Gender Gap: Eine bittere Pille

Happy Birthday, Antibabypille: Seit 60 Jahren können Frauen selbst entscheiden, ob und wann sie Mütter werden wollen. Doch zum Jubiläum der hormonellen Verhütung mittels Pille hagelt es auch Kritik und Ablehnung. Warum eigentlich?

© Michael Exner

Ich nehme die Pille, weil ich Endometriose habe. Die chronische Erkrankung, bei der sich Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutterhöhle ansiedelt – in The Gap #177 habe ich darüber geschrieben – kann während der Periode extreme Schmerzen verursachen und betrifft Schätzungen zufolge jede zehnte Frau. Trotzdem vergehen im Schnitt sieben Jahre bis zur Diagnose. Auch meine Regelschmerzen wurden lange nicht ernst genommen, weil es anscheinend als junge Frau nicht reicht, von Kreislaufproblemen, Krankenstandstagen und explosive diarrhea zu berichten. Dabei bauen die Gebärmutterkontraktionen von Frauen mit Regelschmerzen Druck in einer Größenordnung auf, die mit Presswehen vergleichbar ist – nur dass dieser bei Regelschmerzen in noch kürzeren Abständen auftritt. Darum habe ich mich für die Minipille entschieden, um meine Periode zu unterdrücken. Das ist zwar nur eine symptomatische Behandlung, aber dennoch ein Segen – zumindest für Frauen ohne aktuellen Kinderwunsch.

Verhütungstrends

Dankbar löse ich also jeden Tag eine Tablette aus dem Blister und spüle sie mit einem Schluck Wasser runter. Damit liege ich nicht im Trend: Der vom Wiener Gynmed Ambulatorium herausgegebene Österreichische Verhütungsreport 2019 stellt seit mehreren Jahren einen Rückgang in der Anwendung hormoneller Methoden zur Empfängnisverhütung fest. Sie ist innerhalb von sieben Jahren von 60 % auf 48 % gesunken. Fast zwei Drittel der befragten Frauen empfinden hormonfreie Verhütung als wichtig. Ihnen geht es dabei vor allem um die Sorge vor Nebenwirkungen (37 %).

Seit sie 1960 auf den US-Markt kam, haben Frauen die Möglichkeit, mithilfe der Pille selbst zu entscheiden, ob und wann sie Mütter werden wollen. Die Pille zu nehmen war ein bahnbrechender Akt der Selbstbestimmung. Wer aber bereits mit diesem Selbstverständnis aufgewachsen ist, kann freilich hinterfragen, ob das, was früher bahnbrechend war, noch immer eine uneingeschränkte Daseinsberechtigung hat.

Dabei geht es genauso sehr um die lange geduldeten Nebenwirkungen der Hormone wie um die Frage, warum eigentlich die lästige Verantwortung bei den Frauen liegt. Wo bleibt die Pille für den Mann, die schon seit Jahrzehnten just around the corner ist? Erschreckende 45 % der für den Verhütungsreport befragten Männer sagen: »Das lässt sich nicht ändern und deshalb nützt es auch nichts, darüber nachzudenken.« Eine dermaßen stark verbreitete Ignoranz unter den Penisträgern der Bevölkerung wird zurecht kritisiert und die Pilleneinnahme verstärkt medial abgelehnt.

Selbstbestimmung!

Die ehemalige The-Gap-Autorin Nicole Schöndorfer zum Beispiel streitet auf Twitter und mit einem Podcast reichweitenstark gegen das Patriarchat. In einem Blogpost bezeichnet sie das Absetzen der Pille als »die beste Entscheidung meines Lebens«. Charlotte Roche empfiehlt im Süddeutsche Zeitung Magazin allen Frauen: »Hört auf, euch damit kaputt zu machen.« Die Zeit beschreibt die Entscheidung gegen hormonelle Verhütung als »Befreiungsschlag«, ihre Verlagsschwester Ze.tt formuliert es ziel- gruppengemäß knackiger: »Schmeiß die Pille in den Müll und wein ihr keine Träne nach.« Im transkulturellen Wiener Magazin Biber schließlich heißt es: »Das Absetzen der Pille erscheint vielen als logische Begleiterscheinung zum selbstbestimmten, gleichberechtigten Leben als Frau.« Was für eine Umkehrung des Verhältnisses zwischen der Pille und dem Stichwort Selbstbestimmung!

Das gibt mir natürlich zu denken. Wäre die Minipille für mich reine Empfängnisverhütung, würde ich vielleicht auch auf andere Mittel umsteigen. Weil es mir aber um den Nebeneffekt geht, schlucke ich die bittere Pille mangels Alternativen weiter. Auch wenn es die Autorin und Pillengegnerin Sabine Kray im Interview mit Spiegel Online treffend formuliert: »Eine flächendeckende Behandlung von Menstruationsbeschwerden mit Hormonen ist, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen.«

Bevor sich hier jemand spontan von Charlotte Roche die Pille schlechtreden lässt, zahlt es sich aus, sich umfassend von ExpertInnen über hormonelle Verhütung informieren zu lassen. Wer »Darm mit Charme« verschlungen hat, wird auch mit den Ärztinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl eine Freude haben. In »Viva la Vagina!« erklären sie in leicht verständlicher Sprache das weibliche Geschlecht und verteidigen im Laufe des Buchs auch die hormonelle Verhütung.

Wer nicht so gerne liest, kann in der Netflix-Miniserie »Sex, Explained« einiges über die Geschichte, Kontroversen und Wirkungsweisen verschiedener Verhütungsmittel lernen, und zwar – absoluter Bonus – von Janelle Monaé eingesprochen. Wer nun auf den Geschmack gekommen ist und noch mehr Zahlen und Fakten zur Lage der Frauengesundheit möchte, ist mit dem Sachbuch »Invisible Women« von Caroline Criado Perez bestens bedient. Darin zeigt sie die alarmierend strukturelle Benachteiligung von Frauen in einer zunehmend datenbasierten Welt auf. Von Schneeräumung, Toiletten und Arbeitsplätzen bis hin zu Crashtest-Dummys, Katastrophenhilfe und natürlich Medikamententests gibt es nahezu keinen Bereich, in dem nicht auf die Hälfte der Bevölkerung vergessen wird, weil überall ein 70-Kilo- Mann als Durchschnittsmensch herhalten muss.

Feminismus hat das Ziel, allen Frauen* größtmögliche Entscheidungsfreiheit zu sichern. Das bedeutet in diesem Fall nicht, allen die Pille zu verkaufen oder sie umgekehrt als unfeministisch darzustellen. Echte Selbstbestimmung lässt es Paaren und Singles offen, welche Verhütungsmethode sie anwenden. Dazu braucht es niederschwellige Information und vor allem ausreichend (sichere!) Alternativen. Und zwar unbedingt auch welche, die es Männern ermöglichen, die Verantwortung zu übernehmen.

exner@thegap.at @astridexner

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