„Dunkirk“: Christopher Nolans meisterliche Neuerfindung des Kriegsdramas

„Dunkirk“ zeigt den Zweiten Weltkrieg in der epochalen Bildsprache von Christopher Nolan („The Dark Knight“) – fesselnd, nervenzerreißend, sehenswert. Und ganz ohne Blut.

© Warner Bros. Pictures

Hätte das Kriegsdrama einen Busenfreund unter den Filmgenres, wäre es mit Sicherheit der Boxerfilm. Beide erzählen die im Prinzip immer gleiche Geschichte, wehren sich verbissen gegen ihre Neuerfindung und bleiben bei der Vergabe von Oscars & Co meist dann doch chancenlos – zumindest in den Hauptkategorien. Jeder große Boxer des 20. Jahrhunderts verwandelt sich über kurz oder lang in einen Kinohelden, jede große Schlacht des 20. Jahrhunderts wird in den Lichtspielhäusern neu ausgetragen. Langsam arbeitet man sich so durch die Geschichtsbücher. Signifikante Unterschiede sind für das Publikum selten auszumachen, sieht man von den Namen der Protagonisten und den Örtlichkeiten ab.

Warum sich also „Dunkirk“ ansehen? Ein Kriegsdrama übrigens, kein Boxerfilm. Weil es Christopher Nolans bester Film seit „The Dark Knight“ ist. Weil es das beste Kriegsdrama seit „Der Soldat James Ryan“ ist. Weil man mit Gänsehaut und Schweiß auf der Stirn den Kinosaal verlässt. Weil Nolan, ein gebürtiger Engländer, den gewohnten Kriegsfilmpatriotismus auf ein absolutes Minimum beschränkt. Weil sich die Akteure (allen voran Fionn Whitehead und Mark Rylance) die Seele aus dem Leib spielen. Weil Mädchenschwarm Harry Styles (ehemals bei One Direction am Mikro) in einer kleinen Rolle zu sehen ist und dabei einen tollen Job macht.

Kein Tropfen Kunstblut

Das Talentaufgebot ist immens hoch in „Dunkirk“, der eigentliche Star des Dramas ist aber Nolans Regiearbeit. Intensiver und fesselnder wurde das Grauen des Krieges selten verfilmt. Dass dabei kein Tropfen Kunstblut vergossen wird und kein einziger Wehrmachtssoldat ins Bild rückt, fällt mitunter gar nicht auf.

Da ist sie dann also doch, die Neuerfindung des Kriegsdramas – und die sehr realistische Chance auf den einen oder anderen Oscar. Auch wenn der Plot (trotz seiner historischen Einzigartigkeit!) austauschbar bleibt: Im Mai 1940 kesseln die Deutschen das knapp 400.000 Mann starke Expeditionsheer der Briten am Strand der französischen Küstenstadt Dünkirchen ein. Rettung scheint nicht in Sicht, bis Hunderte zivile Boote aus Dover anrücken, um die Soldaten zurückzuholen. Die Niederlage wird wie ein Sieg gefeiert – und obwohl das bei Christopher Nolan anders aussieht als bei seinen Stars-&-Stripes-fixierten Kollegen aus Hollywood, ist es eben doch das altbekannte Lied.

„Dunkirk“ läuft seit 27. Juli 2017 in den österreichischen Kinos.

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