Von Axt bis Zahnrad: Arbeit im Kino

Heute erleichtern und ersetzen digitale Maschinen menschliche Arbeitskraft. Doch technische Revolutionen krempelten die Arbeitswelt immer um – gerade in Krisen. Anlässlich der Schau „Work it, feel it!“ in der Kunsthalle Wien stellen wir Filme vor, die diesen Wandel zum Thema haben.

© Filmarchiv Austria
© Filmarchiv Austria

In der Ausstellung Work it, feel it! während der Vienna Biennale ergründet die Kunsthalle Wien die Frage: Wie genau wirkt sich welche Technik auf den erwerbstätigen menschlichen Körper aus? Die Kunst hat im Lauf der Jahrhunderte mit jeder neuen Technik neue Ansätze gefunden, wurde selber immer wieder durch Technik verändert. Daher wird sie sich auch im Kino weiter mit dieser Frage beschäftigen. Aus diesem Anlass haben wir eine Auswahl an Spielfilmen und Dokus zusammengetragen, die sich ebenfalls mit Technik, Arbeit und dem Körper auseinandersetzen.

Arbeit ist nicht nur Broterwerb und Lebenssinn, sondern auch Zwang. Ganz gleich, ob der Arbeitende LKW-Fahrer oder eine moderne Büroangestellte ist. Aktuell diskutieren die österreichischen Sozialpartner etwa über die Flexibilisierung der Arbeitszeit, einem zentralen Kontroll- und Disziplinierungsmechanismus in der Berufswelt. Nicht nur in jeder Schicht, auch mit jeder technischen Neuerung muss sich der Mensch, der die Maschine bedient, neuen körperlichen Herausforderungen stellen. Wo Laster und PC die Arbeit effizient erleichtern, verursachen Fahrersitz und krumme Bürosessel Haltungsschäden. Wo der Lenker eine Pinkelpause einlegt, überwacht die Zentrale per GPS und Stoppuhr jede Fahrtzeitunterbrechung. Wenn die Kollegin im Büro mal eben einer Freundin auf Facebook schreibt, protokolliert ein Algorithmus ihr Surfverhalten in Echtzeit für den Vorgesetzten.

Andererseits vermitteln Fitness-Apps und kalorienzählende Smartwatches immer mehr die Notwendigkeit zur körperlichen Selbstgeißelung. Die Profiteure sind vor allem App-Programmierer und Uhrenhersteller. Und wann soll man überhaupt joggen? Im Stau? Nach der vierten Überstunde?

Die Generallinie (Das Alte und das Neue)

UdSSR 1929. Regie: Sergei Eisenstein. Drehbuch: Grigori Alexandrow, Sergei Eisenstein.

Bäuerin Maria (Marfa Lapkina) erbt eine Kuh und einen winzigen Acker. Es zahlt sich kaum aus, ihn allein zu bestellen. So bittet sie den örtlichen Großbauern um ein Pferd. Der hartherzige Mann winkt ab. Notgedrungen überlegt Maria, ob es nicht alternative Möglichkeiten zum Kleinbauerntum und zum Kulaken gibt.

Und selbst ist die Frau: Mit vier ähnlich misslich lebenden Bauern gründet sie eine Kolchose. Es gibt Rückschläge, aber mit der Zeit schließen sich immer mehr der Genossenschaft an. Sie leistet sich einen Traktor, dann eine Melkmaschine, moderne Ställe und, und, und. Der Betrieb wächst, alles lässt sich mit neuen Methoden leichter erledigen.

Legendär: Kinohistoriker loben Eisensteins Nah- und Detailaufnahmen und Überblendungen diverser landwirtschaftlicher Maschinen im Film, etwa einer Zentrifuge und des Traktors. Im Gegensatz dazu stehen die „alten“ Methoden, bei denen sich Bauern mit Pferdepflügen abplagen.

Trivia: Am Höhepunkt der Schauprozesse unter Stalin entstand dieser Film als Auftragsarbeit des Kremls. Er sollte den ersten Fünfjahresplan bewerben. Trotz der angespannten politischen Situation seiner Zeit gibt es im Film offene Kritik an der autoritären Moskauer Führung: Maria streitet sich mit müßigen, karikaturartig wohlgenährten Beamten. Der Film kann bei Arte legal online gestreamt werden.

 

Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?

Deutschland 1932. Regie: Slatan Dudow. Drehbuch: Bertolt Brecht, Ernst Ottwalt, Slatan Dudow.

Berlin inmitten der Weltwirtschaftskrise: Der Bruder von Anni (Hertha Thiele) findet keine Hacken und stürzt sich verzweifelt aus dem Fenster. Die Familie verliert kurz darauf die Wohnung und zieht in die Gartenkolonie Kuhle Wampe. Anni ist nun die Alleinernährerin. Sie wird bald von ihrem Freund Fritz (Ernst Busch!) schwanger. Anni zieht nach einem Streit mit Fritz zu ihrer Freundin Gerda, versöhnt sich mit ihm dann bei einem Arbeitersportfest. Unterdessen laufen Ruderboote, Motorräder und andere zu Wettkämpfen auf. Die körperliche Ertüchtigung lenkt die Sportler vom Alltag im Werk und in der prallen Schnellbahn ab, bewahrt gleichzeitig vor körperlicher Verkümmerung. Der Streifen endet mit dem „Solidaritätslied“.

Legendär: Die Fixi-Parade arbeitsloser Jugendlicher, welche am Anfang von Betrieb zu Betrieb radeln, steht im Kontrast zum Motorradrennen beim Fest.

Trivia: Kuhle Wampe ist der einzige Tonfilm, an dem der Dramatiker Brecht mitwirkte. Die Weimarer Zensur strich Szenen, in denen die Arbeitersportler eine Spendensammlung organisieren, damit Anni illegal abtreiben kann. Außerdem existiert in Wien ein linker Motorradclub mit dem Namen MC Kuhle Wampe.

 

Moderne Zeiten

USA 1936. Regie & Drehbuch: Charlie Chaplin.

Dieser Film darf natürlich in keiner Liste fehlen: Arbeiter Charlie (Chaplin) und seine unzähligen Kumpel gehen ihren monotonen, gleichförmigen Industrieberufen bei der „Electro Steel Company“ nach. Er kommt mit dem Tempo kaum nach. Noch in der Pause wirken seine Bewegungen unnatürlich, werden vom Fließband bestimmt. Später gerät er in die gigantischen Zahnräder der Maschine. Sie wird gestoppt, bevor sie den kleinen Mann zermalmt.

Nach einem Psychiatrie-Aufenthalt (Burnout!) rettet der Held eine rote Fahne, die von einem Laster gefallen ist. Bevor er sie dem Fahrer zurückgeben kann, gerät Charlie in eine Schlägerei zwischen demonstrierenden Hacklern und der Polizei. Wegen der Fahne landet er als vermeintlicher Arbeiterführer in Haft, bevor er die große Liebe findet.

Legendär: Sowohl die Fabrik-Szenen als auch die Demo gelten als Bilder für Chaplins soziales Gewissen. Zudem beobachtet der Electro Steel-Manager das Fließband über Monitore. Es ist ein prophetischer Vorgriff auf die Überwachung am Arbeitsplatz – moderne Zeiten eben.

Trivia: Der Film galt sowohl in den USA als auch in der UdSSR früh als marxistisches Werk. In den Staaten der McCarthy-Ära führte das dazu, dass Chaplin 1952 nach einem England-Aufenthalt die Wiedereinreise in die USA verwehrt wurde.

 

Fahrraddiebe

Italien 1948. Regie: Vittorio de Sica. Drehbuch: Giuseppe Amato, Vittorio de Sica.

Italien nach dem Zweiten Weltkrieg: Antonio (Lamberto Maggiorani), eben noch Tagelöhner, ergattert endlich die ersehnte Stelle als Plakatkleber. Doch gleich beim ersten Einsatz wird sein Radl gestohlen. Antonio erwischt den Dieb nicht. Er braucht den Drahtesel unbedingt, um seine Lieben ernähren zu können. Mit seinem kleinen Sohn Bruno (Enzo Staiola) macht er sich nun auf, den Langfinger zu finden. Er gehört zu einer Gruppe Kleinganoven. Die rücken es nicht raus, weshalb der Familienvater notgedrungen selbst ein Rad entwendet.

Antonio wird von einem Mob eingeholt und verprügelt. Als der Besitzer den weinenden Bruno und seinen beschämten Senior sieht, entlässt er die beiden ohne Anzeige.

Legendär: Die Laiendarsteller und Originalschauplätze packen das Publikum wie nur wenige andere Sozialdramen dieser Art.

Trivia: Während viele im postfaschistischen Italien „Fahrraddiebe“ als Nestbeschmutzung sahen, lobt ihn die internationale Kritik seit jeher als glaubwürdig. Bosley Crowther etwa eröffnete seine Rezension in der New York Times vom 13.12.1949 mit „a brilliant and devastating film“.

 

Matrix

USA 1999. Regie & Drehbuch: Lana Wachowski, Lilly Wachowski (als Larry Wachowski und Andy Wachowski).

Weißer Hase; breitschultriger Pillendreher (Laurence Fishburne); Hacker/Bürohengst mit Messias-Komplex (Keanu Reeves); schlagfertige Voodoo-Seniorin (Gloria Foster); Martial Arts gegen den Elbenkönig, der hier als Agent (Hugo Weaving) auftritt – so weit, so bekannt.

Eine zentrale Krux des jüngeren Sci-Fi-Klassikers besteht ja darin, dass Menschen nur mehr als komatöse Energie- und Rohstoffquellen vegetieren. Die gesellschaftlich notwendige Arbeit, ach was, die ganze Gesellschaft wird im angeblichen Real Life von Maschinen geschmissen.

Legendär: Eh, vergessen wir nicht Glibber-Kokons, revolutionäre Zeitraffer-Effekte, Nacken-Stecker, Sonnenbrillen und Ledermäntel.

Trivia: Orakel-Darstellerin Foster starb 2001 an Diabetes. „The Matrix“ und „The Matrix Reloaded“ waren die letzten Meilensteine der 1933 geborenen Theater- und TV-Mimin.

 

Die Axt

Frankreich 2005. Regie: Costa-Gavras. Drehbuch: Costa-Gavras, Jean-Claude Grumberg nach dem Roman „The Ax“ von Donald E. Westlake.

Bruno (José Garcia) ist seit ewig und einem Tag leidenschaftlicher Chemiker in der Papierproduktion. Der Chef ehrt ihn für seine langjährigen Dienste. Dann fusioniert die Firma mit einem rumänischen Konkurrenten. Brunos Job wandert – wie viele andere – ins Ausland.

Er wird depressiv, eine neue Stelle ist einfach nicht in Sicht.

Angeregt durch einen Werbespot gibt der Chemiker eine Annonce auf, um Leute zu finden, die ähnlich oder besser qualifiziert sind als er. Und er sucht sie auf, um einen nach dem anderen abzuknallen, bis nur noch er als Bewerber übrigbleibt.

Legendär: Die überraschende Abschlussszene, in der die wiedergewonnene soziale Sicherheit jäh zerstört wird.

Trivia: Donald E. Westlake (1933-2008), Autor des Originalromans, schrieb seine bitterbösen Krimis und Sci-Fi-Prosa im Gros aus der Sicht von prekarisierten Tätern.

 

We Want Sex

GB 2010. Regie: Nigel Cole. Drehbuch: William Ivory.

Im Sommer 1968 brodelt es im Ford-Werk im Londoner Vorort Dagenham. Näherin Rita O’Grady (Sally Hawkins) wird zufällig zur Anführerin ihrer 187 Kolleginnen. Sie streiken. Ihre Forderung: Der gleiche Lohn wie jener der 55.000 männlichen Kollegen. Das stößt nicht nur bei den Bossen in den Staaten, sondern auch bei den Ehemännern und Gewerkschaftsbonzen in England auf Widerstand.

Legendär: Ritas Mann (Daniel Mays) beweihräuchert sich im Streit selbst: Er habe nie die Hand gegen sie oder die Kinder erhoben und saufe auch nicht. Sie brüllt zurück, das sei ja selbstverständlich. Es gehe um Rechte, nicht Privilegien. Außerdem ist die Tatsache, dass es sich bei der Belegschaft ausschließlich um Frauen handelt, die einen typischen Frauenberuf in der Industrie ausüben und nicht am Fließband stehen, ebenfalls eine Metapher für sich. Die Frauen sind auch gezwungen, die meiste Zeit an ihren Nähmaschinen zu sitzen.

Trivia: O’Grady ist zwar eine fiktive Figur, doch der im Film dargestellte Streik fand wirklich statt. Langfristig gelang es den Ford-Arbeiterinnen, 1970 ein Gesetz zur Lohngleichheit in Großbritannien zu erkämpfen. Das im Radio laufende Lied „The Isrealites“ von Desmond Dekker jedoch kam nicht im Sommer, sondern erst im Oktober 1968 auf den Markt.

 

John und Jane

Indien 2005. Regie: Ashim Ahluwalia. Buch: Ashim Ahluwalia, Shai Heredia.

John und Jane sind höflich zu behandeln, denn der Kunde ist König. Egal, wie arschig er sich aufführt. Und damit John und Jane, die irgendwo in den USA hocken, nicht mit den Hotline-Mitarbeitern fremdeln, müssen diese regelmäßig Kurse besuchen. Dort wird ihnen US-Popkultur eingetrichtert, regionale und soziale Eigenheiten, und ja, auch ein nordamerikanischer Akzent. Denn John und Jane sollen nicht merken, dass sie eigentlich mit Indien telefonieren.

Trotz unwürdiger Arbeitsbedingungen (z.B. lange Arbeitstage, die nicht unbedingt zur jeweiligen Tageszeit des Call Canters passen) glauben einige Telefonisten tatsächlich noch an ihren American Dream. Eine Mitarbeiterin ist von den betriebsinternen Benimmkursen so eingenommen, dass man nicht sofort checkt: Sie hat sich die Haut mehrmals bleichen und die Haare platinblond färben lassen. Auch im Alltag ist nichts Indisches mehr an ihr. Die Smartwatch ist hier bis zum perversen Ende durchdacht.

Legendär: Ein Telefonist schimpft außerhalb des Call Centers immer über die Anrufer und raucht Gras. Vielleicht inspirierte der kiffende Wutbürger ja Stefanie Sargnagel.

Trivia: Der Outsourcing-Sektor wird ein immer wichtigerer Wirtschaftszweig in Indien. Genaue aktuelle Zahlen sind schwer zu finden, aber Schätzungen gehen von etwa 8 % Prozent des BIP und über 3 Mio. Beschäftigten für 2015 aus.

 

Workingman’s Death

Österreich 2005. Regie & Buch: Michael Glawogger.

„Arbeiter gibt’s eh nimmer“, meinen manche Schlauberger, wenn sie etwa über Marx reden. Dass sie sich ausziehen, ihre Gadgets und ihren Schmuck ablegen müssten, wenn das wahr wäre, kommt ihnen nie in den Sinn. Denn sie haben nur die rußverschmierten Gesichter der Ziegelböhm’ vor Augen.

Michael Glawogger wusste es besser: In seiner immer noch brisanten Doku von 2005 begleitete er Fleischer und Müllwühler, Stahl- und Bauarbeiter, Kumpel unter Tage und andere Schwerstarbeiter rund um die Welt.

Legendär: Für die Schlauberger und Sozialromantiker zeigen sich Ruß und Rauch und Dreck in vielerlei Farben und Ländern.

Trivia: Man muss nicht nach Russland oder Afrika schauen, um Schwerstarbeit in Aktion zu sehen, nicht mal zur VOEST – ein Blick auf die zahlreichen Wiener Baustellen reicht.

 

Work Hard Play Hard

Deutschland 2012. Regie & Buch: Carmen Lossmann.

Immer top motiviert, immer auf dem neuesten Stand, jedem Trend hinterher, preußisch auf zack roboten und auch noch glücklich dabei: Das wird Menschen in der heutigen Arbeitswelt abverlangt. Wer nicht spurt, fällt raus. Und bitte, darf’s noch ein bisserl mehr Leistung sein?

Ein verrücktes und erschreckendes Sittenbild – bis man wieder im eigenen Büro ist.

Legendär: Zum Beispiel die bereits im Trailer auftauchende Szene, in der eine sagt, am Vortag sei sie glücklicher gewesen, denn: „Da war ich nicht hier“, im Betrieb.

Trivia: Die AK bietet hier erste Tipps bei psychischen Belastungen am Arbeitsplatz.

Die Schau „Work it, feel it!“ läuft bis 10. September in der Kunsthalle Wien Karlsplatz. Details zum Programm gibt es hier.
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