Hart aber herzlich

Clubkultur und Niederösterreich. Geht das zusammen? Gibt es das überhaupt? Grundsätzlich ja.

Natürlich gibt es – ein bisschen Mobilität vorausgesetzt – in Niederösterreich Möglichkeiten zum Fortgehen. Bars mit einem DJ-Pult gibt es viele, und auch Überschneidungen mit dem, was man gemeinhin als Clubkultur bezeichnet, finden sich sogar dort. Und wen es schon mal in den frühen Morgenstunden in eine Großraumdisko à la Millennium oder Fifty verschlagen hat, der wird mit ein wenig Unvoreingenommenheit festgestellt haben, dass dort durchaus Tracks in den Mix geraten, die in Wien in der Grellen Forelle oder im Flex auch nicht ungut auffallen würden. Hauptsache dicke Bassdrum, Hauptsache Wumms.

Wenn man aber dort ansetzt, wo es tatsächlich nicht nur darum geht, zu mehrheitsfähigen Beats Alkohol zu verkaufen, wird das Angebot in Niederösterreich schon schwächer. Bevölkerungsdichte, Infrastruktur, lästige Anrainer, Amtsschimmel und Abwanderung des einschlägig interessierten Publikums spielen wie in den meisten ländlicheren Gebieten dieser Welt eine wesentliche Rolle. Und im größten Bundesland Österreichs ist auch die Nähe zu Wien ein Faktor. Sie zieht zusätzlich Potenzial ab und macht es noch ein wenig schwerer, etwas aufzubauen.

Im Gespräch mit den ausgewählten Clubbetreibern stellt sich schnell heraus, dass die Erfahrungen oft ähnlich sind. Generalisierbar sind sie nicht. Wer wie Hannes Früh vom Culture X Club in Nitzing bei Tulln versucht, eine alternative Konzert-Location in einem 300-Seelen-Dorf zu betreiben, wird mit anderen Problemen konfrontiert sein wie die Redbox im etwa 20.000 Einwohner zählenden Mödling, wo Rainer Praschak unprätentiös und zeitgemäß Programm macht. Wer wie Ralf Reiter in Amstetten einen stilvollen Tanzclub nach internationalem Vorbild aufziehen will, wird sich anderen Herausforderungen stellen müssen wie die Crew des Jazzkellers in Krems, die Neues, mitunter Ungewöhnliches in ihr gemütliches Provinzstädtchen bringen will. Als Triebfeder für ihr Tun geben aber alle an, dass man eben Dinge, die man gut findet, dorthin bringen will, wo man selbst herkommt und lebt. Wenn es keine entsprechenden Strukturen gibt, schafft man sie eben und versucht dabei mitzuhelfen, eine Szene zu etablieren, in der man sich auch selbst bewegen will.

Sub / Wiener Neustadt

Erst vergangenen November eröffnete in Wiener Neustadt das alternative Veranstaltungszentrum Sub. Was Technik und Ausstattung betrifft braucht die neue Location keinen Vergleich zu scheuen und nach jahrelanger Suche haben die 40 bis 50 lokalen Aktivisten endlich eine fixe Homebase. Es läuft gut. Die Wiener Neustädter kommen. Nischen abseits der tanzbaren Elektronik und des Alternative-Mainstream könne man zwar erst abdecken, wenn man im Zusammenhang mit den getätigten Investitionen aus dem Gröbsten raus sei, meint Obmann Fabian Wenninger, aber man sei auch in dieser Richtung ambitioniert. Er betont, dass noch keine Veranstaltung stattgefunden habe, mit der man sich nicht identifizieren konnte, oder die man nur um des Geldes willen machen musste. Auch die Zusammenarbeit mit Stadt und Nachbarn funktioniere gut.

Culture X-Club / Nitzing bei Tulln

Während die Geschichte des Sub gerade erst vielversprechend beginnt, geht die des seit zwölf Jahren bestehenden Culture X Club in Nitzing bei Tulln gerade zuende. Weniger Gastroeinnahmen und das altersbedingte Wegbrechen der Mitglieder, ohne dass jemand nachkäme, seien dafür verantwortlich. Man habe sich laut Betreiber Hannes Früh immer bemüht, sich vom konventionellen Diskobetrieb oder Kommerz abzugrenzen und sich lange darauf stützen können, dass Interessierte auch von weiter weg herkamen. Heute würde das nicht mehr so funktionieren. In zwölf Jahren habe er sich speziell über manche Behörden und die AKM ärgern müssen, die es der Jugend- und Subkultur oft nicht leicht machen.


Yum Yum Club / Amstetten

Ähnlich ging es dem 2004 in Amstetten eröffneten Yum Yum Club. Ralf Reiter, einer der Köpfe des Projekts, kennt als Veranstalter Stadt und Land gleichermaßen. Der ehemalige Geschäftsführer eines der wichtigsten Plattenläden in Wien und Mitbetreiber von Fön Records konnte im Yum Yum einiges auf die Beine stellen. Man brachte Louie Austen, Waldeck, Parov Stelar oder Gustav nach Amstetten. Oft war das nur möglich, weil viele Künstler Freundschaftspreise akzeptierten. Vieles war absehbarerweise trotzdem nicht rentabel, aus Idealismus und dem Kalkül, bekannter zu werden, habe man es trotzdem gemacht. Und obwohl man sich zwischendurch auch in kommerzige Untiefen begab, war der Betrieb auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten und ging an die Substanz. Nach sieben Jahren habe man schließlich aufgehört, solange es noch möglich war, mit einem blauen Auge davonzukommen.

Redbox / Mödling

Rainer Praschak, Veranstalter der Goldfisch-Reihe und im Vorstand des Betreibervereins der von der Stadt mitunterhaltenen Redbox, sieht seine Tätigkeit in Mödling als Berufung. Man wolle der lokalen Jugend etwas bieten, dabei mithelfen, dass Gleichgesinnte zusammenkommen und sich Gemeinschaften bilden, zeigen, dass alternative Kultur auch dort einen Platz habe. Bei manchmal gerade mal 40 Zahlenden gingen sich aber zeitweise nicht einmal die Gagen für die eingeladenen Bands aus. Durch Sponsoring und Ausgleichszahlungen der Mödlinger Grünen würde dies aber abgemildert. Das Publikum in Mödling sei natürlich anders als das in Wien, höre vielleicht sogar interessierter zu, weil es eben nicht »jeden Tag etwas gäbe«. Und manchmal müsse man ihm zuliebe aber auch gegen den eigenen Geschmack programmieren.

Liebevolle Selbstausbeuter

Es gibt natürlich noch einige andere, wie etwa Warehouse + The Garage, das Club 3, Cafe Publik, Frei:raum oder das Musikcafe Egon in St. Pölten, den Jazzkeller Krems oder den Scheibbser Proberaum Beatlab – aber ohne Selbstausbeutung, Förderungen (die manchmal an bestimmte Programmlinien gebunden sind) oder die Querfinanzierung von Interessantem durch »weniger Interessantes« kommt kaum eine niederösterreichische Location über die Runden. Mainstream vs. Underground, das löst sich zwar immer mehr auf und betrifft Stadt und Land gleichermaßen, innovative Nischenkulturen werden aber auch weiterhin nur in den Metropolen dauerhaft überlebensfähig im Sinne einer funktionierenden Szene sein. Wer trotzdem im vermeintlichen Niemandsland etwas etablieren will, das über Feuerwehrheurigen, Zeltfest oder Landdisco hinausgeht, braucht ein dickes Fell und sollte neben ausgeprägten Social Skills und einem kleinen Knacks noch gute Verbindungen zu Politik und Behörden mitbringen. Solche Leute wird es immer geben. Und sei es aus dem unterschwelligen Bedürfnis heraus, lieber ein großer Fisch in einem kleinen Teich zu sein als ein kleiner in einem großen.

www.sub.at

www.redboxmoedling.at

www.w-house.at

www.facebook.com/jazzkellerkrems

www.triebwerk.co.at

www.culturex.at

www.festspielhaus.at/cafe-publik

www.freiraum-stp.com

www.myspace.com/yumyumclub

www.masturbationrecords.com

Autor Thomas Wieser ist selbst als Rural Clubsterer und DJ im Jazzkeller Krems aktiv und schreibt in The Gap regelmäßig seine Meinung zu aktuellen Alben.

Niederösterreich ist Schwerpunktthema in der Feberausgabe von The Gap, mit Clubkultur (Warehouse, Jazzkeller Krems, Sub, Redbox Mödling etc.), einem Wortwechsel zu schwarzer Kulturpolitik, zwei Texten zu St. Pölten, Filmpolitik, einem Interview zur Jugendkultur im Waldviertel und dem Leitartikel von Thomas Weber.

Bild(er) © Sub, Redbox, Redbox, Jazzkeller, Jazzkeller, Warehouse, Warehouse / The Garage, Sub
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