Sinn für Gemeinschaft

Oh That Place versteht sich als internationales, kreatives und interdisziplinäres Ideenkollektiv, das die wienerische Design-Szene verbinden möchte. Bei der Vienna Design Week ist das Kollektiv rund um Elaine, Kasia und Nadia mit dem Projekt "Transmigration" vertreten. Zeit für eine genauere Betrachtung.

Wien – das ist mehr als nur Lippizaner, Sachertorte und Sisi-Kitsch. Wien – das sind mitunter auch all die Kreativen, die Musiker, Schriftsteller, Fotografen und eben auch Designer. Die Leute, die unseren Alltag schöner und interessanter gestalten, die die Stadt, in der wir leben, prägen. Weil die Arbeit in einem kreativen Feld mitunter ein Dasein als Einzelkämpfer erfordert, wollen Nadia, Kasia und Elaina von Oh That Place durch sogenannte Sneak Peek-Events Designer aus unterschiedlichen Bereichen zusammenbringen. Dort bieten sie diesen eine Plattform, um ihre Arbeiten in einer zwanglosen und einzigartigen Kulisse zu präsentieren. Ihnen ist dabei sowohl der soziale Aspekt wichtig, als auch die zukünftigen Kollaborationen, die so entstehen. Und das ist durchaus schon geschehen: So arbeitete nach einem Oh That Place-Event etwa der Künstler Nikolaus Dominik Cyril Merlin Fröhlich (NDCM) mit der Druckereiwerkstatt Viadukt zusammen. Und Patrick Wollner begann eine Zusammenarbeit mit Leica. "Wir wissen von Designern, die sich nun ein Studio teilen, nachdem sie sich bei einem unserer Sneak Peek-Events getroffen haben", so Nadia von Oh That Place im Interview.

Graswurzeldesigner mit regionaler Ästhetik

Die Intention von Oh That Place besteht mitunter darin, Graswurzeldesigner miteinander bekannt zu machen. Da dieser Begriff vermutlich nicht allen bekannt sein wird, bitten wir um Aufklärung: "Damit meinen wir zwei Dinge: Erstens Design-Projekte, die sich mit sozialen Problemen beschäftigen, wie etwa das Projekt Stadtarbeit bei der Vienna Design Week. Zweitens Designer, die einen DIY-Zugang besitzen, Qualitätsprodukte und -produzenten bei ihrer Arbeit verwenden und einen lokalisierten, umweltfreundlichen bzw. sozialen Zugang zu Design haben." Doch wie wählen Oh That Place überhaupt Designer für ihre Events aus? Dazu antwortet uns Elaine: "Wir haben alle unterschiedliche Backgrounds, aber unsere gemeinsame Leidenschaft für Design und dessen Relevanz im Alltag ist das Fundament von Oh That Place. Wir mögen moderne Designer, die aber eine regionale Ästhetik besitzen."

Kreative Integration

Bei der Vienna Design Week werden Oh That Place mit ihrem Projekt „Transmigration“ vertreten sein. Dazu arbeiten sie mit sieben Institutionen wie etwa Taste of Home und A Wiener, halal! zusammen. Zwei zeitgenössische Künstler – Nisrine Boukhari und Rahman Hak-Hagir – werden Vorträge halten. Ebenso wird es Workshops, Führungen und eine Ausstellung geben. Was das Publikum genau erwarten darf, dazu hat uns Nadia schon folgendes verraten: "Jeder, der bei „Transmigration“ involviert ist, bringt etwas völlig anderes mit ein. So wird es Workshops zu den Themen Möbelbau und Radreparatur geben. Jeder Vortrag und jeder Workshop wird unterschiedlich sein. Es ist ein Sammelsurium von engagierten Leuten, die wunderbare Dinge tun, um die positive Integration von Flüchtlingen in Wien zu forcieren und die dabei kreative Ansätze nützen, die Aufmerksamkeit verdienen."

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Neu ankommen in Wien

Nadia, Kasia und Elaine vereint nicht nur ihr Vorliebe für Design, sondern auch ihr Migrationshintergrund. Elaine wurde in China geboren, wuchs in North California auf und lebt seit 2012 in Wien. Kasia ist gebürtige Polin und ebenfalls seit 2012 in Wien. Nadia wiederum stammt aus Sydney und lebt seit 2008 in der österreichischen Hauptstadt. Über das Verhältnis zwischen ihrer eigenen Migration und der Situation von Flüchtlingen meint Nadia daher im Gespräch: "Wir sind alle mit dem Privileg eines international anerkannten Passes aus der EU bzw. den USA sowie freiwillig nach Österreich gekommen. Für die Vienna Design Week arbeiten wir mit Projekten zusammen, die Flüchtlingen helfen, sich an das Leben in Wien zu gewöhnen. Diese Flüchtlinge sind mit nichts hierher gekommen. Die Unterschiede zwischen uns und den Flüchtlingen sind somit nicht zu vergleichen. Dennoch haben auch wir mit dem Prozess der Integration Erfahrungen gemacht, ebenso mit der Bürokratie in Österreich, wo niemand Englisch spricht, das ist sehr Wienerisch." Durch ihr gemeinsam geteiltes Interesse an der kreativen Szene, in der die Leute meist offen für neue Menschen seien, haben Oh That Place jedoch positive Erfahrungen gemacht. Sie wissen daher auch, welche Möglichkeiten Kreativität biete und dass diese ihnen geholfen habe, einen eigene Gemeinschaft zu gründen. Daher wollen sie anderen MigrantInnen helfen, damit diese ebenso einen Sinn für Gemeinschaft bekommen, so Nadia weiter.

Wien kann Design

Bei soviel Design-Affinität sind wir natürlich gespannt, welche Design-Hotspots Oh That Place in Wien kennen und schätzen. Auf unsere Frage danach, werden uns folgende Namen genannt: Ail, Burggasse 24, Hotel am Brillantengrund, Kaffeemik, Miznon und Cash Cans & Candy. "Wien selbst ist noch immer ein bisschen ein Insidertipp, wobei sich das zu verändern beginnt", so Nadia. Für die Zukunft haben Oh That Place natürlich auch Pläne, mitunter wollen sie einen eigenen Concept Store eröffnen. Da es sich bei Oh That Place um ein relativ junges Projekt handelt, haben wir sie auch nach ihrer Einschätzung der heimischen Start-up-Szene gefragt. Dazu Nadia: "Die meisten Designer und Kreativen verlassen die Universität nicht mit den Fähigkeiten, die sie brauchen, um erfolgreich selbstständig zu sein oder Unternehmen zu gründen. Das ist ein massiver Fehler im System." Elaine betont in diesem Zusammenhang die Relevanz von Mentoren, die Wissen an weniger erfahrene Kreative weitergeben. Da Oh That Place in Wien ansässig ist, haben wir schlussendlich gefragt, welches Designstück die Designszene am besten darstellen könnte. Dazu antwortet uns Elaine: ein silbernes Tablett, auf dem Wiener Melange serviert wird. Nadia widerspricht ihr und meint, Wien wäre eher ein Kronleuchter von J. & L. Lobmeyr – komplex, wunderschön, extravagant, aber auch raffiniert und historisch bedeutend. Einig sind sich Oh That Place darin, dass sie sich Wien ohne Design gar nicht vorstellen könnten. Denn sonst wäre die Stadt, um es mit Nadias Worten zu sagen, "boring as batshit".

Die Vienna Design Week findet von 30.09. bis 09.10. statt. Nähere Infos zu "Transmigration" gibt es bei Facebook oder auf der Oh That Place-Website.

Bild(er) © Max Kropitz
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