Muttersprachenpop — Die wichtigsten deutschsprachigen Neuerscheinungen im September 2026

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald. Die wichtigsten deutschsprachigen Releases im Juni 2026. Mit Mine, Muff Potter, Nichtseattle, Missstand und Euroteuro.

Mine (Bild: Bastian Bochinski)

Muff Potter – »Klepto«

Muff Potter (Bild: Andreas Hornoff)
Muff Potter (Bild: Andreas Hornoff)

Was der Prinzen ihr »Eh oh, eh oh!«, ist dem gemeinen Indierockpunk-Proletariat der Diebstahl schweren Grades, wobei: so schlimm ist es auch nicht. Der Titel mag es zwar anmuten, jedoch gibt es für die Mannen um Thorsten Nagelschmidt, der noch im Vorjahr gemeinsam mit Lambert eine Vertonung seines Buches »Nur für Mitglieder« veröffentlicht hatte, keinen Fünf-Finger-Rabatt, da muss kein unsauber gereimter Stefan Weber Plagiatsjäger auf den Plan treten. Hingegen machen die Münsterländer Muff Potter das Zitieren zu einem ihrer großen Motive ihres bereits neunten Album, Referenzen finden sich an allen stillen und lauten Kämmerchen den neun bis elf Songs (je nach Medium), von Cher bis Walter Benjamin, von Grauzone bis Joan Didion, wie üblich schon ein bisschen oberschlau bei Muff Potter alles. Nicht nur textlich/inhaltlich ist Referenz Stilmittel, sondern auch musikalisch diggen die einstigen deutschen Hot Water Music in allen Fächern, UK Rave, Indie, AOR, bleiben aber vor allem im wohl wichtigsten Stück sehr bei sich: »Königsesch« über den Tod des langjährigen Gitarristen und Die Tiere-Frontman Dennis Schneider.

»Klepto« von Muff Potter erscheint am 18.9.2026 via Hucks Plattenkiste. 27.11. live im Flucc, Wien. Album hier kaufen.

Nichtseattle – »Große Liebe«

Nichtseattle (Bild: Sascha Schlegel)
Nichtseattle (Bild: Sascha Schlegel)

Das Verlässliche ist in volatilen Zeiten regelrechtes Manna, deswegen eine kurze List an Dingen, auf die man sich bestens verlassen kann: 1. Katharina Kollmann aus Berlin macht auf ihrem bereits vierten Album all das, was man sich erwartet: Hervorragenden, stellenweise sehr traurigen Songwriter-Pop, für den man sich Zeit nehmen soll und muss. 2. Auch Nichtseattle nimmt sich wie gewohnt ordentlich Zeit, nur drei der zehn Songs sind unter fünf Minuten (und dann so: 4:55), so eine Wucht an Text und Beobachtung musst du auch erst einmal unterbringen. 3. Die Liebe in all ihren bescheuerten Ausprägungen, ganz offensichtlich das Kernthema des Albums, ist und bleibt kompliziert: Natürlich in ihrem Erleben, aber vor allem auch in der Darreichungsform medial erzählter Romantik, Disney, »Titanic«, Whitney Houston. Die Realitätswatsch’n vom idealisierten, konsumierten Verständnis von Liebe, nach der gesucht wird und die toxische, manipulative, betrunkene Wirklichkeit und Erkenntnisse, die man so nicht treffen will. Und um all das wird sich gekümmert, all dafür wird sich Zeit genommen, all das ausgiebig besprochen; nicht als Monolog, sondern als Angebot für den Dialog. Das ist natürlich wieder sehr super, wenn du dich traust.

»Große Liebe« von Nichtseattle erscheint am 25.9.2026 via Staatsakt/Bertus/Zebralution. Live am 10.11.2026 im Lucia, Wien. Album hier kaufen.

Mine – »Killer«

Mine (Bild: Bastian Bochinski)
Mine (Bild: Bastian Bochinski)

Wir sind an Ort und Stelle ja schon länger Fans der Wahl-Berlinerin Jasmin Stocker alias Mine, die jetzt auf ihrem bereits sechsten Studioalbum vermutlich den kommerziellen Höhepunkt der Karriere feiern wird, zu omnipräsent ist die 40-jährige in den Feeds, auch vom künstlerischen Anspruch dürfte sie einige Schallmauern und Glasdecken brechen. Natürlich schon länger mit lauter Meinung unterwegs, schafft sie mit »Killer« das vermutlich politischste Popalbum einer doch ziemlichen Mainstream-Künstlerin des Jahres, es geht dringlicherweise um patriarchale Toxizität, Rechtsruck, scheiß auf die Reichen, berechtigte Wut auf alles. Musikalisch ist das Hyperpop, Songwriterinnen-Pop, Elektropop, was auch immer, ziemlich viel, ziemlich 2027. Dass, wie mancherorts kritisiert wird, da natürlich sehr viel und vielleicht zu viel gewollt ist, ist da selbstverständlich, weil es gibt einfach so viele Dinge, über die man sich aufregen muss, die Dringlichkeit, die ist einfach da für einen albumgewordenen Rundumschlag.

»Killer« von Mine erscheint am 4.9.2026 via Recordjet/Edel. Live Termine: Live-Termin: 9.11.26 Ottakringer Brauerei, Wien. Album auf allen gängigen Portalen/Shops erhältlich.

Euroteuro – »Magic«

Euroteuro (Bild: Angelo Kaiser)
Euroteuro (Bild: Angelo Kaiser)

Wenn du ein bisschen von der melancholischeren Seite daherkommst und dir auch gerne mal alte Bandfotos anschaust, dann wirst du merken: Um den Peter T., den Kopf der Gruppe Euroteuro, waren schon einmal mehr G’sichter zu sehen. Aber nicht, dass du denkst, der ist jetzt solo. Live sowieso mit Gattin Katarina Maria Trenk unterwegs und auf Platte gibt’s Namen, die kennst sonst nur aus deinem Regal und den Charts: Soap&Skin, Voodoo Jürgens mitsamt Alexander Kranabetter und Sweet Sweet Moon von der Ansa Panier, Topsy Turvy, die und viele mehr sind auf den insgesamt zwölf Stücken zu hören. Erstaunlicherweise fühlt sich »Magic« trotzdem zum ersten Mal als richtiges Album an, die drei davor waren ja eher alles Single-Sammlungen. »Magic« kommt schon ein bisschen dunkler daher, sprachlich weniger Sloganism als Deep Talk, tatsächlich auch ganz viel englisch dabei. Musikalisch ist das Album irgendwie weniger hittiger, aber umso richer, wie die Kids sagen, Stumpf nicht mehr Trumpf, so einen kleinen Soundwandel musst du dich schon trauen und auch können. Aber, das wäre jetzt wieder ein Beweis, dass das schon ein Zauberer ist, der Peter T.

»Magic« von Euroteuro erscheint am 25.9.2026 via Siluh. Live Termine: 19.9. Schauspielhaus Graz, 24.9. Arena Wien, 3.10. PMK Innsbruck, 23.10. B72 Wien, 12.11. Musichouse Graz, 13.11. Exil Records Neunkirchen, 8.1. ARGEkultur Salzburg, 30.1. Hildegard Bar Kirchdorf/Krems. Hier kaufen.

Missstand – »Smells Like Abgrund«

Missstand (Bild: Michael Fasching)
Missstand (Bild: Michael Fasching)

Namen kommen ja auch nicht von irgendwo und natürlich jener der Punkkapelle aus Kärnten/Graz schon gar nicht, ist – obwohl das Debütalbum schon aus dem 11er Jahr ist – eigentlich immer schon auch quasi Negativ-Hommage an die Welt da draußen gewesen. Album-Titel kommen noch weniger von irgendwo, es riecht bei uns höchstens noch nach geistigem Nirvana und natürlich sehr viel nach Düngemittel, dass die Beschissenheit dieser Erde auch immer schön weiter wächst. Missstand sind vor allem für ihren recht einfachen musikalischen Zugang bekannt, eher als Coping-Mechanismus denn als große Weltenlösung. Oder, wie sie sagen: »Solange wir uns haben / reichen drei Akkorde gegen alte Narben« (aus Akkorde). Oder neue Narben, gab es doch im 26er Jahr schon einiges zu befürchten und – sag ich Ihnen ehrlich –, das wird wahrscheinlich auch in 2027 nicht besser werden. »Smells Like Abgrund« ist das erste Missstand-Album seit fünf Jahren und da ist natürlich jede Menge passiert, was der Vierer auch stellenweise ungewöhnlich persönlich formuliert. Dann bleibt wenigstens die innere Einkehr, wenn sonst schon alles den Bach runter geht.

»Smells Like Abgrund« von Missstand erscheint am 18.9.2026 via Aggressive Punk Produktionen. Live Termine: 23.10. Music-House Graz, 24.10. Stadwerkstadt Linz, 25.10. Arena Wien. Hier kaufen.

Außerdem erwähnenswert:

Scheitern.dreitausend – »Unentschieden für immer«

(VÖ: 4. September 2026)

Schöner Außenseiter-Tipp, aber mit großen Label im Hintergrund: Die Bremer Indiepop-Gruppe scheitern.dreitausend (aus dem Umfeld von Team Scheisse) veröffentlicht ihr Debütalbum auf Audiolith und bezaubert mit leicht naivem 00er- und 10er-verliebten Slacker-Indie, der schöne Gefühle an jene Zeiten weg, die von vielen Lesenden als die schönsten interpretiert werden dürften. Sehr toll! Keine Termine in Österreich, Album kann man hier kaufen. 


Das Manische Magazin – »Konträres Sortiment«

(VÖ: 18. September 2026)

Augsburg ist mittlerweile eher für Großraumschlager bekannt, dass die Gruppe Das Manische Magazin auf ihrem Debütalbum eher mit Post-Punk, Wave und Post-Pop daherkommt, darf also durchaus als überraschend gelten, die lyrisch-inhaltliche Beschäftigung mit den spätkapitalistischen Auswüchsen ist dem Leben 2026 inhärent. Sehr interessant, das! Keine Termine in Österreich, die Gruppe begleitet aber Anda Morts durch Deutschland. Album kann man hier kaufen.

Die bisherigen Veröffentlichungen von Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.

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