Jim

Vorwärts zum Rückwärts zum Vorwärts

Für sein drittes Soloalbum gräbt sich Jamie Lidell noch tiefer in die Vergangenheit vor. Er, und mit ihm ganz England, quillt gerade über vor lauter Soul.

2005 stand Jamie Lidell mit seinem rauschend gefeiertem Album „Multiply” noch so gut wie alleine da. Es war beseelt von der Suche nach dem perfekten Song. Und dafür standen zwei fast gegensätzliche Einflüsse Modell: die Musik, mit der sich Jamie Lidell seine Sporen verdiente – technoides Dekonstruktionsgewitter – und jene Musik, die er inzwischen am liebsten hörte – Soul und Funk. Diese vereinten sich auf „Multiply” ungemein flüssig. Es gab aber auch Songs, die sich mehr wie eine charmante Hommage an Motown oder Sly Stone anhörten und kaum noch elektronisch verfremdet waren. Zwei Jahre später erspielte sich auf genau diesem historienverliebten Terrain Amy Winehouse sechs Grammys, Frauen wie Duffy und Adele schlichen sich kurz darauf mit poppigem Soul an die Spitze der englischen Charts. Und schon wird von einem britischen Soul-Wunder geredet. NuRave und Indiestream würden sich nicht mehr in die Ohren ihrer Hörer sprengen können. In diesem Moment betritt „Jim“ die Bühne.

„Jim“ hat die Ironieklappen geschlossen. Stattdessen bietet das Album zehn geradlinige Songs mit klassischem Aufbau, echten Instrumenten und wenig, was sie von ihren Vorbildern unterscheidet; glücklicherweise auch was die Stärke des Songwritings betrifft. Außerdem ist da noch Jamie Lidells unverkennbare Stimme, die sich ständig wie verdichtete Energie aus seinem Körper presst und mit Schlenkern und Jauchzern die Richtung des Songs dirigiert. Die Liebe zur Musik dringt überhaupt aus jeder Pore des Albums. Doch warum ist „Jim“ so retro und gar nicht mehr futuristisch geraten? Ein Interview in /The Fader/ legt nahe, dass sich Jamie Lidell absichtlich auf seine schmeichlerische Seite beschränkte; auch weil ihm klar war, dass mit seltsamen Geräuschen aus alten Computern kein Dollar zu verdienen ist. Die feinen Brechungen von „Multiply” hat das Album deshalb leider eingebüsst. Sehr weite Kreise wird „Jim“ trotzdem ziehen, auch weil sich Jamie Lidell sowohl als schrulliger Brillenträger als auch als unrasiertes sexy Werbemodell – von H&M bis Hugo Boss – inszeniert. Und wie immer gilt: möglicherweise motiviert das Album außerdem ein paar Leute, eine der Vorlagen – Otis Redding, Nina Simone, Prince oder auch Al Green – aus dem digitalen Plattenregal zu ziehen.

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