Eurydike sagt. Jelinek lässt sprechen.

Warum es sich auszahlt, den bequemen Radius der Innenstadt zu verlassen und in der Sargfabrik Eurydike, beziehungsweise Elfriede Jelinek, beim Sprechen zuzuschauen.

"Schatten. Eurydike sagt." wurde bereits 2013 im Burgtheater aufgeführt, jetzt hat sich Sabine Mitterecker (zweifache Nestroy-Preisträgerin) an dieses Projekt gewagt, vielleicht auch als Gegenposition zu der Inszenierung von Matthias Hartmann von 2013. In Jelineks Stück begegnen wir einer Eurydike, die gar nicht zurück will aus der Unterwelt, sie will nicht länger als Projektionsfigur für Orpheus dienen. Denn in der Unterwelt begegnet sie endlich sich selbst, und nicht den Anderen, hier findet sie zu sich, zu ihren eigenen Worten.

Was Eurydike uns zu sagen hat

Die Stücke der Sprachvirtuosin Elfriede Jelinek haben eines gemeinsam: Die Sprache ist intensiv, konvolutisch, und schwer verdaulich. Somit ist jede Inszenierung eine Herausforderung. In der ersten Hälfte des Stückes scheinen die drei Schauspielerinnen in ihren Kostümen, in ihren Kleidern, die immer wieder erwähnt, getragen oder ausgezogen werden, ein wenig unterzugehen. Als wären sie noch von den Normen, den Projektionen, den Blicken der anderen geformt. Nach und nach entstehen aber ihre eigentlichen Konturen, unabhängig von ihren Hüllen, ihrem Schutz oder ihrer Verdeckung – das weiß man nicht so genau. Im Laufe des Stückes oder des Textes, kristallisieren sich auch die drei Charaktere immer stärker heraus, als Facetten unserer postmodernen Gesellschaft, als Frauenabbildungen bzw. Darstellungen, zwischen Klischee und Auflehnung dagegen. Der Versuch der Selbstermächtigung, die auf die Frage hinausläuft: Wieviel bin ich selbst und wieviel bin ich durch die anderen?

Die ehemalige Sargfabrik als Schauplatz der Unterwelt

Der Klangregisseur Wolfgang Musil erschafft dabei ein subtiles Netz aus Klangebenen, das den eigentlichen Raum für das Stück ausmacht, denn Raum ist reichlich vorhanden in der Unterwelt, beziehungsweise im F23, einer ehemaligen Sargfabrik, ein passender Ort für dieses Stück. Sehr schön sind die Schattenspiele, welche immer wieder entstehen wenn sich die Darstellerinnen durch den großen Raum bewegen, Abbilder und Abbildungen ihrer selbst. Die Sprachgewalt von Elfriede Jelinek ist nicht leicht aufzunehmen und so ist man nach einer Weile fast erdrückt von all diesen Worten, was dazu führt, dass auf die Uhr geblickt wird, und das Ende der Schatten dann doch etwas erlösend wirkt.

Es zahlt sich trotzdem aus, den 23. Bezirk aufzusuchen, den bequemen Radius der Innenstadt zu verlassen und Eurydike, beziehungsweise Elfriede Jelinek, beim Sprechen zuzuschauen.

Heute Abend findet im F23.wir.fabriken: 1230 Wien Breitenfurter Straße 176 um 19:30 (für Kurzentschlossene) die Premiere statt. Weitere Termine: 18., 20., 23., 25.Oktober, jeweils um 19:30.

Bild(er) © 3007wien
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