Grace/ Confusion

Memory Tapes ist der wohl beste Bandname dieses jungen Jahrzehnts, eine ideale Projektionsfläche, eine endlose Wunderschleife. „Grace/ Confusion“ ist das nicht.

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Vor einem Jahr blickten die Kinder der »Midnight City« im gleichnamigen M83-Video in eine ungewisse und blass schillernde Zukunft, standen im Zentrum der Tabula Rasa, an einem Neuanfang, vor einem Aufbruch ins Ungewisse, um sie die strahlende Nacht. Die Töne dazu waren vertraut und standen in einer eigenartigen Spannung zur Unruhe der Bilder. Andere Videos zündeten Leuchtfeuer, Signallampen zur Orientierung, Menschen vermummten sich darin oder inszenierten namenlose Aufstände.

Letztes Jahr, da war die Chillwave zerbrochen, aber schlafwandlerisch in Hauntologic Pop übergegangen. Das Spiel mit den Geistern der Vergangenheit war also noch nicht vorüber. Girls, Yuck, Deerhunter und natürlich Lana Del Rey fanden jeweils eigene Sounds für die Träume vom Gestern. Zum Glück waren da aber auch noch Künstler, die das Wort Retro von jedem muffigen Beigeschmack befreiten. Sie spiegelten den Sound des Kapitalismus gegen sich selbst, seine Zeichen und Symbole, sie verarbeiteten sie, transzendierten sie und schufen daraus großartige Musik, und ja, damit auch Kunst – James Ferraro, Destroyer, Oneohtrix Point Never und Oval gleichermaßen. Die Leitbegriffe der beginnenden Zehner Jahren waren hier besonders einleuchtend hörbar: Marktversagen, Gedächtnis und Wiederaufbau.

Memory Tapes gehörte auch einmal zu denen, die den Zeitgeist in aufregende Töne übersetzten. Das Debüt „Seek Magic“ fing diese von Nostalgie besoffenen Tage ganz heißkalt ein. Zwei Jahre später klingt die Band so, als ob HipHop nie passiert wäre, oder Dubstep, oder überhaupt die letzten zwanzig Jahre. Junge, so war das nicht gedacht. Dass die 80er nicht so total cool waren, sollte man heute wirklich nicht mehr wiederholen müssen. Twin Shadow und M83 bekommen das so irgendwie hin. Auch wenn man sich bessere Dinge vorstellen kann, als ihre kunstvolle Traditionspflege. Memory Tapes darf man nach „Grace/ Confusion“ dagegen gerne einmotten.

PS: Diese Review ist ein Plagiat der Review zu Emeralds „Just to Feel Anything“ hier.

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