Pole-Dance vs. Japan-Bondage

Erotische Bewegungen, knappe Outfits, Seile und eine Stange. Beim diesjährigen Impulstanz verschwimmen die Grenzen zwischen den darstellenden Künsten und dem da zwischen den Beinen. Vor allem in den Workshops. Mehr dazu gibt es im Interview mit dem künstlerischen Leiter Rio Rutzinger.

Seit drei Jahrzehnten finden jährlich die Internationalen Tanzwochen in Wien statt. Zeitgenössische Bewegungen ästhetischer Körper dienen als Ausdruck von Emotion im Dialog mit der Musik. Ein breites Spektrum an Tanzwerkstätten lädt dazu ein, mit seinem Körper zu experimentieren und ihn auf unerwartete physische Reisen zu schicken. Diejenigen, die lieber beim Tanzen zusehen als selbst ins Schwitzen zu kommen werden mit neuen Zugängen zum klassischen Ballett beglückt. Wer von Tschaikowskis konventionellen Inszenierungen des Balletts »Schwanensee« schon ziemlich gelangweilt ist, der darf aufatmen. Gründer und afrikanischer Meister-Choreograph Dada Masilo schafft temperamentvoll-empathische Bewegungen zur ursprünglichen Musik. »Black Swan« quasi.

Neben klassischen Tanz-Workshops wie Hip Hop, Ballett oder Modern Jazz, können Besucher sich auch an exotischeren Bewegungen versuchen. Beim »Liquid Dance« soll man auf seine Biomechanik einmal vergessen und sich wie der Fluss des Wassers bewegen. In »Becoming Animal« darf man zum Tier werden und bei »Dance & Silks« versuchen an von der Decke herunterhängenden Seidentüchern hoch und herunterzuklettern, sich einzuwickeln und dabei auch noch graziös zu wirken.

Das Programm ist anspruchsvoll und eher nichts für Ungelenkige. Rio klärt uns darüber auf, was der Tanz an der Stange mit Kunst zu tun hat und welche Trends im heutigen Tanzszene angesagt sind.

Der diesjährige Aufruf beim Impulstanz regt zum freien Bewegen auf kleinem Raum ein. Gibt es überhaupt Regeln im Ausdruckstanz?

Ha! Viele! Und heikel sind wie immer die ungeschriebenen…

Eine meiner Hauptbegeisterungen über den Zeitgenössischen Tanz ist aber tatsächlich, dass er zuerst mal zuhört. Es geht um die Personen, um Sensibilität, um eine Idee. Es geht nicht darum, die oder der Beste zu sein, sondern darum, sich über etwas Gedanken gemacht zu haben und dies teilen zu wollen. Und deswegen wird sich der Zeitgenössische Tanz auch immer einen Platz finden. Er will unbedingt gemacht werden und braucht dafür nicht unbedingt die große Theatermaschine. Mehr und mehr geht es um soziale, um gesellschaftliche Inhalte.

All that said, gehe ich trotzdem gern zu Akram Khan ins MQ, oder heuer zu DV8 ins Akademietheater – Virtuosität ist so Old School, macht aber ab und an einfach Freude.

Was sind die derzeitigen Entwicklungen und gegenwärtige Trends in der Live-Performance?

Die »Live Arts« sind lustig. Die Wiener Staatsoper ist grad die erste, die live in HD streamt (Oper aufm Smartphone? Hallo?!), das Konzerthaus hat seine größten Erfolge mit einem Sporttrommler (und, ja, Grubinger kann’s!), Theater hat dank Festwochen momentan endlich wieder inhaltliche Schlagzeilen, bleibt aber formal – wie ich finde – im Großen und Ganzen sehr konservativ. Und damit zumindest in Europas Metropolen gut besucht. Nur der Tanz wendet sich ab vom Tanz, geht in die Museen (MoMA, Pompidou, Tate Modern – alle machen sie momentan Performances), auf die Straße (aktivistisch engagiert oder populistisch als Flashmob) oder in ehemalige Fabriken und Lagerhallen (in die künstlerische und organisatorische Unabhängigkeit). Auch wenn das akut manchmal ein wenig schwierig fürs Publikum ist – ich finde dieses Suchen nach neuen Gegenübern superspannend.

Worauf musst du als künstlerischer Leiter ein besonderes Augenmerk legen? Gibt es dieses Jahr einen roten Faden?

Bei ImPulsTanz finden sich die Fäden immer erst, nachdem das Festival fertigprogrammiert ist. Da wir im Tanzbereich generell sehr kurzfristig agieren, finden wir es eher einschränkend, Stücke zu suchen, die zu einem Thema passen. Wir schauen in unserem kuratorischen Team etliche 100 Stücke an (live und auf Video), reden viel mit den Künstler und Künstlerinnen, und versuchen dann anhand des Erlebten Kontexte zu schaffen, mögliche Gegenüberstellungen vorzuschlagen. Das kann innerhalb des Oeuvres eines Künstlers passieren. Heuer z.B. zeigen wir das aktuelle Werk von Chris Haring »Liquid Loft« und auch ein älteres, um eine Entwicklung aufzuzeigen. Das passiert auch oft, indem Künstler und Künstlerinnen eine Arbeit zeigen, im Rahmen von Workshops aber auch ihre Arbeitsweise vermitteln (heuer z.B. Meg Stuart oder Lloyd Newson).

Was bedeutet das Motto beim Impulstanz 2014 »Who is who«?

Ein Festival, finde ich, hat immer den Auftrag, ansonsten selten bis nie Gesehenes in die Stadt zu bringen. Und es soll ein Fest sein. Und mit Leuten wie Alain Platel, Mathilde Monnier, Dada Masilo, Doris Uhlich, Jillian Peña, Ismael Ivo, Amanda Piña oder die oben genannten Chris Haring, Meg Stuart und Lloyd Newson lässt sich gut feiern: ihre Kunst, aber auch ihr Zugang zur Kunst, ihre Leidenschaft, ihr Brennen für ihre Arbeit, oft ihre kollektive Arbeit. Klar, ein »Who Is Who« ist wichtig für die PR, aber das Geile an unserer Szene ist, dass im Gegensatz zu Kultur mit Zugang zum großen Geld bei uns die Stars nicht im Le Méridien sitzen, sondern mit uns in der festival lounge, in der Wiese vorm Burgtheater Vestibül.

Bild(er) © Ines Gerber Andreas Waldschütz Patrick Siboni Maxyme G. Delisle Andreas Waldschütz Karolina Miernik John Hogg Urmeneta Ottiker
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