Heimlich, langsam, aber nicht leise

Langsam ist gewissermaßen das musikalische Credo, „Heimlich“ der Name eines Kollektivs, das die Wiener Clubszene im letzten Jahr mit ihren Partys nicht nur bereicherte, sondern gleichermaßen aufhorchen ließ.

© Instagram: vakat.at

Weder langsam noch heimlich verbreitete sich in Wien die Kunde, dass die liebevoll dekorierten und jeweils mit wunderschönen Artworks sowie eigenen Podcasts promoteten Downtempo-Veranstaltungen einen Besuch wert sind. Ein Konzept, mit dem man viele Menschen begeistern konnte und das die Veranstalter zunehmend vor ein Problem stellte, von dem andere nur träumen können: Vor und in den meist kleinen, aber feinen Locations fanden sich schon vor Mitternacht so viele Menschen ein, dass ein Reinkommen und Mitfeiern danach für Interessierte kaum mehr möglich war. Ein relativ unbekanntes Phänomen in Wien. Während viele Veranstalter mit Eintrittsspecials zwar versuchen, den Club vor zwei Uhr früh zu füllen und dabei trotzdem oft scheitern, bringt ein Kollektiv Menschen dazu, aus Liebe zur Veranstaltung einfach mal gleich zu Beginn anzutanzen – und durchzutanzen.

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Downtempo als Nische

Die Gründe für den Erfolg sind wohl vielschichtig. Zum einen hat man mit Downtempo gewissermaßen eine musikalische Nische gefunden, in der man im Vergleich zu Veranstaltungen im Techno-, Drum-&-Bass-, Goa- oder House-Bereich wenig Konkurrenz hat. Zum anderen spielt wohl auch der Zugang zu den Partys selbst eine große Rolle. Während man wohl kaum einem Veranstalter Herzblut für die Sache absprechen kann, hat es das Heimlich-Kollektiv nicht nur durch die musikalische Positionierung, sondern auch durch sorgfältiges und konsequentes Booking und die liebevolle Gestaltung der immer unterschiedlichen Locations geschafft, eine verhältnismäßig große und vor allem treue Community aufzubauen. „Was Heimlich unter anderem so besonders macht, sind die Leute, die wirklich zu jeder unserer Veranstaltungen kommen und teilweise schon um 23 Uhr vor der Tür stehen oder uns danach noch beim Abbau helfen“, erzählt Mathieu Spitzer. Er ist Teil des neunköpfigen Kollektivs, das sich seit Dezember 2015 langsam zusammengefunden hat und Downtempo in Wien einen besonderen Platz geben möchte – mit viel Liebe zum Detail.

Während man anfangs nur eine einzelne Party gemeinsam geplant hatte, folgten viele weitere, das Kollektiv gründete einen Verein und die zahlreichen Teppiche, Deko-Materialien und Pflanzen finden mittlerweile in einem etwa 150 Quadratmeter großen Lager Platz. Die Menschen von Heimlich als Veranstalter zu bezeichnen, wäre zu kurz gegriffen, denn neben den Partys veröffentlicht das Kollektiv auch regelmäßig Podcasts mit Sets von Artists wie Martha von Straaten, MoM oder Rolandson – in Kürze releasen sie zudem ihre erste Compilation und auch von der möglichen Gründung eines Labels wird gesprochen.

Liebe zum Detail

Den ursprüngliche Plan, in Off-Locations zu veranstalten, haben sie in der Zwischenzeit zumindest teilweise verworfen. Während mit „Heimlich“ ein Name geblieben ist, der gewissermaßen suggeriert, das die Veranstaltungen und deren Ort nicht öffentlich promotet wird, finden aktuell auch regelmäßig Events in etablierten Wiener Clubs statt. Ein Zugang, den das Kollektiv nicht bereut, der es zulässt, die Partys für mehr Menschen zugänglich zu machen und der die Suche nach immer neuen Orten vereinfacht, erklärt Andreas Buchner: „Wenn man verschiedene Clubs so umbaut, dass sie wie Off-Locations aussehen und niemand mehr die Location als solche erkennt, ist das fast einfacher, als jedes Mal eine neue Off-Location zu finden.“ Zudem sei, wie Oliver Rottmann ergänzt, auch eine gewisse Infrastruktur bereits gegeben, von der man natürlich profitiere. Einfach macht es sich das Kollektiv dennoch nicht. Vor jeder Veranstaltung werden verschiedenste Deko-Elemente zur Location gekarrt, etwa acht Stunden dauert der Aufbau, die Gestaltung wird jeweils auf den Ort abgestimmt und der Besucher betritt jedes Mal gewissermaßen eine neue kleine Downtempo-Welt. Die Clubs selbst sind dabei kaum wiederzuerkennen: Teppiche verzieren den Boden, Pflanzen sorgen für eine Dschungel-Atmosphäre, von der Decke baumeln orientalische Lampen, mit alten Schlüsseln behängte Äste oder Tücher und auch für zusätzliche Sitzmöglichkeiten oder sogar Betten wird gesorgt. Fragt man die Veranstalter nach einem Club, der in Wien fehlt, fallen Namen wie Sisyphos, Wilde Renate oder Rummelsbucht – Berliner Venues, die genau jene Atmosphäre mitbringen, nach der man in Wien vergeblich sucht und die das Heimlich-Kollektiv zumindest teilweise zu kreieren versucht.

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Musik mehr Raum geben

Ergänzt wird die oft orientalisch angehauchte Wohnzimmer-Atmosphäre durch elektronische Musik, selten über 100 Beats per Minute, oft sogar weit darunter. Dass man dazu tatsächlich tanzen kann, war auch für einige der Heimlich-Mitglieder zunächst nur schwer vorstellbar, wie sie im Interview lachend zugeben – wer die Partys heute besucht, wird jedoch eines Besseren belehrt. Die Liebe zum Langsamen hat sich bei Andreas Buchner, Teil des DJ- und Producer-Duos Oberst & Buchner durchs Feiern, aber auch durchs Experimentieren entwickelt: „Wir haben vor ein paar Jahren Platten bei mir zuhause auf 33 rpm abgespielt, die eigentlich auf 45 rpm laufen würden. Uns ist damals schon aufgefallen, dass die Bässe, die Base-Drums und die Drums dadurch viel mehr Raum bekommen. Man hört alles länger und dadurch kommen gewisse Elemente natürlich viel stärker zu Geltung“ Zudem habe man, wie Oliver Rottmann ergänzt, mehr Möglichkeiten, Sets abwechslungsreicher zu gestalten: „Elektronische Musik ist sonst oft sehr repititiv. Downtempo war für mich die erste Richtung, wo ich das aufbrechen und weniger beatlastige Parts reinbringen konnte. Man hat so mehr Spielräume und ich habe gemerkt, dass Downtempo ebenso treibend sein kann, wie beispielsweise Deep House“ Dass langsam alles andere als langweilig ist,  beweisen auch Signature Tracks wie etwa Sun Sun Damba von Peter Power, Age Of Love im Harro Triptrap Remix oder Flying Through The Souls im Just Emma Remix, die man bereits auf vielen der Veranstaltungen hören konnte und die das Kollektiv gewissermaßen mit den Heimlich-Veranstaltungen verbindet.

Zumindest einer der Tracks könnte auch kommendes Wochenende in der Grellen Forelle gespielt werden. Neben Martha von Straaten und Ninze wird auch Just Emma bei der Heimlich-Geburtstagsfeier für ein DJ-Set zu Gast sein. Ob die langsame, wenn auch treibende Spielart elektronischer Musik in einem sonst eher technolastig bespielten Club funktioniert, wird sich zeigen – die Zusagen sprechen allerdings erneut für sich. Letztendlich wollen sich die Heimlich-Jungs das Event aber vor allem selbst schenken – um die Bookings finanzieren zu können, hat man sich mit der Forelle für die bisher größte Venue entschieden, die am Freitag wohl in neuem, heimlich-verschönertem Glanz erstrahlen wird. Auf die kleinen, privaten Events in Off-Locations will das Kollektiv aber auch in Zukunft nicht verzichten – und bleibt damit letztlich auch seinem Namen treu.

Heimlich feiert am 31. März 2017 in der Grellen Forelle mit Acts wie Martha von Straaten, Ninze oder Just Emma Geburtstag.

*Nachtrag: Aus dem Kollektiv ist mittlerweile ein Label entstanden, heimliche Musik gibt’s hier. Die Feier zum zweiten Geburtstag findet am 23. März 2018 in der Grellen Forelle statt, alle Infos hier.

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