Deborah Sengl: „Ich will niemanden missionieren, therapieren oder manipulieren“

„Heimsuchung – Hells Angels“ heißt die neue Ausstellung der Wiener Künstlerin Deborah Sengl. Ihre Kunst ist direkt und immer gesellschaftskritisch.

© Deborah Sengl

Heimsuchung – Hells Angels“ heißt die neue Ausstellung der Wiener Künstlerin Deborah Sengl. Ihre Kunst ist direkt und immer gesellschaftskritisch. Durch Präparate und Tierkombinationen bekannt, zeigt sie nun auf Stillleben fokussierte Werke. Dabei finden sich Prominente neben Obdachlosen, Freaks im Superheldenkostüm und vermeintliche Idyllen zeigen ihre Abgründe und entlarven die „Engel“ unserer Zeit …

Was Deborah Sengl zu diesen Höllenengeln bewegt hat und was sie damit sagen will, hat sie uns kurz vor der Eröffnung verraten.

Wie bist du auf den Titel der neuen Serie gekommen und was thematisiert du?

Ich beobachte seit Jahren das Thema Esoterik. Als Anti-Esoterikerin und Atheistin sehe ich hier jede Menge Scharlatanerie, habe aber nie einen Modus gefunden, das darzustellen. Wir haben alle unsere Sehnsüchte und Ängste, unsere Wünsche und gewisse Lücken, die wir oft mit eigenartigen Hilfsmitteln stopfen. Wenn man es nicht schafft, diese Probleme mit sich alleine auszumachen, kann eine Religion eine wunderbare Stütze sein. Und wenn man keiner bestimmten Religion zugehört, ist oft Esoterik dieses Mittel. Damit wird aber auch viel Humbug betrieben und Geld gemacht. Irgendwann kamen mir dann diese Engel in den Sinn. Es geht dabei nicht nur um Esoterik, sondern auch um die Frage der Hoffnung und des Glaubens – und auch um das Geschäftemachen damit. Die Figuren dazu waren dann einfach da, auch der Titel ist relativ schnell gekommen.

Wie ist die Wahl auf genau die Figuren gefallen, die du verwendet hast?

Ich habe versucht, ein gewisses Potpourri aus den gängigsten Darstellungen von Engeln zu machen und damit verschiedene Themen unserer Zeit zu behandeln, vor allem Sehnsüchte wie etwa Reichtum, Potenz, Schönheit. Der Botox-Engel verspricht zum Beispiel ewige Jugend – ein dämonisches Versprechen. Talkshows, Soaps und vieles andere inspiriert mich da. Ich schaue oft fern, denn für mich sind viele Sendungen eine Sozialstudie und zeigen, wie die Menschheit tickt. Oft geht es in meinen Bildern auch um den zweiten Blick auf Situationen. Die Fassade strahlt, aber dahinter verbergen sich viele Probleme. Das idyllische Valentinstagsbild mit dem Bärchen kommt als süßes Stillleben daher, in dem die Frau aber ein blaues Auge hat.

Die BetrachterInnen von Kunst interpretieren oft Werke und lesen viel hinein, aber was willst du konkret den Leuten vermitteln?

Ich gebe da nie viel vor und finde, dass die Arbeiten relativ selbsterklärend sind. Ich will niemanden anleiten, meine Kunst auf eine bestimmte Weise zu sehen. Auch will ich niemanden missionieren, therapieren oder manipulieren. Es sind Denkanstöße, die ich gebe. Wenn nun jemand sehr esoterisch ist, wird er oder sie sich auch von mir nicht davon abbringen lassen. Ich habe auch nichts dagegen, wenn jemand so ist. Wer sich an eine reine Abzocke klammert, tut mir leid, aber diejenigen werden durch meine Kunst wahrscheinlich auch nicht glücklichere oder weniger abgezockte Menschen.

Du zeigst nun drei Teile – neben „Heimsuchung – Hells Angels“ auch noch „Superfreaks“ und „Homestory“. Woher kamen die weiteren Inspirationen?

Ich setze immer das um, was mich beschäftigt. Bei „Superfreaks“ war das 250. Jubiläum des Wiener Praters der Auslöser. Ich habe schon als Kind oft den berühmten Film „Freaks“ [Tod Browning, 1932] gesehen und – wie viele Menschen – diese Faszination für Freakshows gehabt. Beim Besuch des Pratermuseums kam mir das Thema wieder in den Sinn und ich habe mich gefragt, warum sich Menschen so etwas gerne ansehen. Was macht das mit den Leuten, was ist so anziehend, dass sie nicht wegschauen können? Es gibt eine Faszination für Menschen, die anders sind. Irgendwie bewundert man sie, gleichzeitig möchte man aber auch nicht so sein wie sie, so exponiert. Deswegen sind sie bei mir auch gekoppelt mit den Comic-Helden. Diese Helden wie Superman, Batman oder Spiderman sind letztlich oft einsame Außenseiter. Im Prinzip können sie mit ihren Superkräften ja auch nur ein Ding wie zum Beispiel Wände hochklettern, sind aber in anderen Bereichen total hilflos.

Und „Homestory“?

„Homestory“ ist entstanden, weil sich Menschen oft über andere erheben, denen es schlecht geht. Konkreter Auslöser war in diesem Fall ein Foto von einem Obdachlosen, das ein Bekannter von mir – verbunden mit einem „lustigen“ Kommentar – auf Facebook gepostet hat. Das fand ich grauenhaft, es hat mich sehr schockiert. Darum habe ich mich mit diesem Thema befasst. Daran ist auch die Frage gekoppelt, wie ich selber mit solchen Situationen umgehe. Ich gehe auch öfter an Obdachlosen vorbei und schaue weg. Mit diesem Ausblenden, dieser Gedankenlosigkeit beschäftigt sich „Homestory“. Es ist schrecklich, aber man macht nichts dagegen, zumindest die meisten Menschen.

Du bist ja bisher sehr bekannt durch deine Kunstwerke mit Tieren und Tierkombinationen, durch das Thema des Tiers im Menschen und Objektarbeiten mit Präparaten. Ist das nun ein absichtlicher Bruch mit dieser Thematik oder ein neuer Abschnitt?

Nein, so sehe ich das gar nicht, aber mir ist aufgefallen, dass viele Bekannte das so sehen. Ich habe das nicht bewusst entschieden, es ist einfach so entstanden. Ich war in dieser Zeit froh, einmal etwas Anderes zu machen wie eben Stillleben zu malen. Ich glaube allerdings schon, dass man mich wiedererkennt – den Malstil, den Humor, die Herangehensweise an das Thema. Das ist für mich aber kein Bruch. Ich beschäftige mich zum Beispiel schon lange mit Marken, da kommen überhaupt keine Tiere vor.

Bei „Homestory“ gibt es aber vereinzelt doch Tierkombinationen – warum gerade hier?

Weil es bei dem Thema für mich gepasst hat. Für mich kommt das Thema vor der Umsetzung und bei „Homestory“ hätte ich keine andere Visualisierung gesehen. Bei den Engeln hätte ich wiederum keine Tiere gesehen.

Was ist deine Vorgehensweise bei den Malereien und Zeichnungen?

Ich habe ein Thema, das mich beschäftigt und ein Motiv, das ich mir am Computer zusammenbaue und anschließend auf die Leinwand projiziere, damit ich durch die Konturen ungefähr weiß, wo die Figur aufhört und anfängt. Dann male ich das Bild, das ich eigentlich schon fertig im Kopf habe. Für mich ist das eine technische Umsetzung, in Acryl gemalt.

Verwirfst du auch viele Ideen?

Nein. Was ich ausarbeite und male, wird immer fertig. Ich weiß genau, wie meine Idee am Ende aussehen muss und für mich ist ein Bild oder eine Skulptur eigentlich uninteressant, sobald ich damit fertig bin. Mir ist die Umsetzung wichtig, weil ich schon sehr perfektionistisch bin. Und ich glaube, das sieht man auch auf den Bildern.

Von 27. Jänner bis  25. März 2017 ist Deborah Sengls neue Serie „Heimsuchung – Hells Angels“ in der Galerie Hilger NEXT zu sehen.

 

 

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