Kino für alle, aber wie?

Was ist eigentlich der Unterschied von Untertiteln und Gebärdensprache? Welchen Stellenwert hat Gebärdensprache in der Filmbranche. Ein Interview mit Christoph Kopal vom dotdotdot-Festival, das genau solche Fragen in unser Bewusstsein und auf die Leinwand bringen möchte.

© dotdotdot

Das dotdotdot-Festival feiert: Acht Jahre Kurzfilm-Open Air im achten Bezirk, drei Jahre Festival mit drei Punkten, die, so das Konzept, Raum für Diskussion bieten sollen. Diskussion zu welchem Thema? Als erstes Filmfestival widmet sich das dotdotdot dem gemeinsamen Kinoerlebnis. Ja, das sollte eigentlich klar sein – ist es aber nicht. Menschen verschiedener Generationen, Menschen mit und ohne Behinderungen und Menschen mit und ohne Budget sollen am Festival gemeinsam Kino erleben, eines der Schwerpunkt-Themen ist dabei Barrierefreiheit. Um die Kinofilme für alle zugänglich zu machen, herrscht etwa ein Pay-As-You-Wish-System, am Eröffnungsabend und an allen gekennzeichneten Spieltagen ist das Filmprogramm barrierefrei für Gehörlose und Schwerhörige. Filme werden mit Untertiteln in deutscher Sprache gezeigt und Filmgespräche auf der Bühne in Gebärdensprache übersetzt. Wir haben Christoph Kopal, selbst gehörlos und Teil des dotdotdot-Teams, fünf Fragen zum Thema gestellt.

Für das dotdotdot bereitest du die wichtigsten Inhalte der Festivalhomepage in Gebärdensprache auf. Was kann Gebärdensprache,
was Untertitel nicht können?

Nehmen wir zum Beispiel einen Poesie-Slam in Gebärdensprache: Das kann man nicht 100 Prozent untertiteln, weil in diesem Slam jeder Mensch den Inhalt anders wahrnimmt. Viele Gebärden haben mehrere Bedeutungen. Aber auch allgemeine Gebärden werden mit Untertiteln nicht immer zu 100 Prozent getroffen, damit habe ich schon mit meinen zwei Spielfilmen Erfahrung gemacht. Dasselbe gilt natürlich auch für die Lautsprache.

Was ist bei der Übersetzung von Inhalten in die Gebärdensprache zu beachten? Wo liegen die Schwierigkeiten?

Es ist wichtig, die Stimmung und den Ausdruck der Person, die in Lautsprache redet, in Gebärdensprache umzusetzen. Daher ist Mimik und Körpersprache auch sehr wichtig.

Wo mangelt es an der Integration von Gebärdensprache in der Filmkultur? Und wo gelingt es gut?

Die Gehörlosenwelt ist klein und nicht alle interessieren sich für Filme in Gebärdensprache. Es gibt in Österreich kaum gehörlose Filmemacher. Es ist wichtig, dass gehörlose Personen im Filmbereich arbeiten, wenn Gebärdensprache verwendet wird, weil sie Gebärdensprache aus einer anderen Perspektive als hörende Personen wahrnehmen. Ich selbst bin Filmemacher und habe schon zwei Spielfilme in Gebärdensprache gemacht. Diese zwei Filme kommen komplett ohne Ton aus und sind zu hundert Prozent untertitelt. Es sind normale Krimis in einer anderen Sprache. Mein Ziel war es, hörenden Personen zu zeigen, wie es ist, ein Gehörloser zu sein, der nichts hört und immer Untertitel lesen muss.

Bei „Alive When We Left“ wird die Unsicherheit und das Gefühlswirrwarr während der Pubertät aufgegriffen. Wie geht man als Teenager mit einer Hörbehinderung um?

Kommt auf die jeweilige Person an. In der heutigen Zeit sehe ich viele junge Menschen,  die mit Hörbehinderten freundlich umgehen können. Man könnte bei der Kommunikation mit Leuten, die keine Gebärde können, zum Beispiel Körpersprache verwenden, langsam und deutlich reden, oder Handy’s, Papier und Kuli verwenden.

Bei „Ich sehe keine Krise!“ geht es darum, wie die Realität von unterschiedlichen Gruppen unterschiedlich wahrgenommen wird. Inwiefern wird deine Gehörlosigkeit von Betroffenen und Nicht-Betroffenen unterschiedlich wahrgenommen? Was nervt daran?

Es gibt Menschen, die interessiert sind und welche, die es nicht sind. Wahrscheinlich haben sie keine Erfahrung damit. Meiner Meinung sollte es beispielsweise gemischte Kindergärten geben. Kinder können so schon früh lernen, wie man miteinander umgeht, wenn jemand eine Beeinträchtigung hat. Ich war selbst in einem gemischten Kindergarten.  Die Lage hat sich aber aus meiner Sicht im Vergleich zu früher schon verbessert. Es gibt immer Barrieren. Bestimmte Situationen sind mühsam, bei anderen lohnt es sich zu kämpfen. Das macht Menschen aber auch selbstbewusster und Weiser.

Das dotdotdot Open Air Kurzfilmfestival beginnt am 4. Juli  und läuft bis zum 1. September 2017. Genauere Informationen könnt ihr der Homepage entnehmen.

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