ich wohl heute auch drogenabhängig (der Sog hin zu diesem Milieu war durchaus ein starker) und könnte jetzt nicht die Frage zu diesem Interview beantworten.

„Die beste aller Welten“ ist ab 08.09.2017 in den österreichischen Kinos zu sehen.

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