Sissi statt Superman: Die österreichische Comicszene im Aufbruch

Mit seinen Graphic Novels macht Reinhard Trinkler österreichische Geschichte wieder spannend. Auf dem Comix Market am 2. April präsentierte er seine Arbeiten „Sisi – Die unsterbliche Kaiserin“ und „Falco – Die Legende lebt“.

Diesen Sonntag findet in der MGC Halle im dritten Bezirk der jährliche Comix Market statt. Was 1993 als „Comic und Figurenbörse“ entstand, entwickelte sich zu einem zweimal jährlich stattfindenden Event für Comicsammler, Verkäufer und Zeichner. Mittlerweile zählt die Messe mit ihren 140 Standplätzen zu den größten Comic-Veranstaltungen Europas.  Unter den Ausstellern sind jedes Jahr zahlreiche österreichische Künstler vertreten. Einer von ihnen ist Reinhard Trinkler. Mit seinen Graphic Novels über Sissi (oder wie bei ihm Sisi), Heinz Fischer und Falco, macht er österreichische Kultur und Geschichte spannend und bunt. Wir haben mit ihm über die Comic Szene in Österreich, den Beruf als Zeichner und das Besondere an der österreichischen Kultur gesprochen.

Wie kam es zu der Idee, Graphic Novels über die österreichische Geschichte zu machen?

Österreich birgt einen derartig riesigen Schatz an Themen und Persönlichkeiten, den ein Zeichner nur zu heben braucht. Allein wenn man bedenkt, wie viele großartige Künstler hier gewirkt haben und wirken. Ich habe mir für meine Bücher einige meiner Favoriten ausgewählt. Anfangs Kottan von Helmut Zenker, danach Hugo Wiener und seine legendären Doppelconferencen und deren Interpreten wie Karl Farkas und Maxi Böhm. Zu „Sisi“ hat der Verlag den Impuls gegeben, da er bereits die Biografie von Brigitte Hamann und andere Werke über das Hause Habsburg veröffentlichte und sich das Thema aufgrund des 100. Todestages von Kaiser Franz Joseph 2016 besonders angeboten hat. „Falco“ war meine Idee, beziehungsweise die meines Bruders, als es darum ging, eine Graphic-Novel-Biografie über einen bekannten und einflussreichen Österreicher zu gestalten, der noch nicht allzu lange tot ist und noch heute „Kultstatus“ besitzt.  Dabei habe ich es gar nicht auf den 60. Geburtstag des „Falken“ angelegt gehabt, sondern das Projekt ohne diesen Hintergedanken begonnen. Aufgrund von anderen Büchern, die ich 2016 aus terminlichen Gründen vorziehen musste, war es jedoch eine glückliche Begebenheit, dass 2017 zum Erscheinungsjahr wurde.

Wie unterscheidet sich diese Arbeit zur Arbeit an anderen Comicprojekten?

Man muss dafür eine gewisse Sensibilität haben, denn sonst könnte manches vielleicht fehlinterpretiert werden, das man in Bildern oder Sprechblasen darstellen möchte. Komödie liegt ganz nah am Drama. Man muss eine gewisse Balance schaffen, bei der man den Leser einerseits voll in die Thematik einzubeziehen versucht, andererseits darf es ihn auch nicht abschrecken beziehungsweise intellektuell überfordern. Das heißt aber nicht heißt, dass man ihn nicht herausfordern darf als Zeichner. Graphic Novel und Comic sollen anspruchsvolle Formen der Literatur sein dürfen.

Welchen Einfluss haben Comics über österreichische Geschichte Ihrer Meinung nach?

Durch vertraute, lehrreiche und anspruchsvoll-unterhaltsame Themen wird das in Österreich immer noch großteils fremde und jahrzehntelang als „Schundliteratur“ verpönte Medium “Comic“, beziehungsweise „Graphic Novel“, einem Publikum näher gebracht, das vielleicht bisher mit gezeichneten Geschichten überhaupt nichts anfangen konnte.  In meinen Büchern wird das speziell Österreichische in Darstellung, Sprache und Thematik kombiniert mit einem Medium, das lange Zeit seine größten Erfolge eigentlich in Frankreich, Belgien und den USA gefeiert hat.

Die Graphic Novel „Maus“ brachte vielen die Zeit des Holocaust näher und weckte gerade bei der jungen Zielgruppe das Interesse für Geschichte. Haben Sie mit Ihren Projekten Ähnliches erlebt?

Ja, dieser Faktor ist mir sogar sehr wichtig. Selbst ein humoristisches Buch wie „Der Blöde und der Gscheite“ nach Texten von Hugo Wiener enthält viel Zeitgeschichte, wenn man genau hineinliest. Es behandelt letztendlich eine Tradition des österreichischen Humors, der durch den Holocaust so gut wie vernichtet und nur durch einige Emigranten in die Nachkriegszeit gerettet wurde. Schwer zugängliche Stoffe verpackt in „Bildgeschichten“ werden von der jungen Generation durchaus positiv angenommen. Ich habe das bei vielen meiner Bücher erleben dürfen, sei es „Der Herr Karl“, „Heinz Fischer und die Zweite Republik“ oder „Der Talisman“ von Johann Nestroy.

Ausschnitt „Der Blöde und der Gscheite“ Copyright Trinkler

Was ist das Besondere an Comics und Graphic Novels?

Mit ganz wenigen Mitteln – im Vergleich zu anderen Medien wie Film oder Theater – kann man große Geschichten erzählen. Ich erwähne immer, dass ich als Zeichner von Comics und Graphic Novels der glücklichste Regisseur und Dramaturg bin. Ich zeichne mir alle Akteure, Schauspielerinnen und Schauspieler, Orte und Kameraeinstellungen selbst, ohne dass mir irgendein „Personal“ Schwierigkeiten macht oder dazwischenpfuscht. Das ist natürlich sehr überspitzt ausgedrückt, bringt es aber auf den Punkt.

2016 erschien von ihnen „Die Habsburger- das etwas andere Ausmalbuch“. Wie kam es zu der Entscheidung, ein Ausmalbuch zu entwerfen?

Der Vorschlag zu diesem Buch kam direkt vom Amalthea Verlag zu einer Zeit, in der die Ausmalbücher für Erwachsene in aller Munde waren und es noch sind. Zuerst war ich etwas skeptisch, da ich die meisten Bücher oder Hefte dieses Genres schlecht gemacht finde. Umso mehr war die Herausforderung, eines zu gestalten, dass nicht derartigem Kitsch gleicht. Und das war auch meine Bedingung: Wenn schon ein Malbuch, dann im Trinkler-Stil. Die Motive und abgebildeten Persönlichkeiten  sind mit dem Verlag abgesprochen und bilden einen bunten – oder eben noch nicht bunten – Überblick über das Hause Habsburg und einige seiner Vertreter. Dass Sissi und Franz Joseph drinnen sein müssen, war sowieso klar im Kaiserjahr. Noch wichtig war mir persönlich der Auftritt von Otto von Habsburg, denn er bildet die Brücke zur heutigen Zeit und ist vielen noch in Erinnerung.

Sie sind dieses Jahr wieder Aussteller auf der COMIX. Hat sich diese im Laufe der Jahre verändert?

Für die österreichische und internationale Szene kann die Bedeutung der COMIX Messe gar nicht genug hervorgehoben werden. Verändert hat sie sich insofern, als dass die Vielfalt an teilnehmenden Talenten von Jahr zu Jahr wächst. Sie bietet vielen noch unbekannten Künstlern ein Sprungbrett und eine erste Präsentationsmöglichkeit in großem und professionellen Rahmen. Die Besucher, die vielleicht hauptsächlich wegen bereits etablierter internationaler Stargäste kommen, lernen dadurch gleichzeitig „the next generation“ und die österreichischen Vertreter dieser Kunstform kennen und erweitern ihren Horizont. Österreich ist zwar als Land sehr klein, doch ein Land großer Söhne und Töchter – auch und vor allem in der Comicszene.

Kann die österreichische Comicszene qualitativ mit anderen wie den USA mithalten?

Absolut. Sicher besteht noch immer das große Problem in Österreich, dass es hierzulande keinen eigenen weltvertriebstauglichen Comicverlag gibt, der sich ausschließlich auf diese Sparte konzentrieren kann. Andere Verlage müssen viel zu kommerziell denken, um gute „Underground“-Projekte und Nischenprodukte fördern zu können. An denen mangelt es nämlich überhaupt nicht, wie man bei Comic Conventions und Veranstaltungen dieser Art überall sehen kann.
Aber es hat sich viel getan. Bekannte Verlage wie Amalthea und Ueberreuter, und auch kleinere wie die Edition Steinbauer, sind das Wagnis eingegangen Comics und Graphic Novels herauszugeben. Vor meinem Einstieg bei Amalthea 2014 wäre das wahrscheinlich undenkbar gewesen. Zeichner, die keine Verlage haben, starten mittlerweile auch erfolgreiche Crowdfunding-Kampagnen und großartige Sachen erblicken so das Tageslicht. Die Szene floriert und findet großen Zuwachs an kreativen Köpfen. Es herrscht allgemeine Aufbruchstimmung, wie ich finde.

Reinhard Trinkler präsentierte am 2.April im Rahmen des COMIX Markets unter anderem seine Graphic Novels „Sisi – Die unsterbliche Kaiserin“ und „Falco – Die Legende lebt“. Alle Informationen zum COMIX Market findet ihr hier, alle Comics und Arbeiten von Reinhard Trinkler gibt es hier. Die Comix Vienna findet von 30. September bis 1. Oktober in der MGC-Halle statt.

 

 

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