Gehtma am Zager

Viel Zeit verbrachten Menschen damit, die Zeit genau nehmen zu können. Wie in diesem Sinne an den Wiener Uhren gedreht wurde, zeigt objekt- und detailreich das Buch „Die synchronisierte Stadt“.

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Der Autor Peter Payer widmete sich als Stadtforscher bereits einigen Alltäglichkeiten des Wiener Lebens. Etwa dem Geschmack der Stadt, oder ihrem Klang. Diese Phänomene sind schwer greifbar und ähnlich verhält es sich mit der Zeit; doch durch Dinge werden sie sichtbar: Die Zeit zeigt sich in den Uhren.

Dabei geht es nicht bloß um das Ablesen, der aktuellen Uhrzeit. In der Gestaltung der Uhr und den Versuchen ihr Pünktlichkeit beizubringen, steckt unser Umgang mit Zeit. Sie ist erfunden, um ähnlich einer Landkarte Orientierung zu geben. Ein Treffen zu einem bestimmten Zeitpunkt klappt nur, wenn die Verabredeten dieselbe Zeit teilen. Als gesellschaftlich anerkanntes Zeichen der Zeit gibt uns die Uhr den zeitlichen Anhaltspunkt im Alltag. In seiner Chronologie der Wiener Zeitanzeiger von 1850 bis zur Gegenwart zeigt Peter Payer, wie die Entwicklung der Öffentlichen Uhren zu einer immer genauer gehenden Unruhe führte – und wie diese von der städtischen Bevölkerung gefordert, diskutiert und erfahren wurde.

Die Zeiten wurden ungemütlicher

Die Beispiele zeigen klar die Tendenz zum genaueren Takt. Ein Blick auf die Ziffernblätter verschiedener Epochen genügt. Die erste öffentliche Uhr in Wien kam 1415 und nahm es noch nicht so genau. Ihr reichte der Stundenzeiger; besser gesagt: Der Alltag kam noch mit dem Stundenzeiger aus. Jahrhunderte später setzte sich erst der Minutenzeiger als etwas Nützliches und auch technisch Sinnvolles durch. Heute braucht es sogar noch Platz für den Sekundenzeiger. Pünktlichkeit und ein exakter Umgang mit Zeit war verstärkt ab dem 19. Jahrhundert eine positive Eigenschaft für die Gesellschaft.

Dem scheint die Wiener Gemütlichkeit etwas entgegenzustehen. Mitte des 19. Jahrhunderts waren Abweichungen zwischen verschiedenen öffentlichen Uhren kaum ein Thema. Langsam aber wurde der Blick auf die Uhr zur Alltagsgeste. Der entspannte und als schlampig empfundene Umgang mit den Uhrzeiten wurde zum Gesprächsstoff. Lautstark wurde befürchtet, dass Wien zeitlich dem Rest der Welt hinterherhinke. Leiser waren die Stimmen, die den Verlust des Gemütlichen prophezeiten.

Auch die Presse begann sich derart der „Wiener Uhrenmisere“ anzunehmen. Einen Anlaß dafür bot etwa der Übergang von der lokalen Wiener-Zeit hin zur vereinheitlichten Weltzeit im Jahr 1910. Bis dahin war die Ungenauigkeit eine lokale Angelegenheit, doch ab dem Zeitpunkt stand sie in globaler Konkurrenz. Die ganze Welt richtete seine Zeiger nun nach Greenwich – und ein Kommentator vermutete, dass die Wiener Uhren wohl auch nach der neuen Zeit falsch gehen werden.

Die Lösung per Würfel

Technisch wurde in der Zeit viel probiert, um genauere und vor allem synchrone Zeitangaben anzubieten. Es verblüfft dabei, was alles erdacht und wieder vergessen wurde, wie z.B. der autodynamische Antrieb, der mittels Luftdruckunterschied die Uhr antrieb. Entspannung versprach dabei der elektrische Antrieb für Uhren und die Taktung mittels Vernetzung.

Die Einführung der neuen Technik war auch die Geburtsstunde einer Wiener Besonderheit: Der Würfeluhr. 1907 wurde der Prototyp auf die Kreuzung vor die Oper gestellt und überzeugte die Verantwortlichen für die öffentliche Zeit. Sie sollte das Genauigkeitsproblem lösen und sie tat es, auch optisch ansprechend, zur Zufriedenheit der Wiener. Bis 1980 wurden die Würfeluhren auf 78 Stück vermehrt. Mehr wurden es nicht mehr.

Anfang des 21. Jahrhunderts fanden sich nur mehr 75 Exemplare und 2007 war im Falter die Frage zu lesen: „Fallen die Würfel?“. Die Wartung war teuer, die Bezirke wollte nicht mehr zahlen. Doch sie fielen nicht ganz, sondern in die Hände eines Unternehmens, das sich relativ günstig Werbefläche mit viel Aufmerksamkeitswert sicherte und die Instandhaltung sponsert. Seitdem sind die Uhren Werbung, bei der auch die Zeit abgelesen werden kann.

Privatisierung der Zeit

Dieses Fallbeispiel verweist auf den bemerkenswerten Werdegang, den die öffentlichen Uhren nahmen. Von der ungefähren Zeitanzeige, die etwas genauer war, als der Blick in den Himmel, hin zu minuten- weiter zu sekundengenauen gleichgeschalteten Zeitanzeigen, die den Takt für die Menschen der Stadt vorgaben – und nun Uhren, die weniger Zeit aber mehr Werbung anzeigen.

Lässt sich darin ein Übergang zu einer De-Synchronisierung erkennbar? Diese These stellt der Autor ans Ende seiner Zeitreise und nennt auch weitere Indizien, die darauf hindeuten, dass die Stadt – nein eigentlich die Städter einen neuen Takt anschlagen. Die Zeit privatisiert sich zu einem Stück, und Apps und Software sind die neuen Unruhen, nach denen sich die Gesellschaft richtet. Der Fortschritt klingt wie ein weiterer Versuch, einen exakteren, einen besseren Takt einzuschlagen, damit wir dann endlich mehr von der Zeit haben – doch die bisherigen Versuche und Diskussionen rund um die Zeit, wie sie Peter Payer in seiner Arbeit festhielt, legen nahe, andere Mittel zu probieren, um dieses Glück zu erreichen.

Peter Payer "Die synchronisierte Stadt – Öffentliche Uhren und Zeitwahrnehmung, Wien 1850 bis heute" ist bereits bei Holzhausen erschienen. Eine Open Access Version als PDF gibt es hier.

240 Seiten mit zahl. Abb. | Hardcover | 170 x 240 mm

ISBN: 978-3-902868-53-4 | EUR 34,00

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