Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald. Die wichtigsten deutschsprachigen Releases im Juli 2026. Mit Spucke, hackedepicciotto, Fatoni und Mambo Kurt & Der Wolf.

hackedepicciotto – »Lichtung«

Ist das die Lichtung am Ende des eingestürzten Tunnels? »Lichung« ist für beide Mitglieder der Beziehungsgruppe hackedepicciotto ein besonders Album, insgesamt, je nach Zählweise das sechste bis achte: Nach langen Jahren der Odyssee sind beide wieder zurück nach Berlin gezogen. Für Alexander Hacke ist es die erste Veröffentlichung seit dem nicht gerade lautlosen Ausstieg aus Einstürzende Neubauten – Zitat: »Um meinen Grundwert der Integrität aufrechtzuerhalten, habe ich daher keine andere Wahl, als meinen Weg ohne sie fortzusetzen.«, na bumm! –, für die US-Amerikanerin Danielle de Picciotto ist es das erste komplett auf deutsch geschriebene Album. Wobei, all zu viel Lyrik wird nicht transportiert, die Gruppe sagt sich endgültig vom angloamerikanischen Band- und Song-Konstrukt los und mäandert zwischen experimenteller Elektronik auf der Suche nach einer eigenständigeren musikalischen Sprache – und landet bei angewandter Avantgarde.
»Lichtung« von hackedepicciotto erscheint am 10. Juli 2026 via Mute/[PIAS]. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.
Mambo Kurt & Der Wolf – »Heimorgel-Hustle«

Auch wenn der Mambo Kurtl schon am Sechziger kratzt, dass der Hundling nichts an Entertainmentskills eingebüßt hast, das weiß man spätestens seit der Hochzeit deines Arbeitskollegen, allerspätestens aber seit dem Fuzzstock letztes Jahr, wo er – so die Erzählung – einigen die Haare vom Kopf gespielt hat. Jetzt erscheint gemeinsam mit einer anderen 90er-Jahre-Legende, nämlich Der Wolf (never forget: »Oh Shit, Frau Schmidt«), ein Kollaborations-Album, in dem Hip-Hop-Klassiker der 80er bis 10er feilgeboten werden von »Jein«, »Schüttel dein Speck«, »Bilder im Kopf« über »Bück dich hoch«, »Türlich türlich« und – Österreich-Bezug! – »Der Kommissar«; selbstredend untermalt von Mambo Kurts Heimorgel. Das ist natürlich spaßig, das ist stellenweise ganz schön bescheuert, aber – wie es so schön in der Pressemitteilung heißt: »Ein Pflichtkauf für Fans von Mambo Kurt, Der Wolf, 90er-Rap, Karneval und Festival-Humor.« Na dann, ran an den Speck und die Buletten!
»Heimorgel-Hustle« von Mambo Kurt & Der Wolf erscheint am 3.7.2026 via Metalville. Live Termine? Möglich! Hier kaufen.
Fatoni – »Drama endet nie«

Bei allem, was irgendwie mit Rap zu tun hat, rümpfen wir ja – Ausnahme der Regel siehe oben – normalerweise mehr Nasen als Neokapitalisten beim Afterwork, aber Anton Schneider scheint ja mittlerweile in mehreren kulturellen Tanzbereichen aktiv zu sein, das muss man dann schon auch würdigen: Neben dem eigenen Ding, »Drama endet nie« dürfte sein zwölftes Album sein, schwer den Überblick zu behalten, ist er vor allem schauspielerisch tätig, neben der Netflix-Comedy »Kacken an der Havel« hat er auch im sehr, sehr schönen Film »Allegro Pastell« einen Kurzauftritt (aber gleich aufgefallen). Hier soll’s aber um die Mucke gehen und auf dem neuen Werk um das Chaos, der Titel quasi als positives Embracing des Dramas, bei dem auch einmal scheinbar gesellschaftlichen Konsens-Themen umgedreht werden können. Sehr schön etwa im Track »Wann werd ich endlich ausgetauscht?« mit dem dringenden Wunsch statt der Angst, von der KI ersetzt zu werden, muss ja auch nichts Schlechtes sein. Wobei musikalisch dann natürlich schon lieber Handgemachtes wie das hier als so seelenloser Quatsch.
»Drama endet nie« von Fatoni erscheint am 3.7.2026 via LOL Records. Live Termine: Ende August beim Fuzzstock Festival, 22.9. Arena Wien. Hier kaufen.
Spucke – »Zustand«

Wie immer bei sehr mehrdeutigen Band-/Album-Konstellationen lohnt sich – ausnahmsweise – ein Blick in die KI-Zusammenfassung der Suchmaschine: »Der Zustand Ihres Speichels ist ein wichtiger Indikator für Ihre Gesundheit und Ihren Flüssigkeitshaushalt.« Gut zu wissen. Ebenso nicht schlecht für das persönliche Knowledge- und Experience-Management: Mit dem Debütalbum der Hamburger Gruppe Spucke aus dem preisgekrönten Stall von La Pochette Surprise Records gibt es ein seltenes Phänomen zu erleben. Die Album spuckt einem instantly ins Gesicht und lässt dir gleichzeitig die Spucke weg, da passiert speichelaustauschtechnisch also mehr wie im pubertären Ferienlager. Inhaltlich geht’s vor allem um die Beschissenheit des Lebens im Jahr 2026, um polizeilich genehmigte Faschos (wie im Song Uniform: »Bist stolz aufs Vaterland und willst etwas verteidigen, das killt / Häng sie doch einfach in den Schrank und halt dein Maul!). Schlatz!
Die bisherigen Veröffentlichungen von Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.