Wo finde ich die Suche?

Welche Antworten können uns die häufig gestellten Fragen in den Support Bereichen sozialer Netzwerkdienste liefern? Ohne große Worte lösten die Designerinnen Barbara Hahn und Christine Zimmermann ihre Fragenfundstücke aus dem Kontext und generieren damit Ahnungen von der sozialen Netzwerkwelt.

Sigmund Freud nannte den Menschen einen Prothesengott. Der Homo Sapiens erweitert seinen Körper mit technischen Upgrades und findet dadurch als schwaches Tier seinen Platz auf der Erde. Doch gelegentlich, so schrieb Freud 1930, machen ihm seine Hilfsorgane noch viel zu schaffen. Ein modernes Hilfsorgan sind soziale Medien – und auch sie produzieren Schwierigkeiten.

Mit dem Projekt „FAQ – Frequently Asked Questions“ spüren Barbara Hahn und Christine Zimmermann verschriftlichte Irritationen und Grenzerfahrungen der Online-Gesellschaft auf und gehen damit einen sympathischen Weg der Netzkritik. Auf blanken, weißen Postkarten platzieren sie ihre Auswahl von 50 Fragen, die sich Nutzer bei ihrem sozialen Treiben auf den online-Communities Habbo, Hi5, Twitter, Flickr, Facebook und Xing häufig stellten. Diese Zeichen der Ratlosigkeit auf den jeweiligen Supportseiten geben – befreit von den Antworten und sonstigen Hilfsangeboten – einen humorvollen aber auch ernüchternden Einblick in das digitale Miteinander und die Nöten der Nutzer, die banal und gleichzeitig essentiell sind:

Wo finde ich die Suche?

Das ist eine dieser Fragen. Denn ohne sie steht man wie der Ochs vor’m Datenberg. Doch habe ich das gesuchte Formularfeld entdeckt, ist nicht klar, was suche ich mit der Suche und vor allem: Was finde ich mit der Suche? Der einsame weiße Balken von Google ist das markanteste Beispiel einer Suche. Die beiden Gründer der Datenumwälzmaschine träumen davon nicht nur eine Suchmaschine zu besitzen, sondern eine Antwortmaschine. In visionären Szenarien erhalte ich somit beim Aufruf von Google schon die Antworten auf mein Anliegen, da Google anhand der über mich gesammelten Daten, seine Schlüsse zieht, was mich interessiert. Das klingt optimal und effizient, doch auch danach, dass mir kaum Neues über den Weg laufen wird. Willkommen in der „Filter Bubble“.

How do I know if I’m doing the right thing?

Schwer zu sagen. Das Internet feierte Mitte 2010 seinen 20er. Es wurde schnell groß – aber wurde es auch erwachsen? Einerseits flackern an allen Ecken des Alltags Bildschirme und an allen Orten hängen wir im Netz. Doch die Online-Hypes, die kommen und gehen, lassen vermuten, dass wir noch testen, wie uns die Vernetzung Gutes tut. Schnell ist ein Online-Dienst lanciert, doch genau so schnell ist er auch wieder für viele langweilig. Wer trifft sich etwa noch auf StudiVZ, ICQ, Digg, Virb, Myspace? Die Datenhalde ist groß. Selbst Facebook büßt seine Faszination schon ein, zumindest was die Beteiligung betrifft.


Wie weiss ich, wer mir folgt?

Bist du auf Facebook? – Ja. – Dann folgt dir Facebook. Die Goldgräber der Gegenwart haben es verstanden, nicht die Dienstleistung als Ware zu sehen, sondern ihren Konsum. Wie wir uns vernetzen, spricht Bände – nein Festplatten über uns und lässt uns zu einem konkreten Ziel für Werbebotschaften werden. Man glaubt es kaum, aber ja, das oberflächliche Geplänkel an den Pinnwänden halten viele für Gold – und kaufen es als Aktien überteuert ab. Aber interessanter ist natürlich die Datensammlung von Google, da hier noch hintergründiger aufgezeichnet wird, sodaß selbst ehemalige Google-Mitarbeiter die Privatsphäre in Gefahr sahen – und nun das komplette Gegenteil machen.

Was erhöht meine Chancen, gefunden zu werden?

Da hat wohl der dynamische Neugründer in den FAQ-Bereich gefunden, nachdem er beim Wirtschaftskammerseminar gehört hat, wie wichtig Präsenz im sozialen Netzwerk ist. Ganze Agenturen beschäftigen sich mit der Ökonomie der Aufmerksamkeit und raten einmal in der Woche einen gehaltvollen Beitrag zu einem relevanten Thema zu posten, den mit ein paar Suchbegriffen zu taggen, wie etwa „Serviettenringe, George Clooney, hot blond …“ und schon hat man als Drechsler einen neuen Kundenpool aus Kaffeetrinkerinnen und Erotomanen gefunden.

What if I don’t want to be found?

Kann ja auch sein, dass ich lieber asozial im sozialen Netzwerk sein möchte. Doch dafür ist die Software nicht geschaffen. Natürlich lautet das Versprechen, dich mit deinen Freunden zu verbinden, doch die Freunde sind der Rest der Welt, mit denen man eifrig interagieren soll, damit eine fette Datenspur hinterlassen wird. Stille Ecken sind in den sozialen Netzwerken nicht programmiert – und offline zu gehen erscheint in Anbetracht der Gefahr, dass alles an einem vorüber geht, nicht als Option.

Welche Qualität haben eigentlich Beziehungen, bei denen ein Klick ausreicht, um befreundet zu sein? Wenn ich mir rund 86 Jahre lang Zeit nehme, um jedem Chinesen zwei Sekunden lang die Hand zu schütteln, kenne ich dann die Chinesen? Das Problem der oberflächlichen Bekanntschaften ist ihre leere Wirkung in Bezug auf soziale Rückendeckung. „Happy Birthday!!“ ist schnell getippt. Selbst wenn jemand drei Mal Geburtstag im Monat feiert, ist dafür noch Zeit – doch was, wenn es seitenweise Zuspruch bräuchte oder gar materielle Unterstützung?

Am Ende der FAQs stellt sich die Frage, ob soziale Netzwerke tatsächlich einem sozialen Anliegen entsprechen. Oder wie es auf einer weiteren Postkartenseite heißt: Why do I need contacts?

Mit ihren reduziert gestalteten FAQs im Postkartenformat liefern Barbara Hahn und Christine Zimmermann (gemeinsam sind sie auch Von B und C) pointiertes Material, um sich der Schwachstellen der Online-Sozialisation bewusst zu werden. Ohne große Worte werden die FAQs zu Hinweisen, die durch den Verzicht auf abstrakten Begleittext über einen assoziativen Weg Gedanken in die digitale Welt setzten – woran sich anknüpfen lässt.

Auf der Seite zum Projekt „FAQ ― Frequently Asked Questions“ werden alle 50 Fragen gestellt; und falls jemand Antworten hat, ist er oder sie aufgerufen, diese dort zu hinterlassen.

In handfester Postkartenbuch-Form gibt es die Fragen aus dem Verlagshaus Merian – um offline Freunde zu kontaktieren und eventuell so die Suche nach Antworten fortzusetzen.

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