Reza Rasouli möchte keine »Geflüchteten« zeigen, »sondern Menschen mit Humor, Angst, Müdigkeit, Stolz und Widersprüchen«. In »Night of Passage« stellt er seine Protagonist*innen vor schwierige moralische Entscheidungen, die auch das Publikum nicht kalt lassen. 2025 gewann er damit bei der Diagonale den Preis für den besten Kurzfilm und den Publikumspreis beim Filmfestival Max Ophüls Preis. Nun ist der Film in der Cinema Next Series kostenfrei zu streamen. Im Interview erzählt Reza Rasouli, was ihn zu der Geschichte inspirierte und wie er die Dreharbeiten meisterte.

»Night of Passage« ist die nächste Veröffentlichung in der Cinema Next Series, die regelmäßig auf der Streamingplattform Kino VOD Club kostenlos spannende Filme von heimischen Filmtalenten präsentiert.
In deinen eigenen Worten: Worum geht es in »Night of Passage«?
Reza Rasouli: »Night of Passage« erzählt von drei jungen Freund*innen aus Teheran, die in einer regnerischen Nacht über eine Schlepperroute Richtung Österreich unterwegs sind. Als einer von ihnen nicht mehr weiterkann, wird die Flucht zu einer moralischen Entscheidung: Bleiben sie bei ihrem Freund oder gehen sie weiter, um selbst zu überleben? Für mich geht es im Kern nicht nur um Migration, sondern um Überleben. Ich wollte eine Situation zeigen, in der sich jeder fragen kann: Was würde ich tun, wenn ich an ihrer Stelle wäre?
Wie kamst du ursprünglich zum Filmemachen? Gab es einen bestimmten Moment oder Film, der dein Interesse auslöste?
Mein erster richtiger Kontakt mit Kino war mit neun Jahren, bei einem Schulausflug. Als ich in den Saal kam, lief ich sofort zur Leinwand, weil ich sie anfassen wollte. Für mich war es zuerst nur ein großes weißes Tuch. Dann ging der Projektor an, Licht fiel darauf, und plötzlich wurde daraus eine ganze Welt. Das war wie Magie. Später kam auch das Theater dazu. Dort lernte ich, wie viel ein Körper, ein Blick oder eine Pause erzählen kann. Ich glaube, Kino begann für mich genau da – aus dem Wunsch heraus, Menschen zu verstehen, besonders dann, wenn sie nicht sprechen. Denn Stille hat keine Grenze. Sie braucht keine Sprache. Es ist egal, aus welchem Land oder welcher Kultur man kommt, einen Blick oder eine Pause können oft alle verstehen.


»Night of Passage« wirkt wie ein sehr persönlicher Film. Wie kamst du auf diese Geschichte und was daran ließ dich nicht mehr los?
Ich begann nicht mit dem Thema »Flucht«, sondern mit einer Frage: Was passiert, wenn sich ein Mensch zwischen dem eigenen Überleben und der Loyalität zu einem geliebten Menschen entscheiden muss? Diese Frage ließ mich nicht los. Danach suchte ich nach einer Situation, in der dieses Dilemma wirklich stark und konkret wird. Eine illegale Flucht – nachts, im Wald, mit Angst vor Polizei und Schleppern – schien mir, diese Frage sehr klar zu vermitteln. Gleichzeitig habe ich seit meiner Ankunft in Österreich viele Geschichten von Geflüchteten gehört. Der Film basiert nicht auf einem konkreten Fall, aber auf vielen Eindrücken, Gesprächen und Gefühlen.
Der Film wird von drei großartigen Schauspieler*innen getragen. Kannst du uns etwas über die Zusammenarbeit erzählen? Wie habt ihr euch gefunden?
Das Casting war schwierig, weil der Film auf Farsi ist und die Sprache sehr natürlich klingen musste. Wir suchten über Instagram, fragten viel herum und nutzten persönliche Kontakte. Am Ende trafen wir uns in Ludwigsburg und probten gemeinsam eine Schlüsselszene. Mir war wichtig, dass die drei nicht einfach »Geflüchtete« spielen, sondern Menschen mit Humor, Angst, Müdigkeit, Stolz und Widersprüchen. Schon bei dieser Probe hatte ich das Gefühl, dass zwischen ihnen etwas lebt und dass sie diese Freundschaft tragen können.
Wie sah euer Prozess am Set aus? War vieles genau geplant oder sollte bewusst Raum für Improvisation bleiben?
Sehr vieles war genau geplant. Ich wollte mit langen Einstellungen, einer nahen Kamera und viel körperlicher Spannung arbeiten. Deshalb besuchten mein Kameramann Konstantin Johann und ich die Drehorte oft und bereiteten die Bewegungen genau vor. Aber mit den Schauspieler*innen probte ich nicht nur Dialoge. Wir sprachen viel über die Figuren, ihre Entscheidungen und die emotionale Situation. Am Set gab es dann innerhalb dieser klaren Form Raum für Pausen, Blicke, körperliche Reaktionen und kleine Veränderungen. Für mich bedeutet Improvisation nicht Chaos, sondern dass Leben in eine geplante Form kommt.
»Night of Passage« ist emotional sehr intensiv – nicht nur für das Publikum, sondern vermutlich auch während der Dreharbeiten. Wie seid ihr als Team mit dieser Belastung umgegangen?
Die Dreharbeiten waren für alle sehr intensiv. Wir drehten acht Tage, oft nachts, im Wald und unter schwierigen Bedingungen. Einige Szenen waren körperlich und emotional sehr belastend. Einmal hatten wir nur einen wirklich brauchbaren Take und die Schauspieler*innen waren schon am Ende ihrer Kräfte. Ich musste entscheiden, ob ich noch mehr Druck mache oder den Take akzeptiere. Ich entschied mich aufzuhören. Der Film war mir sehr wichtig, aber nicht wichtiger als die Menschen am Set. Ich glaube, diese Verantwortung gehört auch zur Regiearbeit.
Was willst du den Zuschauer*innen mit deinem Film mitgeben? Gab es Reaktionen aus dem Publikum, die dich besonders berührt oder überrascht haben?
Ich wollte den Zuschauer*innen keine fertige politische Botschaft geben. Mir war wichtig, dass sie diese drei Menschen nicht als Zahl, Nachricht oder »Problem« sehen, sondern als Menschen. Auch wenn jemand noch nie hat flüchten müssen, kann er oder sie vielleicht die Frage nachvollziehen: Wie weit gehe ich, um zu überleben? Und was passiert mit Freundschaft und Loyalität in so einem Moment? Besonders berührten mich Reaktionen von Menschen aus sehr unterschiedlichen Ländern, die sagten, dass sie sich in die Figuren hineinversetzen konnten. Auch der Publikumspreis beim Filmfestival Max Ophüls Preis war deshalb sehr wichtig für mich.
Dein neuer Kurzfilm »Found & Lost« feierte heuer seine Premiere bei der Diagonale. Worum geht es darin und wie unterscheidet sich die Arbeit an diesem Film von der an »Night of Passage«?
»Found & Lost« erzählt von Tamim, einem 70-jährigen Migranten, der als Toilettenreinigungskraft in einem bekannten Wiener Nachtclub arbeitet. Er findet eine Geldbörse, verliert diese aber wieder und gerät dadurch in Konflikt mit deren Besitzer, seinem Arbeitgeber und einem sehr kalten, regelhaften System. Im Vergleich zu »Night of Passage« ist der Film urbaner, trockener und stärker im Alltag verankert. »Night of Passage« ist Nacht, Wald, Flucht und körperlicher Druck. »Found & Lost« ist Wien, Arbeit, Scham und soziale Ordnung. Aber in beiden Filmen interessieren mich Menschen, die unter Druck geraten und trotzdem versuchen, ihre Würde zu behalten.
Arbeitest du bereits an einem neuen Filmprojekt? Kannst du schon etwas darüber verraten?
Ich habe unlängst einen neuen Kurzfilm gedreht: »Baby Fever«. Der Film ist gerade in der Postproduktion und fast fertig. Für mich war das eine Möglichkeit, einen neuen Raum und einen anderen Ton auszuprobieren. Parallel dazu arbeite ich seit letztem Jahr an meinem ersten Langfilm »Roots & Wind / Wurzeln und Wind«. Mit diesem Projekt wurde ich als BMWKMS-Startstipendiat 2025 ausgewählt, wodurch ich das Drehbuch weiterentwickeln konnte. Es ist ein Ensemblefilm über eine jugendliche Beziehung zwischen zwei Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln sowie über zwei Familien, die aus verschiedenen Welten kommen, unterschiedliche Ängste und Vergangenheiten haben. Mich interessieren dabei Zugehörigkeit, Familie, Kontrolle, Körper und das Recht, über das eigene Leben zu entscheiden.

Eine Interviewreihe in Kooperation mit Cinema Next – Film Talents Austria.