Boxer

Eine Grundregel bei Boxern besagt, nach jedem Knockdown wieder aufzustehen. The National hingegen empfehlen erst mal das große Liegenbleiben: „Stay down champion stay down. Let them all have your neck.“ Angesichts der ringsum geforderten Steherqualitäten eine fast subversive Erkenntnis, denn wahre Größe, davon wissen Tocotronic ebenfalls ein Lied zu singen, strahlt auch in kompetenter Kapitulation. […]

Eine Grundregel bei Boxern besagt, nach jedem Knockdown wieder aufzustehen. The National hingegen empfehlen erst mal das große Liegenbleiben: „Stay down champion stay down. Let them all have your neck.“ Angesichts der ringsum geforderten Steherqualitäten eine fast subversive Erkenntnis, denn wahre Größe, davon wissen Tocotronic ebenfalls ein Lied zu singen, strahlt auch in kompetenter Kapitulation. Aufstehen kann man immer noch. So wie The National selbst, deren Story sich wie das Skript zu einem Film liest: Früher als Webdesigner gut verdienend tourte sich die Band Schritt für Schritt wieder nach oben.

Zur Qualität ihres mittlerweile vierten Albums ist nichts weiter zu sagen, als dass es wie seine Vorgänger schlicht und einfach großartig ist und von einer Intensität, die ab der ersten Strophe süchtig macht. Die New Yorker Ausnahmeerscheinung wird – das zur Erklärung – seit jeher von Kritikern und ihrer stetig wachsenden Fangemeinde, die der Band den längst fälligen großen Durchbruch wünscht, glühend und meist mit Tränchen in den Augenwinkeln verehrt.

Und es gibt, wie man es von The National gewohnt ist, auch auf „Boxer“ keine Halbheiten. Mit mitreißender Melancholie und literweise Herzblut errichten sie ihr eigenes Melodienreich aus echtem Pathos, großen Momenten und ebensolchen Songs, denen man sich nur schwer entziehen kann. Selbst reichlich abgenützten Vokabeln wie „ergreifend“ und „authentisch“ verleiht die Band neuen Sinn und Glanz. Was der fünfköpfigen Combo und ihrer brillanten Mischung aus Pop und Folk – diesmal kräftig von Streichern, Bläsern und Gästen wie Sufjan Stevens unterstützt – an Glamour fehlt, macht sie mit Tiefgang und dunkelfarbener Romantik mehr als wett. Matt Berningers sonores Organ ist in Hochform und erzählt mit unprätentiöser Poesie, starken Metaphern und abgeklärter Heiterkeit von selbst erfahrenen und beobachteten Lebens- und Liebesgeschichten in Schieflage, die sich in nächtlichen Straßen und schmierigen Hinterzimmern ereignen. Sie werden adäquat übersetzt in asynchrone Rhythmen und asymmetrische Songs, die lebensnah zwischen hell und dunkel changieren. Doch statt verbitterter Resignation – und das ist der Unterschied zu Düstercombos wie den Tindersticks, mit denen man The National gerne vergleicht – siegt am Ende doch die Fröhlichkeit, das Lachen der Gewissheit und der Trost sinnlicher Freuden.

The National klingen auf genuine Weise uneitel und unaufdringlich erwachsen. Sie präsentieren jene unbeirrbaren Romantiker und Querköpfe, die es eigentlich schon längst besser wüssten, aber trotzdem konsequent den falschen Ausgang wählen. Scheitern als schöne Kunst betrachtet: Der Letzte macht dabei das Licht aus und eine der absolut wunderbarsten Platten des Jahres an. Willkommen im „Fake Empire“, Sie werden es nicht bereuen!

The National sind am 24. November live in der Szene Wien zu sehen.

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