Nach der Empörung

"Nach der Empörung" setzt das neue Buch von Klaus Werner-Lobo an.Einst prominenter Querein-, nun Aussteiger bei den Wiener Grünen rät er, den Konflikt mit den Mächtigen nicht zu scheuen. Im Interview erklärt er, warum er bei der Präsidentschaftswahl nicht wählen wird und warum er Richard Lugner nicht für einen Clown hält.

Weißt du schon, wem du bei der Bundespräsidentenwahl deine Stimme geben wirst?

Klaus Werner-Lobo: Ich werde wahrscheinlich nicht wählen. Ich habe wieder vor, meine Stimme im Sinne der Aktion "Wahlwexel" einem Migranten zu geben, der oder die sonst nicht wahlberechtigt ist. Diesmal habe ich bislang aber noch niemanden gefunden, der meine Stimme möchte, weil’s niemanden interessiert. Wenn ich niemanden finde, werde ich selbst eher nicht wählen, weil ich diese Wahl für irrelevant halte.

Wurdest du gefragt, ob du dich im Komitee für Alexander Van der Bellen engagieren willst?

Klaus Werner-Lobo: Nein, das trauen sich die Grünen gar nicht mehr, glaube ich.

Du hast in Interviews zu deinem Buch und auch schon bevor du aus der Partei ausgetreten bist immer wieder das Marketing der Grünen kritisiert und ihnen u.a. postdemokratische Tendenzen vorgeworfen. Auch dass die uniformen grünen Billigjacken, die in Wahlkämpfen getragen wurden, aus China stammen, hast du beanstandet. Jetzt trägt das Wahlkampfteam von Van der Bellen Jacken. Weißt du, wie und wo die VDB-Jacken produziert wurden?

Klaus Werner-Lobo: Nein, ich habe die Jacken in natura auch noch nicht gesehen, nur auf Fotos. Aber aufgrund der von mir formulierten Kritik hat mich vor zwei Jahren der grüne Wahlkampfleiter Martin Radjaby angerufen, ob ich weiß, wo es besser produzierte Jacken als die von Northland gibt. Ich habe ihm damals das deutsche Unternehmen Vaude genannt, das Mitglied der Fair Wear Foundation ist. Vaude produziert zum Teil in Europa, das heißt: Es hält sich an europäische Sozialstandards. Ich weiß nicht, woher die Jacken diesmal stammen. Aber Van der Bellen ist ja ein unabhängiger Kandidat. (Lacht)

Hattest du nachdem du von den Wiener Grünen nicht mehr zur Wahl aufgestellt wurdest oder nach deinem Parteiaustritt Angebote von anderen Parteien?

Klaus Werner-Lobo: Nein.

Ich muss gestehen, dass ich erwartet hatte, dass du eine neue Partei oder ein Wahlbündnis gründen würdest.

Klaus Werner-Lobo: Selber habe ich auf sowas keine Lust mehr. Aber sollte in Wien oder in Österreich etwas ähnliches entstehen wie in Barcelona oder Madrid, dass aus einer sozialen Bewegung eine Wahlbewegung wird, ein Bottom-up-Projekt, dann würde ich das möglicherweise unterstützen. In spanischen Großstädten haben Soziale Bewegungen wie die der Wohnungslosen direkt für den Gemeinderat kandidiert, ohne Parteien zu werden. In Madrid und Barcelona stellen sie nun die Bürgermeisterinnen. Die Vertreter dieser Bewegungen sind abwählbar, es gibt keinen Parteiapparat. Und sie haben – das halte ich für eines der wichtigsten demokratiepolitischen Instrumente, das die Grünen leider abgeschafft haben – das Rotationsprinzip. Das kann das Sich-an-die-Macht-Klammern verhindern, das ich quer durch alle politischen Parteien für eines der größten Probleme halte.

Du bist jetzt etwas mehr als ein halbes Jahr kein Politiker mehr. Mit wie vielen Politikern hattest du denn seither Kontakt?

Klaus Werner-Lobo: Ich bin seit der Konstituierung des neuen Gemeinderats am 24. November 2015 kein Politiker mehr. Aber wenn ich zum Beispiel bei Refugee-Demos grüne oder rote Politiker sehe, plaudere ich sehr gerne mit ihnen.

Gibt es eine Politikerin oder einen Politiker, mit dem du inhaltlich kaum auf einer Linie warst, die oder der dich aber als Person sehr positiv überrascht hat?

Klaus Werner-Lobo: Am ehesten Peter Marboe. Der war unter Rot-Schwarz in Wien Kulturstadtrat der ÖVP und ist ein echter liberaler Bürgerlicher. Er hat sich damals unter Schwarz-Blau im Bund als Kulturstadtrat auch klar hinter die Schlingensief-Container-Aktion gestellt, die sich ja gegen Schwarz-Blau gerichtet hat. Das muss man ihm hoch anrechnen, auch wenn es eigentlich selbstverständlich sein sollte: Er hat die Freiheit der Kunst immer verteidigt. Marboe habe ich oft gesehen weil er auch über seine Amtszeit hinaus sehr kulturinteressiert war, er hat mich mit Ratschlägen unterstützt und ist auch sonst ein sehr netter Typ.

Bist du mit Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny noch im Austausch?

Klaus Werner-Lobo: Nicht aktiv, aber ich hoffe wir sehen uns wieder bei Kulturveranstaltungen.

Über deinen Misserfolg – dass du die Subventionen für die Vereinigten Bühnen Wiens mit ermöglicht hast – hast du bereits öffentlich gesprochen. Was würdest du nachträglich als deinen größten kulturpolitischen Erfolg bezeichnen?

Klaus Werner-Lobo: Ob’s das Wort Misserfolg trifft, weiß ich nicht. Bei den Vereinigten Bühnen ist mir damals schlicht meine eigene Partei in den Rücken gefallen. Dabei hätten wir das derheben können! Aber zu den Erfolgen. Als Erfolg erachte ich alles, was an Umverteilung geglückt ist. Für mich ist die Aufgabe linker Politik die Umverteilung von Ressourcen – egal ob das Geld, Mitbestimmung, Zugang zu öffentlichem Raum oder Infrastruktur ist – von oben nach unten. Es ist mir gelungen Förderungen – wir reden in Summe da von ein paar Millionen Euro im Jahr – hin zu Initiativen zu bewegen, deren Akteurinnen und Akteure sonst prekär leben und arbeiten. Ich rede etwa von Wienwoche, von SHIFT, vom Divercity Lab und Kültür Gemma. Ich erachte es auch als Erfolg, dass unter Rot-Grün so engagierte Leute wie Matti Bunzl im Wien Museum, Tomas Zierhofer-Kin bei den Festwochen oder Anna Badora im Volkstheater in Leitungsfunktionen wichtiger Wiener Kulturinstitutionen gelangten. Da sitzen jetzt nicht mehr die Gerald Matts dieser Welt, mit ihren Riesenegos, die den Hals nicht vollkriegen können. Sondern Leute mit Feuer unterm Arsch, die Kunst und Kultur auch als Motor urbaner gesellschaftlicher Veränderung begreifen. Zwischen dem Kulturbegriff eines Tomas Zierhofer-Kin als designiertem Leiter der bisher eher elitären Festwochen und dem rebellischen Kulturprojekt Wienwoche gibt es so was wie eine gemeinsame Klammer. Früher wären das Antagonisten gewesen. Dass hier ein Aufbruch im besten Sinn des Wortes stattfindet, sehe ich als Erfolg.

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Bild(er) © www.paulsturm.at
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