Hybride Leiwandheit

Indie und Techno gibt es wie Sand am Meer. Affine gibt es nur einmal. Das Wiener Label modelliert seit 2008 den Sound der Stadt.

Affine setzte gleich zu Beginn ein Statement. 2008 erleuchteten zwei Releases von Dorian Concept und JSBL eine verödete Wiener Elektronik-Label-Landschaft – gerade als die letzten Erbschaften der Downtempo-Szene vor die Hunde gingen: um G-Stone Recordings war es ruhig geworden, Cheap schon länger tot, Klein Records versickerte, Couch hatte die Arbeit mit einer gewichtigen Ausnahme eingestellt, der Vinyl-Dealer Black Market musste schließen, der Vertrieb Soul Seduction Konkurs anmelden. Nur bei Editions Mego brummte, ratterte und polterte es – am Label und auf den Tracks. Die Jahre davor waren einige vergebliche Versuche unternommen worden Nu Rave und Minimal in Wien zu verwurzeln. Ja, 2008 war es Zeit für etwas Neues. Den kosmisch-verstotterten Funk von JSBL und Dorian Concept zum Beispiel.

Jamal Hachem, 30 und aus Wien, hatte die beiden Releases pressen lassen und in die Welt verschickt; aus einer Lust mit fähigen Leuten zu arbeiten und sich selbst die Strukturen dafür zu schaffen. Vier Jahre zuvor, 2004, hatte er bereits das überhaupt erste Stück Musik von Dorian Concept auf Vitamine Source, einem kurzlebigen Wiener Kollektiv Gleichgesinnter und Keimzelle für das Label, veröffentlicht. Sie hatten sich auf Parties kennengelernt, wie der Rest der Affine-Posse, und er war vom ersten Moment an von Concepts verhackten Beats und offensichtlicher Tastenbeherrschung begeistert. Auf Dorian Concept konzentriert sich auch heute die meiste Aufmerksamkeit, doch spätestens die Werkschau „What A Fine Mess We Made“ im Frühjahr 2011 verdeutlichte die Bandbreite dieses vielschichtigen Label-Kollektivs, das auch als exquisite Big Band bei der Release Party ihrer Compilation mit exklusiven Tracks die Weichteile massierte.

Downtempo verpflichtet

Affine, das bedeutet eigentlich Leiwandheit ohne Grant, coole Virtuosität, ja, Kaffeehaus und Club. Klingt bekannt? Nicht zufällig spielte Gilles Peterson schon sehr früh Dorian Concept in seinen Radiosendungen und verglich diesen – später viel zitiert – mit Joe Zawinul. Der Erfinder von Acid Jazz hatte Gilles Peterson ja bereits fünfzehn Jahre vorher Kruder & Dorfmeister viele Türen in London geöffnet. Die Fußspuren für Affine wären also vorgezeichnet. Statt sich allerdings wie alle Downtempler sanft in die Zeit hinein zu dehnen und vernebelte Grooves zusammen zu rollen, bleiben Affine-Tracks scharf, bissig und stehen stolz hinter ihrer elektronisch-körnigen Soundästhetik. Dabei hat jeder einzelne Artist im Affine-Roster ein Instrument gelernt. Bei ihren Performances werden analoge und digitale Welten zu hybriden, zappeligen Performances kurzgeschlossen. Massig Kopfnickerei inklusive.

Jamal Hachem organisiert Affine dabei großteils allein und das nicht einmal Vollzeit. Er geht überhaupt etwas unprofessionell an das Label heran: er wählt sein Worte überlegt, scheut Phrasen, raunzt nicht, verlässt sich auf sein Gespür, wirkt überaus fokussiert, investiert lieber in ein Artwork statt in Werbung und hat weder einen Business- noch einen Fünf-Jahres-Plan. Und das obwohl er einmal Anzeigenverkäufer war. Wahrscheinlich der schlechteste, den der Falter jemals drei Jahre lang hatte. Aber er hat in kurzer Zeit einen Labelsound herausgeschält, der definiert, einzigartig und zudem höchst international ist. Tatsächlich: etwas Neues. Und wer kann das schon von sich behaupten?

Auf Affine veröffentlichen Artists wie Dorian Concept, Ogris Debris, JSBL, The Clonius, Cid Rim und Sixtus Preiss. Ende Oktober veröffentlicht Zanshin (eine Hälfte von Ogris Debris) sein Solo-Album-Debüt. Ein ausführliches Interview mit Jamal Hachem findet sich unter: www.thegap.at/wienerclubkultur

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