Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald. Die wichtigsten deutschsprachigen Releases im Juni 2026. Mit Danger Dan, Tränen, Investment, Ignaz Tschinön, Holli und mehr.

Tränen – »Leben in einer Katze«

Tränen, das dynamische Duo aus Gwen Dolyn und Steffen Isreal – der ja bekanntlich mit der Gruppe Kraftklub und dessen fünftem Album »Sterben in Karl-Marx-Stadt« ordentlich »rasiert« hat, wie die Zielgruppe formuliert –, kommt mit seinem zweiten Album nach längerer Funkstille zurück. Auch dieses Mal bleibt der Funk eher still: Es geht, entsprechend dem Erfolgsrezept des Debüts »Haare eines Hundes« wieder tierisch NNDW-mäßig zur Sache. Waviger Indiepop mit viel Identifikationspotenzial für WG-Frühstückstische, nur dass, ganz dem natürlichen Alterungsprozess, da hilft dir kein Botox beim Mentalen, inhaltlich schon auch deeper getalkt wird, gerne aus der Perspektive von fremden Wesen über ganz humane Sehnsucht, Entfremdung, Zugehörigkeit, Eskapismus, über das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören. Also jetzt eher schon Anfang 30 als noch Mitte 20 (abhängig vom persönlichen Entwicklungsstand). Was Eva Böhnisch beim »Kiddie Contest« vor 27 Jahren mit »Im nächsten Leben werd ich Kater« formuliert hatte, ist Tränen fast schon zu outgoing, dann lieber in einer Katze leben. Zumindest vom Gedanken her nicht uninteressant.
»Leben in einer Katze« von Tränen erscheint am 30.10.2026 via Eklat Tonträger. Termin: 20.3.2027 in der Szene Wien. Hier kaufen.
Danger Dan – »Keine Angst«

Er ist es zwar, aber selbst wenn Danger Dan nicht das popkulturelle Gewissen Deutschlands wäre, muss man sein Solo-Klavierdebüt »Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt« (2021) guten Gewissens zu einem der prägendsten Alben der letzten Jahre zählen. Und selbst wenn sich die Welt, trotz all der Bemühungen nicht wirklich gebessert hat und alles tatsächlich noch mehr fucked up ist, war es das zumindest musikalisch wert. Was sich an dieser Front getan hat und es ist nicht viel: Danger Dan spielt jetzt etwas besser Klavier, flüssiger, raffinierter, aber, und es ging hauptsächlich darum, die Texte sind genauso scharf, brachial, konzise und wütend wie auf dem Ersten, angepasst an die eben noch schlimmer gewordene Welt da draußen. Nein, er wär nicht wirklich Danger Dan, wenn seine Lieder nicht Checklisten für antifaschistischen Widerstand (auch gegen die feigen Öffentlich-Rechtlichen?) wären, Wegweiser für die Suche nach dem Sinn, wenn Widerstand scheitert, es sind politische Lieder im selben Regal wie Hannes Wader, das Album wieder ein Meisterwerk, es sind Lieder für Millionen, Songs die, die Welt braucht. Holen Sie sich dieses Album und agi(ti)eren Sie entsprechend!
»Keine Angst« von Danger Dan erscheint am 2.10.2026 via Ölsardinenindustrie. Live Termine: 20.12.2026 Gasometer Wien, 10.7.2027 Metastadt Open Air. Hier kaufen.
Investment – »Wieder nur Lieder«

Ja Mensch, da kommen Maurice Summen, Ramin Bijan und Gunter Osburg einmal zusammen und gründen eine neue Band und was machen sie? »Wieder nur Lieder«. Wobei, der Fame rund um Staatsakt-Gründer Summen und seine Compadres mit der Jahrzehnte-Band Die Türen und auch Der Mann ja schon ziemlich groß ist, also wieder was Neues: Ergibt aber erstmal nicht wenig Sinn, sind Investment doch musikalisch etwas anders angelegt als die diversen anderen Projekte, wer jetzt »Classic Rock« ruft, hat zumindest teilweise recht. Ist halt immer auch eine Definitionsfrage und so rackern sich die alten Racker an allen Genres zwischen »echtem« Classic Rock, Yacht Rock, AOR nordamerikanischer Schule (Kansas, Chicago, Boston) und auch Dad Rock coolerer Väter (Düsseldorfer Schule, Trio und so) ab. Das ist alles wunderbar kontrafaktische Popmusik, zu der besonders Lustige in Kommentarspalten mit Stories aus den 70er-80ern ankommen können; Musik, die mit Erwartungen an Klassiker und unseren Hörgewohnheiten spielt; und vor allem: Musik, die trotz all der Meta-Ironie auch wirklich gut ist.
»Wieder nur Liebe« von Investment erscheint am 2.102.2026 via Staatsakt. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.
Ignaz Tschinön – »Parasympathikus«

Nicht, dass ich jetzt den bisherigen Gewinner:innen nahe zu treten mir erlaube, aber »Jazz / World / Blues« scheint doch die am einfachsten zu gewinnende Kategorie beim Amadeus zu sein, da ist man schnell einmal ein Anwärter. Der nächste ist aber wirklich gut: Ignaz Tschinön (für unsere bundesdeutschen Leser:innen: ein polysemes Wortspiel mit Messing-Becken und Ohrfeige). Das Alter Ego von Multiinstrumentalist Matthias Nowak, der auch sein Label-Chef (Gspusi Records, 1060 represent!) ist, präsentiert auf seinem Debütalbum ein breites Sammelsurium an Einflüssen, da staunt jeder GeoGuesser: Irgendwo zwischen Memphis und Philadelphia in den 70ern (Funk!), der South Bronx (early Hip-Hop) und wo auch immer großmäuliger Jazz herkommt, aber vor allem mit ganz viel Wien (schon rein von der Sprache her, den Schmäh, den kennen’s drüben in USA gar nicht), ist Ignaz Tschinön ein musikalischer Globetrotter, dessen Kapelle dich auf eine Reise schickt, wo du vielleicht so einen Kaugummi gegen das Speiben brauchst, so eine Achterbahn ist das manchmal. Aber halt schon sehr spaßig.
»Parasympathikus« von Ignaz Tschinön erscheint Mitte Oktober via Gspusi Records. Uraufführung: 31.10.2026 Porgy & Bess Wien. Hier kaufen.
Holli – »1000 Jahre Schlaf«

Du, das versteh ich schon, dass man bei all dem, was da passiert, am liebsten das zehnfache Dornröschen macht und einfach mal bis 3026 schlafen will. Das scheint ohnehin eine große Sehnsucht zu sein, einfach mal auch etwas nicht erleben. Sehnsüchte sind das vielleicht größte Thema auf dem zweiten Album von Holli, dessen Debüt »Der erste gute Tag« aus dem 23er-Jahr ja tatsächlich recht gut rezipiert wurde. Es geht um Sehnsucht nach dem Ende des Sommers, nach dem Sommer, nach dem Zauber, einem Lebensinn im Großen wie im Kleinen, nach etwas Größerem im Allgemeinen. Zumindest musikalisch geht dieser Wunsch, wo es oft weniger ums Wünschen als ums Tun geht, auf jeden Fall schon einmal in Erfüllung: Das ist weniger Songwriter-Pop, das ist auf »1000 Jahre Schlaf« ein echtes Bandalbum mit Synths, mit fetzigen Gitarren, mit Schlagzeug, das ist dann schon, passend zum Schlaf-Thema echter Dreampop, aber so gut, also da mach ich auch gerne auf Dornröschen. Zzzz.
»1000 Jahre Schlaf« von Holli erscheint am 2.10.2026 via Problembär Records. Live am 3.11.2026 in der Sargfabrik Wien. Album hier kaufen.
Außerdem erwähnenswert:
Endless Wellness – »Domino Days«
(VÖ: 16. Oktober 2026)
Nachdem die sehr geschätzte Kollegin Sarah Wetzlmayr die wohl derzeit (mit Abstand) beste Österreichische Rockgruppe zum Interview getroffen hat (lesbar in der aktuellen Ausgabe von The Gap), dürfen wir auch an dieser Stelle noch einmal hinweisen, dass das zweite Album von Endless Wellness eine Offenbarung ist, das vermutlich beste Album des Jahres und darüberhinaus. Es ist wirklich extrem gut. Noch besser: die Konzerte, ab 21.10. in ganz Europa. Das Album hier kaufen.
Die Buben im Pelz – »Menschen ohne Freunde«
(VÖ: 30. Oktober 2026)
Die Buben im Pelz zeigen auf ihrem fünften Album ein ziemlich düsteres Bild von der Gegenwart, da ist alles ein bisschen oasch, stimmt ja auch, schaffen aber mit dem wunderbaren Twee-poppigen Love-Song »Für di« einen echten, großen Hit. Alle weiteren Informationen zum auch ansonsten sehr guten Album finden Sie wie gewohnt in der aktuellen Ausgabe von The Gap. Die Gruppe tritt auch wieder auf, etwa am 4. November im Chelsea Wien. Das Album erscheint bei Noise Appeal Records und kann auch dort bezogen werden.
Austrofred & Kurt Razelli – »Sanfte Krieger«
(VÖ: 16. Oktober 2026)
Schon das erste Album (»Life is Laff«) in derer Zweierkombination war ein Erfolg sondergleichen, das zweite steht dem in quasi nix nach: Da reihen sich Banger an Banger, wie etwa dem besten österreichischen Weihnachtslied ever (»Lametta«), da ist teilweise ein Storytelling dabei, dass du glaubst, das gibt’s nicht. Das wirst du dir auch live denken (ab 20.11., beginnend in Steyr) und auf Platte sowieso. Hier kaufen.
Außerdem in der aktuellen Ausgabe von The Gap: Berichte über die Alben von Anda Morts, Bilderbuch und mehr.
Die bisherigen Veröffentlichungen von Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.