Kunstgeld: Leben und Überleben im Fördersystem

Es gibt wohl einige österreichische Filmschaffende, die mittlerweile ihr eigenes »Förderdschungelbuch« schreiben könnten. Wir haben uns zu diesem Thema sowohl mit der Seite der Filmschaffenden als auch mit jener der Fördereinrichtungen beschäftigt.

© istock/guruXOOX

Aus dem Nest der Filmhochschule gestoßen, finden sich viele junge Filmschaffende erstmal am Boden des Förderdschungels wieder. Schließlich braucht es meist eine kleine Startrampe, um mit einem Projekt abheben zu können und ins Fliegen zu kommen. Dieser Startschuss wird meist durch einen oder mehrere Vorschüsse befeuert, die Filmförderstellen an ausgewählte Projekte vergeben. In Österreich ist es vor allem das Österreichische Filminstitut (ÖFI), eine bundesweite Institution, die österreichische Kinofilme und diesen gleichgestellte Koproduktionen – also Spiel- und Dokumentarfilme mit einer Mindestlänge von 70 Minuten – fördert. Förderentscheidungen werden von einer Projektkommission getroffen, die mindestens vier Mal im Jahr tagt. Innerhalb dieses Systems sollen sowohl das künstlerische als auch das wirtschaftliche Ende abgebildet werden. »Der wirtschaftliche Erfolg wird anhand der verkauften Kinotickets in Österreich, der künstlerische Erfolg anhand der Bewertung von Festivalteilnahmen und Auszeichnungen bemessen. Die Festivals werden dabei einer jährlichen Evaluierung unterzogen. Gleiches müsste man eigentlich auch bei der Bewertung des wirtschaftlichen Erfolges tun. Im Idealfall gelingen Projekte, die sowohl künstlerisch anspruchsvoll als auch wirtschaftlich erfolgreich sind«, so Werner Zappe, der am ÖFI unter anderem auch für die Nachwuchsförderung zuständig ist. Im Bereich der regionalen Förderungen sticht der Filmfonds Wien als größte heraus. Der Fonds wird jährlich mit rund 11 Millionen Euro von der Stadt Wien finanziert. Als Kriterien für eine Förderung wird sowohl die künstlerische und kulturelle als auch die wirtschaftliche Bedeutung des Projekts herangezogen, wobei letztere am Wiener Filmbrancheneffekt gemessen wird. Dieser stellt die klare Richtlinie auf, dass »bei der Durchführung des Vorhabens mindestens 100 Prozent der gewährten Fördermittel der Filmwirtschaft in Wien und Umgebung zugutekommen«, so nachzulesen auf der Website des Filmfonds. Viele der anderen regionalen Förderstellen sind direkt bei den Kulturabteilungen der jeweiligen Landesregierung angesiedelt.

Faktor Zeit

Wie lange es von der Einreichung des Projekts bei der jeweiligen Förderstelle bis zur tatsächlichen Umsetzung dauert, »hängt immer von der Komplexität des jeweiligen Projektes ab. Je weniger Finanziers mit an Bord sind und je überzeugender das eingereichte Projekt ist, desto schneller erfolgt die Umsetzung. Bei einer rein nationalen Produktion kann man das in wenigen Monaten realisieren, bei größeren internationalen Koproduktionen kann das eineinhalb Jahre und mehr dauern«, so Werner Zappe. Dabei muss man als Filmschaffender und Filmschaffende darauf achten, dass der Zahn der Zeit nicht zu sehr am eigenen Projekt nagt. Gerade beim Dokumentarfilm kann es leicht passieren, dass der Stoff plötzlich nicht mehr relevant genug ist. Ein Weltrekord, der vor einem Jahr aufgestellt wurde, kann kurze Zeit später schon wieder überboten oder ein Extremsport plötzlich von einer anderen Sportart in den Schatten gestellt worden sein. Das kann auch der 33-jährige Regisseur Sascha Köllnreiter nur bestätigen, der 2014 den Dokumentarfilm »Attention – A Life in Extremes« herausbrachte und sich darin mit dem Leben von drei Extremsportlern auseinandersetzte: »Ich glaube, dass es diesen Film in besonderem Maße betroffen hat, weil es sich dabei ja um einen Dokumentarfilm gehandelt hat und die Realität ihr eigenes Süppchen stets weiterkocht. Das betraf aber immer nur einzelne, kleinere Erzählstränge. Solang die übergeordnete Idee und die ursprüngliche Aussage bestehen bleiben, kann eigentlich nichts passieren.« Allerdings kann das den Spielfilm in gleichem Maße betreffen, führt die junge Regisseurin Jasmin Baumgartner weiter aus: »Wenn man einen Stoff hat, der eine Art von Gegenwart beansprucht, dann muss man immer mitbedenken, dass es doch einige Jahre dauert, bis der Film schließlich auch wirklich fertig ist, und sich der Zeitgeist oft sehr schnell ändert.«

Prognosen zu stellen, welcher Film zu welchem Zeitpunkt mehr oder weniger Förderanspruch hat, sei kaum möglich, fügt Baumgartner hinzu. »Letztlich kann man nur mit bestem Wissen an einem Stoff arbeiten und hoffen, dass er zeitgemäß ist und situationsbedingt gut passt.« Die Frage nach allgemeinen Ratschlägen für andere Nachwuchs-Filmschaffende, wenn es nach dem Absprung aus dem Nest plötzlich darum geht sich im Förderdschungel zurechtzufinden, beantworten Sascha Köllnreiter und Jasmin Baumgartner beinahe unisono: »Förderabsagen beschäftigen natürlich schon sehr. Gerade auch weil sich vollkommene Transparenz und Nachvollziehbarkeit hier einfach nicht herstellen lassen«, so Köllnreiter. »Das erste Mal eine Förderabsage zu bekommen, war schon hart für mich. Und ich glaube, dass man das einfach irgendwie in den Gesamtablauf des Filmemachens inkludieren muss. Vor allem sollte man sie nicht persönlich nehmen. Man darf sich dadurch keinesfalls den Stoff schlecht reden lassen. Es kann ja auch ein richtig toller Stoff sein, der zum Beispiel für ein Debüt zu teuer zu verfilmen oder auch einfach zu groß oder zu klein ist. Es gibt Leute, die ihren ersten Film machen wollen, der aber eigentlich eher der bessere zweite oder dritte Film wäre«, ergänzt Baumgartner. Wie sie ebenfalls betont, spielen hier aber auch bereits erworbene Erfahrungen eine wichtige Rolle: »Ich kann das – als Nachwuchsfilmschaffende, die gerade versucht in diesem Fördersystem zu überleben – nur aus meiner Perspektive sagen. Jemand, der schon sehr lange in diesem Fördersystem lebt, sieht einige Dinge bestimmt ein wenig anders.«

Eine Absage ist kein Abgesang auf den Stoff

Obwohl vor allem in der jüngeren Vergangenheit häufig zu lesen war, dass sich deutsche Filmschaffende oft fühlen, als würden sie bis zum Hals im Sumpf des psychologischen Realismus stecken, während in Österreich der künstlerische Imperativ regiert, lässt sich das nicht auf einen solch pauschalen Vergleich herunterbrechen und muss in einem etwas weiter gefassten Kontext betrachtet werden. Im deutschen Fördersystem spielen nämlich die Fernsehsender eine deutlich größere Rolle und tragen Projekte finanziell mit. »In Österreich gibt es zwar schon das Film/Fernsehabkommen des ORF, aber in Deutschland ist bei jeder großen Spielfilmproduktion ein Redakteur dabei. Das ist automatisch eine kommerzielle Komponente, die dadurch, dass das Fernsehen involviert ist, eben gegeben sein muss«, erklärt Baumgartner den Unterschied. Hinsichtlich seiner Förderpolitik versucht das ÖFI einen mitunter oft schwierigen Spagat zwischen der kommerziellen und der wirtschaftlichen Seite zu unternehmen. »Ich denke nicht, dass sich die Filmförderung zum Ziel gesetzt hat, den kommerziellen Erfolg als Parameter kategorisch auszuschließen. Es geht darum, ein ausgewogenes Portefeuille an kulturell ansprechenden und wirtschaftlich erfolgreichen Filmen zustande zu bringen«, fasst Zappe zusammen.

Seite 2: Förderstellen, Arten der Förderung

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