Muttersprachenpop – die wichtigsten Veröffentlichungen im Januar 2022

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald.

Carambolage © Jim Rakete
© Jim Rakete — Carambolage

Alex Mofa Gang – »Nacht der Gewohnheit«

Alex Mofa Gang © Jaro Suffner
Alex Mofa Gang © Jaro Suffner

Die Berliner Mopedrocker Alex Mofa Gang haben sich für das neue Jahr ganz schön viel vorgenommen – Stichwort Vorsätze: Nichts weniger als das Überwinden von Genre-Scheuklappen, das denen die Hand reichen soll, die gerne über den Tellerrand ihrer eigenen Subkultur hinweg sehen, steht auf der To-do-Liste des Fünfers. Das wird natürlich vor allem musikalisch in die Tat umgesetzt: So wird aus dem einstigen Keyboard-Punk-Pop, den wir an Ort und Stelle für das letzte Album »Ende offen« noch als »tendenziell für die etwas jüngere Zielgruppe« verortet haben, bewusst ein buntes Sammelsurium an musikalischen Einflüssen, die allesamt stark in Richtung Pop schielen. Als allzu gute Beispiele dürfen hierzu die Vorabsingles des bereits vierten regulären Albums dienen, etwa der treibende Synthie-Pop von»Was am Ende bleibt« mit großem Refrain, die langsame Anti-Nazi-Elegie »Kein Land in Sicht« oder die besonders identifikationsbildend getextete Fun-Punk-Nummer »Arschbombe«.

»Nacht der Gewohnheit« von Alex Mofa Gang erscheint am 7. Januar 2022 bei Redfield Records. Kaufen vorzugsweise im Label-Shop. Vorerst keine Termine für Österreich. 

Tocotronic – »Nie wieder Krieg«

Tocotronic © Gloria Endres de Oliveira
Tocotronic © Gloria Endres de Oliveira

Die musikalische und textliche Ontogenese der Gruppe Tocotronic ist ebenso Bestandteil enormer Auseinandersetzungen on- und offline wie Mutmaßungen, warum denn schon wieder – zum fünften Mal seit 2005 – ein Album der Altvorderen im ersten Monat des Jahres erscheint, nur »Kapitulation« und das rote Album sind nicht im Januar veröffentlicht worden. Mutmaßungen gar verschwörungstheoretischer Natur werden angestellt, es bleibt: Auch mit »Nie wieder Krieg« setzt die Gruppe ein erstes großes Statement für dieses Jahr. Das Wort »Statement« bleibt zumindest Teil der textlichen Entwicklungen, es gibt auf Album Nummer 13, das kein Unglücksalbum ist, die Rückkehr zum Sloganeering, »Nie wieder Krieg«, »Jugend ohne Gott gegen Faschismus«, »Komm mit in meine freie Welt«, »Ich hasse es hier« oder »Wir kommen, um uns zu beschweren« heißen die Stücke (okay, einer dieser Titel war erfunden). Man merkt den Wunsch nach sprachlicher Simplizität, zeitgemäß. Die musikalische Ontogenese ist umstrittener im Lager der Freund*innen der Gruppe Tocotronic: Ins Schlagerhafte abdriftend, heißt es mancherorts. Hier behaupten wir: Es ist die konsequente Weiterentwicklung nach der Album-Biografie »Die Unendlichkeit«: getragener, gar cineastischer Klavier-Gitarren-Pop, der seinen Geschichten den Raum gibt, die sie benötigen.

»Nie wieder Krieg« von Tocotronic erscheint am 28. Januar 2022 bei Vertigo/Universal. Kaufen bitte hier. Tourtechnisch wird’s komplex: Für die Tour zum Album gibt es aktuell keine Österreich-Termine. Die verschobenen Diskografie-Konzerte werden am 8. und 9. September 2022 in der Arena Wien nachgeholt. Am 8. gibt’s »The Hamburg Years«, am 9. »The Berlin Years«.

Carambolage – »Carambolage«, »Eilzustellung-Exprès«, »Bon Voyage«

Carambolage © Jim Rakete
Carambolage © Jim Rakete

Das Hamburger Label Tapete Records hat sich in den letzten Jahren nicht nur als Katalysator für die neuesten Indie-Hits erwiesen, sondern mit zahlreichen Re-Releases exzellentes Gespür für die historischen Begebenheiten deutschsprachiger alternativer Musik gezeigt. Dass nun etwa die drei Alben der Gruppe Carambolage wieder ans Tageslicht gekarrt werden, muss dabei noch höher eingeschätzt werden. Schließlich gilt die Gruppe, die zu ihrer Gründung 1979 aus Britta Neander (ja, DIE), Elfie-Esther Steitz-Praeker und Angie Olbrich als einer der sehr wenigen All-Female*-Bands aus dem Umkreis dessen, was wir heute die Neue Deutsche Welle nennen. Eigentlich dem direkten Umfeld von Ton Steine Scherben entsprungen, bieten sie auf ihren ersten beiden Alben »Carambolage« und »Eilzustellung-Exprès« gleichsam eigensinnigen wie schrägen und rumpeligen, dabei umso eindrücklicheren und eingängigeren Wave-Sound. Dazu kommt die Vorreiterinnen-Rolle in gesellschaftlichen Fragen, die Carambolage auszeichnet: Mit der Überbetonung von als weibliches Ideal geltendem Gehabe, nehmen sie Lipstick-Feminismus vorweg. Ihr drittes Album »Bon Voyage« wurde 1985 aufgenommen, aber vom Major-Label abgelehnt und erschien erst 2019 via Fuego – es wird aber auch von Tapete neu aufgelegt. Diese Werkschau sollte man kennen, sollte man haben.

Die drei Alben »Carambolage«, »Eilzustellung-Exprès« und »Bon Voyage« von Carambolage werden am 21. Januar 2022 von Tapete Records neu aufgelegt. Hier zu kaufen.

Einseinseins – »Zwei«

Einseinseins © Einseinseins / Tonzonen
Einseinseins © Einseinseins / Tonzonen

»Beschreiben Sie die Gruppe Einseinseins mit einem(!) Wort!« – »Entdeckung!«. Weil erstens: Lohnt sich natürlich, das Entdecken dieser Gruppe. Zweitens: Abgespacter Krautrock mit Hang zum interstellaren Entdecken außerirdischer Klagformen. Drittens: Die Gruppe hat sich selbst entdeckt; beziehungsweise: Den Gesang als Instrument. Das erste reguläre Album mit dem schönen Titel »ĬİĨ« kam ohne Text aus, bot aber gar Hypnotisches: repetitive Melodien mit Synths – stell dir vor, du gibst »80s Synth Pop Playlist for Relaxing« in dein Youtube ein. Auf »Zwei« nutzt das kryptische Berliner Trio seine teilweise Kraftwerk-robotischen Stimmen als Ausdrucksorgan für kritisches Denken und schlägt nicht nur damit bewusst eine zugänglichere Richtung als noch auf dem Debüt ein, denn auch die Musik hat sich von der Hypnose zur Tanzbarkeit gewandelt – du müsstest jetzt schon googlen: »Trippy Synth Dance Beats for Dancing« (oder was auch immer die Kids auf Google eingeben). Und die Chancen stehen gut, dass du da bei Einseinseins landest. Klasse!

Hier geht’s zur Bandcamp-Seite von Einseinseins.

»Zwei« von Einseinseins erscheint am 21. Januar 2022 bei Tonzonen Records. Hier zu kaufen. Keine Österreich-Termine. 

AUSSERDEM ERWÄHNENSWERT:

Familie Lässig – »Eine heile Welt«

(VÖ: 7. Januar 2022)

Sie werden es in der aktuellen Ausgabe von The Gap gelesen haben: Österreichs vermutlich prominenteste Supergroup veröffentlicht mitten im Winter ein sehr sommerliches und gleichzeitig unheimlich gemütliches zweites Album, das – keine Sorge! – seinen Wunsch im Titel nur als Schmäh trägt. Zwischen melancholischen Pop-Momenten, Wienerlied, kindlichem Gitarren-Pop und einem wunderbaren Cover von Brittas »Büro Büro« gelingt der Familie Lässig mit  »Eine heile Welt« ein vielseitiges Stück Musik, das etwa hier besorgt werden kann

Intimspray – »Religion« (EP)

(VÖ: 28.1.2022)

Ursprünglich aus Innsbruck, später nach Wien gezogen, dann ab Anfang der 80er in München: Die New Waver Intimspray waren nicht nur in Bravo und NME, sondern auch bei Michael Schanze. Anlässlich einer kleinen Tour, die erstmals seit 30 Jahren wieder Konzerte bringt, erscheint auch eine EP mit neuen und alten Stücken via Delle Records.

Alarmsignal – »Ästhetik des Widerstands«

(VÖ: 14. Januar 2021)

Seit 20 Jahren bringen Alarmsignal die Kleinstadt Celle auf die Deutschpunk-Landkarte, mit dem achten Album »Ästhetik des Widerstands« muss man hier noch einmal mit dem Textmarker drübergehen: Mit Gästen von Dritte Wahl, Egotronic und Shirley Holmes finden sich auf dem Album 13 Stücke zwischen klassischen Punkrock-Hymnen und langsamen Tönen, die definitiv gehört gehören. Hier zu besorgen.

Die bisherigen Veröffentlichungen von Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.

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