Triumphales Abbild unserer Zeit: „Promised Ends“ bei den Wiener Festwochen

Das Künstlerkollektiv Saint Genet zeigt im Rahmen der Wiener Festwochen den letzten Teil seiner Triologie, an der es die letzten drei Jahre gearbeitet hat. Das Stück ist eine Hommage an Herbert Blau und Robert Wilson, eine Annäherung an King Lear und erinnert ebenso an das Mysterientheater eines Hermann Nitsch.

© Nurith Wagner-Strauss

Die ZuseherInnen betreten noch vor Beginn des Stücks ein Bühnenbild, das an ein Abbild verschiedener Wahnsinnsszenarien erinnert. Das Sakrale und das Wahnsinnige liegen bekanntlich schon immer nahe bei einander.

Der westliche Mann, der nach einem (gelungenen oder gescheiterten?) Selbstmordversuch mit viel Wein, nervösen Zuckungen und toten Kaninchen dasitzt, erinnert ein wenig an Francis Bacons „Seated Figure“. Sein Anzug wirkt wie der Versuch, dem ganzen Wahnsinn durch das Äußere noch Normalität zu geben, während die anderen Gestalten sich in archaischen Gewändern tanzend durch das Bühnenbild bewegen. Die Musik verleiht dem Spektakel noch mehr sakrale Dramatik, und jedes Mal wenn die Neonröhren, die das Bühnenbild abrunden, im Rhythmus der Musik angehen, wird man von diesem visuellen Lichttanz in einen eigenartigen Bann gezogen.

Wie alle Produktionen von Saint Genet ist auch dieses Stück ein genreübergreifendes Gesamtkunstwerk. „Promised Ends“ ist ein Abgesang auf den Westen, ein Wachruf, eine Choreografie des Wahnsinns. Das Stück ist voller Anspielungen auf Mythen über den Ursprung der Welt, gemischt mit aktuellen Medienberichten. Auch Prometheus wird mit aufblasbaren Figuren evoziert, die an die göttliche Knetmasse erinnern und nach einem unheimlich grotesken Tanz plötzlich im Kreise auferstehen. Der Pathos und die rituellen Gesten (wie zum Beispiel der Honig und der Wein, die auf die Köpfe der PerformerInnen gegossen werden) werden immer wieder durch unheimlich-groteske Musikeinspielungen unterbrochen, die dem Ganzen einen absurd-verzweifelten Charakter verleihen. King Lear wird von einem gehbehinderten Mann gespielt, der in einem Monolog immer wieder die Frage „What have you done?“ stellt. Donald Trump, Zitate aus „King Lear“ und scheinbar nebensächliche Gedanken werden durch Texteinlagen eingespielt und erinnern an einen Monolog der westlichen Medienlandschaft.

Das Stück dehnt sich vor allem gegen Ende, es ist ein absichtliches Hinauszögern des unvermeidlichen Endes im Theater, denn die ZuseherInnen sollen nicht beruhigt nach Hause gehen. Dem Publikum wird auch kein Applaus vergönnt, kein erleichtertes In-die-Hände-Klatschen und kein Lächeln wird sie hinausbegleiten, sondern ein unangenehmes Gefühl: dass „Promised Ends“ sehr viel mehr mit unserer Realität zu tun hat, als es den Anschein hat. So wird in gewisser Weise auch das Brecht’sche Theater wieder auf die Bühne geholt. Die Wirklichkeit des Theaters begleitet das Publikum zumindest noch für den Rest des Abends in ihren Alltag nach Hause. Ein Teil der ZuseherInnen verlässt den Bühnenraum noch während King Lear am Boden liegt, hilflos schreiend, umgeben von den Verwüstungen der letzten Feier der Apokalypse. So wird die Frage „What have you done?“ auch eher nachhallen als „What haven’t you done?“

Der Untergang des Abendlandes als verzweifeltes Fest des Westens. Feiern, bis es nicht mehr geht. Ein angenehmer Abend wird hier nicht geboten, dafür aber ein triumphales Abbild unserer Zeit: der Hedonismus als Schlachtruf der Zivilgesellschaft.

„Promised Ends: The Slow Arrow Of Sorrow And Madness“ ist noch heute und morgen in der Halle G im Museumsquartier – jeweils um 20 Uhr – zu sehen. Einlass ab 19.30 Uhr. Das Publikum ist eingeladen, vor Beginn der Performance die Installation zu begehen.

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