Einfall für zwei

Ogris Debris sind innerhalb des letzten Jahres regelrecht explodiert. Wie kaum eine andere Band verbindet das Duo Elektronik, Lässigkeit, Rausch und Hochkultur.

Was wie der lateinische Name einer seltenen Chamäleonart klingt, ist einer spontanen Assoziation entsprungen: In einem Online-Chat postete Gregor Ladenhauf seinem Kollegen Daniel Kohlmeigner „Ogris“ und der antwortete mit „Debris“. Als sie sich 2003 in Hallein bei Salzburg kennengelernt hatten, war Musik für beide schon lange im Vordergrund gestanden. Aus diversen Konstellationen mit unterschiedlichen Musikern erwuchs damals ein gemeinsamer Dance-Live-Act mit zwei Laptops und ohne Gesang. Über ein paar Ecken und einige Monate später gelangten sie zu einem Release auf Compost Records. Nach der ersten 12-Inch-Single „G-Thong/ Hide Open“ geschah erstmal länger nichts.

Zufall

Viele Tracks von Ogris Debris entstehen aus ihrem Live-Set heraus. Ladenhauf – die Stimme von Ogris Debris – notiert sich laufend Skizzen, ein paar Worte, die er dann mit ins Studio nimmt. Ihre Herangehensweise ist simpel: Es wird aus dem Bauch heraus entschieden, nach Herz und Gefühl agiert. So geschah es auch bei dem lautmalerischen Track „Miezekatze“, der auf dem Salzburger Label Estrela erschien: Ursprünglich war das Stück als Edit gedacht und sollte – wäre es nach Kohlmeigner gegangen – ein deeper Clubtrack ohne Vocals werden. Das Gegenteil passierte; unter reger Mithilfe von FM4 wurde der housige Knaller zum Soundbanner einer neuen selbstbewussten Generation lokaler Elektroniker.

Einfall

Der Einfall zählt bei Ogris Debris mehr als das Preset. Ein selbst eingespieltes Sample hat im Zweifelsfall deutlich mehr Charakter. Kreativität steht im Vordergrund – wie bei ihrer letzten EP „Aery“. Bei dieser entstanden rund um eine Soundfläche, die das Rückgrad der Platte bildet, vier unterschiedliche Tracks. Diese schwingen gut irgendwo zwischen House und Techno. Authentizität ist ihnen ebenso wichtig, vor allem, wenn es um die Kommunikation mit dem Publikum geht. „Das Live-Spielen kann eine irrsinnige Dynamik annehmen, so wie bei unserem letzten Gig im Susi-Klub. Wenn ich komplett die Kontrolle verliere – das sind die besten Momente“, so Ladenhauf.

Idealfall

2009 waren Ogris Debris mit einem Stück auf der „Re:Haydn Compilation“ vertreten. Ihr Anspruch dabei: Etwas daraus zu machen, das nach Ogris Debris klingt. In einem Destillationsprozess blieben sie bei einem einzigen Trompetenton hängen. Wirklich beeindruckend war aber ihre Live-Umsetzung, der klare Höhepunkt der Releaseparty, wo verschiedenste Partikel aus Haydns Werk in hypnotische Dance-Schleifen geschickt wurden. Innerhalb einer Woche wurde ein komplettes Live-Set arrangiert.

Neben einer Japan-Tournee gaben sie gemeinsam mit den Labelkollegen JSBL eine Studio2-Session bei FM4, wo nur althergebrachte Instrumente verwendet wurden. Auf die Frage, ob es in Zukunft einer Art Bigband geben wird, grinst Ladenhauf im Gespräch nur vielsagend. Dass er vor einigen Monaten Rilke- und Trakl-Gedichte beim Quer Symposium vertonte, verdeutlicht die enorme Bandbreite von Ogris Debris. Vom Pauken und Donnern im Club über den Radiohit bis zu einem unverkrampften Umgang mit der Hochkultur – das alles geht unglaublich locker von der Hand. Beim diesjährigen Amadeus Austrian Music Award sind sie deshalb vollkommen zu Recht nominiert. Es wirkt so, als ob Ogris Debris mit dieser Entwicklung sehr zufrieden sind und unbekümmert in die Zukunft schauen, was Ladenhauf so untermauert: „Man muss jeden Moment wie er gerade ist annehmen können ohne daran herumzunörgeln, dann passt’s einfach!“

Die EP „Aery“ ist am 23. Juli auf Affine erschienen. Ogris Debris sind für den Amadeus Austrian Music Award 2010 nominiert.

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