Lost in Music #42: Blur – Parklife

"Parklife" war Blurs Meisterstück. Anlässlich der aktuellen Live-Doppe-CD "Parklive" erzählt Stefan Niederwiesers in seinem "Lost In Music"-Kolumnen-Fundstück warum dieses Album so epochal war.

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Grunge überrollt Anfang der Neunziger das Vereinigte Königreich. Doch schon bald entfaltet sich eine zutiefst englische Alternative zu US-Slackertum, Entfremdung und Teenage Angst. Zwei Singles von Suede und Blur stehen 1992 am Anfang und nur zwei Jahre später ist Britpop mit „Parklife“ und „Definitely Maybe“ von Oasis an seinem Höhepunkt angelangt. Viele Bands schildern ein erneuertes England, beschäftigen sich wieder mit dem Alltag in den Vororten, kleinen Dingen wie Urlaub, Arbeit, Tee am Nachmittag oder eben Parklife. Blur knüpfen 1994 mit ihrem erfolgreichsten Album „Parklife“ besonders an die sozialen Kommentare aus den Swinging Sixties an, unterfüttern den Sound der Kinks und Beatles mit Pop, Punk und einer Menge Zuversicht. Sie sind schnell, enthusiastisch, zynisch und stehen in der Tradition englischer Art School Bands. Spätestens mit Blurs erster Hymne „Girls and Boys“ übernehmen wieder Bands aus dem UK die Herrschaft im eigenen Land, sie singen in ihrem regionalen Dialekt und hüllen sich mit nur halb vorgetäuschtem Patriotismus in die Flagge des Vereinigten Königreichs. London vibriert, es herrscht Aufbruchsstimmung, die Fußball-EM kommt heim. Die Kritik am bleiernen System der konservativen Partei äußert sich nicht wie früher mit aggressiven Noise- und Slogan-Attacken, sondern mit einem euphorischen Blick zurück in die Pop-Historie. Das spezifisch Neue daran: die Kultur der Lads, die die modernen Proletarier der Neunziger mit einer Schwäche für Fußball, Lager-Bier und schnellen Autos verkörpern.

Ein ganzes Land rückt derweil zur politischen Mitte, rückt dorthin, wo Tony Blair seine New Labour Party seit 1994 positioniert. Britpop bereitet diesen Wandel mit vor und bewegt sich selbst in die Mitte der Gesellschaft. Dort angekommen offenbaren sich zahlreiche Widersprüche: Nostalgische Bilder der Vergangenheit verbinden sich mit tragikomischen Sozial-Satiren und einem euphorischen Gefühl der Zukunft. Alkohol und Drogen treffen auf Verantwortungsgefühl, Chauvinismus macht sich trotz hohem Frauenanteil in den Bands und androgynen Artists breit und das Leben in der Metropole reibt sich immer wieder mit fast schon pastoralen Szenen. Nur in einer Hinsicht ist Britpop eindeutig: er ist rein weiß. Die New Labour-Vision einer multiethnischen Nation löst er nicht ein, Migration bleibt ein Thema von TripHop und Jungle. Dennoch schmieden Britpop und Blair bereitwillig eine Allianz, die 1997 in einem überwältigenden Wahlsieg über die konservative Partei gipfelt. Unter dem Schlagwort ‚Cool Britannia’ versucht New Labour dieses halbe Jahrzehnt selbstbewusster Musik mitsamt der Kunst der Young British Artists für sich zu vereinnahmen. Blur entziehen sich dem schon früh. Sie sind die intellektuelle Version der Lad-Kultur, brechen ihre ur-englischen Charakterzeichnungen ironisch auf. Auf „Parklife“ sind sie so nahe an den ganz gewöhnlichen Briten dran, mit all seinen Hoffnungen, Optimismus und Ängsten, wie später nie wieder.

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