Meine Nachbarin, der Künstler, die Blumen und der Revolutionär

Surreal zerschnippelte Schweizer Avantgarde

Dem kleinen Martin sind die Passagen seines Romans durcheinander geraten. Kannst du ihm helfen, die Geschichte zu ordnen? So eine Kinderrätselanweisung kommt einem vielleicht in der ersten Verwirrung über die ungewöhnliche Anordnung des Buches in den Sinn. Das als Roman ausgewiesene Werk von Martin Felder, Meine Nachbarin, der Künstler, die Blumen und der Revolutionär handelt von wenig anderem das im Titel bezeichnete. Und doch beinhaltet es jede Menge. Alltagsbeobachtungen scheinen dadaistisch zusammengeschnippelt, die Perspektive verliert sich in einem Wortspiellabyrinth. Der Twitter-Shootingstar Eric Jarosinski alias Nein, Quarterly hätte die reinste Freude an den klugen deutschen Wortspielen in diesem Büchlein und Salvador Dalí wäre inspiriert zu einem Bildband. Mit liebevollem Blick für das Absurde beobachtet auch der Protagonist seine Umgebung – selbst wenn er zu Hause sitzt. Zum Beispiel den Bewohner des gegenüberliegenden Gebäudes, der ein Künstler sein muss. Schließlich beginnt der Künstler die Texte des Protagonisten zu lesen und rät ihm, eine Geschichte zu schreiben, die verständlich ist. In asthmatisch-kurzen Episodenhustern schreibt der namenlose Hauptdarsteller also Begebenheiten nieder. Die im Titel ersichtliche Bezeichnung Roman ist also halbdurchlässig. Versteht man doch darunter eine längere, zusammenhängende Erzählung um einen oder mehrere Protagonisten, die im Laufe dieser Erzählung eine Entwicklung durchmachen. Hier fehlt es in beiden Ecken ein bisschen. Der im Buch beschriebene Schriftsteller, dessen Kunst darin zu bestehen scheint, dass er seine gewollte Kunst, nämlich Romane zu schreiben, nicht ausüben kann, steht am Schluss der Geschichte noch am selben Ort wie davor. Er schreibt noch immer Einzelsätze, hat noch immer nicht gefunden, was er wirklich will und sucht – suchen tut er wohl am ehesten einen Inhalt für sein Leben. Übrig bleibt eine neuartige Form von Literatur, sprachlich gekonnt umgesetzt. Martin Felder sprengt die Romangenregrenzen in die Welt unserer kurzatmigen Textlichkeit und sendet fein beobachtete Alltagsszenen als literarische Ideen via SMS. Viele davon haben das Zeug zum T-Shirt-Bedrucken oder zur Aufnahme in spätere Aphorismensammlungen. Absurd-real oder kompakt- zersplittert sind im Eigentlichen keine Widersprüche in diesem Buch.

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