Naschmarkt-Parkplatz macht Platz für Park

Ein Architektur-Experiment junger Gestalterinnen und Gestalter öffnet am Naschmarkt eine Tür in die Zukunft der Stadt. Direkt daneben feiert der Flohmarkt seinen 40. Geburtstag.

© Zara Pfeifer

Wie wir in Zukunft miteinander arbeiten und leben werden, ist heuer ein großes Thema in der Kunst-Community. Nächste Woche debattiert die Ars Electronica in Linz darüber, seit einigen Wochen ist der Wandel der Arbeit Gegenstand der Vienna Biennale. Im Rahmen der Biennale entstand am Parkplatz beim Naschmarkt die Holzinstallation Park. Über ein Dutzend Gestalterinnen, Architekten und Leute aus der Wissenschaft fanden als „Team Wien“ zusammen, um das Projekt zu entwerfen.

Marc Neuner von Team Wien erzählt, wie es zu der Zusammenarbeit kam: „Es gibt Wettbewerbe, da werden 300 Einreichungen gemacht, aber 90 Prozent der Stadt werden total schlecht verbaut. Eigentlich hat Architektur so viel mehr Potentzial, aber dauernd müssen wir uns wegen dem Mist, der da gebaut wird, rechtfertigen. Das liegt aber an den Rahmenbedingungen. Wenn Architektur die richtigen Rahmenbedingungen hat, dann kann das auch was sehr gutes werden. Und das versuchen wir mit Park.“

© Zara Pfeifer

Park ist gedacht als künstlerisch-politisches Labor, in dem alle willkommen sind. Alle ist wörtlich zu nehmen: Im Vorfeld wurden auch Geflüchtete eingeladen, Park mitzubauen. Dafür ist Neuner verantwortlich. Er erklärt, Asylwerber hätten genau zwei Möglichkeiten für legale Arbeit in Österreich: Künstlerisch-freie Berufe oder Erntehelfer am Land. Neuner, selber in Architektur und Kunst tätig, machte mit geflohenen Menschen bereits gute Erfahrungen in der Kreativarbeit. So fertige ein Refugee-Team unter seiner Leitung bei SOHO in Ottakring eine 100 Meter lange „Küchenskulptur“. Park spricht darüber hinaus die Anrainer an, will sie einbeziehen in die Stadtgestaltung.

Beide, Einheimische wie neu Zugewanderte, werden sich in Zukunft fragen: Wie verbringen wir unsere Zeit sinnvoll, wenn das Gros der heutigen Arbeit von Maschinen erledigt wird? Werden wir dann endlich andere Tätigkeiten als vollwertige Arbeit würdigen, etwa häusliche Pflege oder Hausarbeit? Und wovon lebt der Mensch dann?

Park wird und will nicht alle Antworten auf diese Fragen liefern, schon gar keine Rezepte. Für ihre Prognose zum Wandel der Arbeit haben sie aber mit zwei Forscherinnen zusammengearbeitet.

Der Fokus von Park liegt vom 1.-24. September auf Utopien. Das alles geschieht in einem geselligen Umfeld: Immer donnerstags lädt Team Wien zum Essen in sein Küchen-Modul, das bis zu 60 Hungrige verköstigen kann. Samstags sind Picknicks geplant, die von lokalen Händlern vom Naschmarkt versorgt werden. Sonntags zeigt Kino am Naschmarkt Filme in Park. Während der gesamten Veranstaltungszeit wird es immer wieder Live-Musik geben.

Jedes Zukunftsforum bietet konkrete Inhalte, Park etwa diese: Im Werkstatt-Modul wird das Kollektiv mostlikely mit Interessierten „sudden workshops“ abhalten und die Installation um vorgefertigte Elemente erweitern. Park soll dadurch zur wachsenden Skulptur werden.

In der zweiten Woche werden schwerpunktmäßig Siebdrucke produziert. Dahinter steht Viadukt, ein Wiener Verein, der Workshops zum Thema Druck abhält, aber genauso zum Selber-Drucken im eigenen Atelier einlädt sowie Auftragsarbeiten durchführt.

Die letzte Woche schließlich wartet mit Diskussionsveranstaltungen rund um das Thema Wohnen auf. Hier ist der Hauptkooperationspartner die IBA 2022.

Park soll Menschen dazu bewegen, ihre Städte, den öffentlichen Raum mitzugestalten. Neuner erklärt: „Park ist ein Prototyp für die neue kreative Arbeit. Wir schlagen vor, nicht nur zu konsumieren, sondern aktiv Sachen selber zu machen.“

40 Jahre Flohmarkt: Am Anfang auch Kunst und Architektur

Flohmarkt am Wiener Naschmarkt © Marco Verch auf flickr (CC BY 2.0)

Neuner hält es für passend, dass der Naschmarkt am Flohmarkt neben Park heuer ein Jubiläum feiert. Denn vor über 40 Jahren hätten am Parkplatz schon einmal junge Architektinnen und Architekten die Freifläche aufgegriffen und inszeniert. Ihr Ziel war damals wie heute, die Stadt lebenswerter zu machen. Aus dieser Initiative heraus sei erst der Flohmarkt am Naschmarkt entstanden.

Für das Geburtstagsfest am 16.9. sind übrigens Chilifish und der Elvis-Imitator Ron Glaser gebucht. Immerhin feiert Elvis in diesem Jahre seinen 40. Todestag, der Flohmarkt dagegen seinen 40. Geburtstag. Außerdem werden Experten mitgebrachten Trödel des Laufpublikums schätzen und Promis versteigern Antiquitäten. Der Erlös geht an die Clown Doctors.

Vom 1-24. September wird Park von mehr als 30 Kooperationspartnern getragen, die mit Team Wien zusammen für 2-3 Programmpunkte pro Tag sorgen. Es wird laufend ergänzt. Das 40-Jahre-Fest am Flohmarkt findet am 16. (bei Schlechtwetter: 23.) September statt. Das offizielle Programm gibt es hier.

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