Da bin ich jetzt durch

The Unused Word hat eine dieser ganz großen Stimmen und die klassische Ausbildung aber sie wollte eben auch g’scheite Beats produzieren. Wir präsentieren exklusiv ihr neues Video "Silent Summer" und sprachen mit der Produzentin über Kurt Cobain, den Magix Music Maker und ihre neue EP.

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Beatmaker-Szene braucht Haupstadt? Nicht unbedingt. Anna Schauberger a.k.a The Unused Word kommt mit dem Koffer direkt aus dem Salzkammergut, wo sie mittlerweile lebt, zum Interview; In einem Karton hat sie die neue "Think EP" als 10” dabei und natürlich ein paar CDs. Die Freude steht ihr ins Gesicht geschrieben: es hat doch länger als geplant gedauert, das neue Baby endlich in Händen zu halten. In der Zwischenzeit wurde schon an einigen weiteren Nummern gearbeitet – die Veröffentlichung eines Debüt-Albums zeichnet sich am Horizont ab.

The Unused Word war lange die First – weil auch einzige – Lady auf dem österreichischen Hip Hop Label Duzz Down San und machte vor allem mit dem Track "Heaven", der auf ihrer ersten EP erschien, national und international auf sich aufmerksam. Die neue EP führt von Hip Hop ("The Kid" feat. Yarah Bravo) zu Trip Hop ("Capture Bonding"); dazwischen: Genre Hop – mehrere Stilrichtungen umschmiegen hier die teilweise sehr persönlichen und emotionalen Texte. Wir sprachen mit Anna über die Entwicklung ihres Sounds und das Erwachsenwerden, aber auch über Metalbands und "gute Tipps".

Magst du zum Einstieg etwas von deiner Metalband-Vergangenheit erzählen?

Meine zwei Nachbarn haben beide viele Musikinstrumente beherrscht und ich dachte ich kann "hhhwwwwrrrrr" machen. Ich wollte einfach vieles probieren. Es war sehr gut für die Psyche.

Da warst du 21, also keine Jugendsünde?

Nein, ich steh’ auch dazu. Einer von den beiden Nachbarn war in der Jugend schon sehr wichtig für mich, weil er ausgeschaut und gesungen hat wie Kurt Cobain. Sein Vater hatte außedem ein Tonstudio. Das war also perfekt (lacht).

Sprechen wir über deine neue EP. Mir kommt vor, da gibt es stärkere Old School Hip Hop-Anklänge. Wie siehst du die Soundentwicklung – ist das die Richtung in die es zukünftig gehen wird oder bist du in der Ausprobier-Phase?

Fixieren ist kein Thema für mich. Gerade im Label-Umfeld von Duzz Down San werden niemandem irgendwelche Genre-Riegel vorgeschoben. In der Jugend habe ich mehrere Musikrichtungen geliebt und eine war Hip Hop, aber ausgelebt hab ich das nur als "Hook-Sängerin". Da gab es einen Moment, als ich in Wien eine Hook einsingen hätte sollen und mir der Text nicht über die Lippen gekommen ist, weil er so ein seltsames Frauenbild vermittelt hat, sodass ich gesagt habe: "Tut mir leid, das ist jetzt unprofessionell, aber ich mach’ das nicht." Ich wollte dann in weiterer Folge einfach mehr selbst entscheiden können und dann begann der erste Ausflug in Richtung Hip Hop-Produktion.

Auf der EP scheint mir Erwachsenwerden ein großes Thema zu sein und auch ein gewisses Abgrenzen. Und sie kommt mir viel persönlicher vor als deine früheren Sachen.

Das Abgrenzen ist kein Ausschließen, es ist ein "da bin ich jetzt durch". Ich war von Kleinauf in einem schulartigen System und die Entscheidung die Uni ohne Abschluss zu verlassen ist mir sehr schwergefallen, andererseits brauchte ich die Zeit zum Produzieren. Zwei Wochen darauf bin ich bei Duzz Down San gelandet und da ist eine kreative Explosion losgegangen, weil ich mich zum ersten Mal im Musikschaffen wirklich frei gefühlt. Die neue EP ist jetzt vielleicht persönlicher, weil jetzt mehr Ruhe eingekehrt ist, weil es einfach noch ganz viele Stränge gab, die entknotet werden mussten.

Du hast Komposition studiert, wie hast du das Produzieren gelernt?

2005 hat eine Freundin von mir in Graz an der Oper bei einem Theaterstück Regieassitenz gemacht und mich gefragt, ob ich mich um die Musik kümmern könnte. Da hab ich einfach versucht, etwas zu produzieren. Das war der erste Moment, wo ich mit dem Magix Music Maker – mit x!!! (lacht) – Module aneinandergereiht hab, da hatte ich noch nicht mal ein Midi-Keyboard! Aber irgendwie hat das auch gepasst. Später bin ich auf Ableton Live umgestiegen und 2008 habe ich begonnen mit Logic zu produzieren. Da habe ich am Anfang sehr viel Unterstützung von meinem damaligen Freund bekommen, der selber Produzent und Tontechniker ist.

Interessant, dass du das ansprichst. Ich habe eine Zeit lang erfolglos versucht mit Logic herumzutun, aber anstatt mir Youtube-Tutorials anzuschauen, habe ich die Burschen in meinem Umfeld gefragt, ob sie mir das erklären können. Irgendwie hab ich mich dann geärgert, dass ich mir das nicht selbst beibringen kann.

Ich glaube bei Männern ist es oft so, dass sie einfach nicht darüber reden, wie schwer es war, gewisse Kniffe zu erlangen. Ich finde generell, dass man viel offener darüber reden sollte. Ich bin stolz darauf, dass ich – egal von Mann oder Frau – etwas gelernt habe. Bei mir ist das technische Interesse da, aber ich brauche teilweise lang, bis ich Abläufe automatisiert habe. Es geht um den Punkt, den man erreicht, wenn man diese Abläufe ganz oft wiederholt hat – das ist das, was man selbst erlangt hat – egal ob man sich vorher ein Youtube-Tutorial angeschaut hat oder ob es einem der Freund erklärt. Ich finde das überhaupt nicht problematisch.

Ich weiß auch nicht, ob die Jungs bei Duzz Down San viel aktiv über Feminismus nachdenken, aber auf dem Label war von Anfang an klar, dass jeder alles machen kann. Ich war die erste Frau; jetzt sind mit Stephi von Konea Ra und Yarah zwei weitere nachgekommen, außerdem ist die wunderbare Anita für alle grafischen Belange des Labels zuständig und das ist super.

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Bild(er) © 1, 3, 4: Florian Rainer, 2: Daniel Leitner, 5: Amira Ben Saoud
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