»Im Sog der Bilder« – Lorenz Tröbinger im Interview zu »Die Noonautinnen«

Lorenz Tröbingers Kurzfilm »Die Noonautinnen« begibt sich auf die Suche nach dem tiefsten Punkt des Unter­bewusst­seins. Inspiration schöpft der Regisseur auch aus seinen eigenen Kind­heits­erinnerungen. Der Kurz­film feierte 2025 seine Welt­premiere beim Crossing Europe Festival in Linz, nun ist er in der Cinema Next Series kostenfrei zu streamen. Im Inter­view erzählt uns der Filme­macher, wie die traum­artigen, gezeichneten Sequenzen in seinem Film entstanden sind und welche Bedeutungen sie bergen.

© Lorenz Tröbinger — Die Protagonistinnen auf der Suche nach dem tiefsten Punkt des Unterbewusstseins.

»Die Noonautinnen« ist die nächste Veröffent­lichung in der Cinema Next Series, die regel­mäßig auf der Streaming­plattform Kino VOD Club kostenlos spannende Filme von heimischen Filmtalenten präsentiert.

In deinen eigenen Worten: Worum geht es in »Die Noonautinnen«?

Lorenz Tröbinger: Um die Reise zweier Psychologinnen zum tiefsten Punkt des Unter­bewusst­seins und um die Frage, ob es diesen Punkt, also einen Kern des Selbst, über­haupt gibt.

Der Begriff der Noosphäre spielt im Film eine zentrale Rolle. Was be­deutet dieses Konzept für dich und wie bist du darauf gestoßen?

Das Wort kommt vom griechischen nous, was »Geist« oder »Verstand« bedeutet, und ist, grob gesagt, das Pendant zur Biosphäre, also das Netzwerk des menschlichen Geistes. Die ge­naue Herkunft des Begriffs ist nicht ganz klar – und auch wie er verwendet wurde, war nicht einheitlich. Einerseits ist er vom christlichen Theologen Pierre Teilhard de Chardin geprägt worden, der ihn dann auch im christ­lichen Kontext ge­lesen hat. Anderen Quellen zufolge hat ihn aber ein sowjetischer Geologe namens Wladimir Wernadski als Erster verwendet – mit wieder sehr anderer Bedeutung. Ich ver­wende den Begriff als Synonym für das kollektive Unter­bewusst­sein mit dem Zu­satz, dass in der Welt der Noo­nautinnen eine Verbindung zwischen allen Menschen auf dieser Ebene besteht, es also tatsächlich ein Netzwerk des Geistes ist. Ursprünglich stieß ich, so glaube ich mich zu erinnern, vor vielen Jahren bei Recherchen zu einem Lang­film­dreh­buch auf den Begriff. Bei diesem Projekt ging es zwar um etwas anderes, aber das Thema kam damals schon auf.

Was war der Ausgangspunkt für die Geschichte? Gab es einen konkreten Gedanken, ein Bild, eine Erfahrung, die das Drehbuch anstießen?

Einer der ersten Gedanken war, dass ich einen Film machen wollte, der sich gegen die filmische Regel »Show, don’t tell« zur Wehr setzt. Die ist eh nützlich, aber gleich­zeitig unter­schlägt sie, dass oft die spannendsten Momente in einem Film die sind, wenn jemand etwas erzählt, erklärt oder beschreibt und man es eben nicht sieht. Deshalb schrieb ich zuerst den Text, auch wenn er danach noch viele Über­arbeitungen und Weiter­entwicklungen durch­machen sollte. Da war dann auch schnell klar, dass ich mit Zeichnungen arbeiten möchte, weil sie gerade genug zeigen, um visuell spannend zu sein, aber nicht so viel, dass sie vom Text wegnehmen oder ablenken würden.

Welche filmischen, literarischen oder künstlerischen Einflüsse begleiteten dich bei der Ent­wicklung des Films?

Ein starker Einfluss war natürlich »La Jetée« von Chris Marker, weil ich dadurch wusste, dass ein Film aus Stand­bildern und getragen von einer erzählenden Stimme funktionieren kann. Visuell waren die Kohle­arbeiten von Miriam Cahn eine große Inspiration für mich während des Schreibens, vor allem das Bild »So konnten wir im Traum das Dorf retten«. Auch wenn wir uns dann dafür entschieden, die Zeichnungen für den Film weniger abstrakt zu gestalten. Die Musik ist stark von Pauline Oliveros und ihrem Konzept des »Deep Listening« beeinflusst. Julian Muldoon, der die Film­musik gestaltete, fand dann aber noch einmal seinen ganz eigenen Zu­gang dazu. Literarische Vorlagen für den Text waren der Brief­roman und seine Erzählung in der ersten Person, insbesondere im Kontext der Gothic Novel, also »Franken­stein«, Lovecraft und so weiter. In diesen Texten berichtet auch oft jemand über ein unerklär­liches Erlebnis in der Vergangenheit, dem diese Person nur knapp ent­kommen konnte.

Mit verbundenen Augen, in einem Setting aus erdigen Brauntönen …
… zeichnet die junge Psychologin ihr Innenleben. Filmstills aus »Die Noo­nautinnen« © Lorenz Tröbinger

Die Zeichnungen von Toni Trauner prägen die Bildsprache des Films maß­geblich. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit und wie gestaltete sich die gemein­same Ent­wicklung der visuellen Welt?

Toni arbeitete vor über zehn Jahren bei einem meiner ersten Kurzfilme als Storyboard-Artist und Regie­assistent mit­gearbeitet. Schon damals er­kannten wir, dass uns eine ähnliche Beziehung zum »Fantas­tischen« im Film, in der Literatur et cetera verbindet. Seit damals sind wir zu engen Freunden geworden und arbeiten bei den meisten meiner Projekte in irgend­einer Form zusammen. Das Tolle an der gemein­samen Arbeit war, dass wir viel aus­probieren konnten, weil Toni schon früh mit den Zeichnungen begann. Es gab zum Beispiel schon vor dem Dreh einen ersten »Schnitt« des Filmes, nur mit den Zeichnungen. So sahen wir, was funktioniert und wo es vielleicht noch etwas anderes oder zusätzlich braucht. Als dann nach dem Dreh das Material zurückkam, mussten wir das fast nur mehr in den bestehenden Schnitt einfügen beziehungs­weise Platz­halter ersetzen und konnten uns auf das Fine­tuning konzentrieren.

Der Film arbeitet mit einer sehr besonderen Farbwelt und einer traum­artigen Atmosphäre. Welche Über­legungen standen hinter dieser ästhetischen Entscheidung?

Simone Hart, die bei dem Film Kamera gemacht hat, und ich überlegten lange, mit welchen Farben und Texturen wir die Geschichte erzählen wollen. Die erdigen Brauntöne waren sehr früh eine Idee von uns. Der Dreh­ort, den die Szenen­bildnerin des Films, Viktoria Schindler, fand, gab dann auch noch einmal einiges vor, und mit vielen Stoff- und Papier­proben er­arbeiteten wir das dann gemeinsam im Detail. Wir kämmten teil­weise sogar den Teppich­boden in eine bestimmte Richtung, weil so die Farbe noch ein wenig besser zum Konzept passte. Hinter diesen ästhetischen Ent­scheidungen und auch hinter der Grundsatz­entscheidung, auf 16-Millimeter-Film zu drehen, stand die Absicht, die Ebene der Zeichnungen und jene der Real­bilder durch Farben und Texturen aneinander anzugleichen, damit der Film nicht auseinander­fällt, sondern man immer im Sog der Bilder und Eindrücke bleiben kann.

Manche Szenen wirken beinahe wie Erinnerungen oder Träume. Welche Rolle spielen Traum­logik und Imagination in deinem Erzählen?

Tatsächlich sind auch einige der Szenen Kind­heits­erinnerungen von mir – etwa der Aschen­becher oder das Gesicht in den Bäumen. Beim Schreiben versuchte ich, mir diese »kontext­losen« Erinnerungen ins Bewusst­sein zu holen. Und auch wenn ich nicht genau sagen könnte, was sie verbindet, habe ich das Gefühl, dass sie irgend­wie thematisch verknüpft sind. Im Fall von »Die Noo­nautinnen«, wo das Träumen und Imaginieren Teile der Handlung sind, spielen diese Aspekte sicher eine große Rolle. Aber gleich­zeitig sind sie einge­bettet in eine »reale« Handlung, bei der es für mich sehr genaue und rationale Gründe für alles gibt, was die Personen tun, auch wenn sie für das Publikum nicht unbedingt klar ersicht­lich sind.

Woran arbeitest du derzeit? Gibt es Themen aus »Die Noo­nautinnen«, die dich weiterhin beschäftigen?

Ich habe mehrere Langfilmstoffe in verschiedenen Stadien der Ent­wicklung und schreibe auch an Theater­produktionen. Außerdem arbeite ich an einem Computerspiel, das hoffentlich im Laufe der nächsten ein bis zwei Jahre fertig werden wird. Aber das fällt – leider noch mehr als Film – in die Rubrik Langzeit­projekt. Ein Thema, das mich bei »Die Noo­nautinnen« sehr beschäftigt und das in eigentlich allen meinen Arbeiten vorkommt, ist die Konfrontation mit dem großen Geheimnis. Dem, was wir nicht erklären oder beschreiben können. Im Fall von »Die Noo­nautinnen« ist es die Leerstelle in uns selbst, die aber auch für die Leerstelle in allem steht. Wenn man genau genug schaut, merkt man eigentlich bei allem, wie schnell unser Verstand an die Grenzen von dem stößt, was wir rational begreifen können, und wie schnell die Kategorien, in denen wir oft denken, versagen.

Lorenz Tröbinger, in Linz geboren und aufgewachsen, hat bildende Kunst beziehungs­weise Kunst und digitale Medien an der Akademie der bildenden Künste in Wien und zudem ein Jahr am Central Saint Martins College of Art in London studiert. Seit 2013 arbeitet Lorenz als freier Filme­macher an Auftrags­arbeiten und Kurz­filmen (etwa »Wattmarck«, 2017). Er ist als Filme­macher sowie Darsteller Mitglied des Theater­ensembles Nesterval.

Eine Interviewreihe in Kooperation mit Cinema Next – Film Talents Austria.

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