Schnappschuss – »Blumenverkäufer vor dem Ponte Vecchio«

Kann ein Reisefoto anonymer Herkunft Kunst sein? An diese Frage schließt eine lange Kette von Diskursen rund um Intentionalität, Rezeption und Autor*innen­schaft an.

© ­­Anonym »Blumenverkäufer vor dem Ponte Vecchio in Florenz«, 1907 bis 1930, Albertina Wien / Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt

Als das ausufernde Lebenswerk der US-amerikanischen Fotografin Vivian Maier Ende der Nuller­jahre viral ging, begannen die Feuilletons zu rotieren: Wie hatte eine so talentierte Street-Fotografin mit Aber­tausenden teils brillanten Aufnahmen bis dahin völlig unbekannt sein können? Was hatte dazu geführt, dass sie ihren Lebens­abend isoliert in einer voll­geramschten Wohnung in Chicago ver­bringen musste? Wer hat nun das Recht ihren Nachlass zu besitzen, zu ver­markten? Und vor allem: Wie ist das alles kunst­historisch ein­zuordnen? Wenn eine Künstlerin Zeit ihres Lebens nur für sich selbst fotografiert, ihre Ab­züge niemals anderen Menschen gezeigt und oftmals Filme gar nicht erst ent­wickelt hat, kann sie dann überhaupt als Künst­lerin gelten?

Roland Barthes und sein »Tod des Autors« werden gerne miss­verstanden. Viele glauben, es sei ihm darum gegangen, die Be­deutung von Autor*innen­schaft grundsätzlich abzustreiten. Also zu behaupten, dass die Intention hinter einem Kunstwerk völlig irrele­vant sei, dass nur ent­scheidend sei, wie es rezi­piert werde. Tatsächlich ist es ihm aber in erster Linie um die Lösung eines literatur­kritischen Problems gegangen: Wenn wir nie mit hundert­prozentiger Sicherheit wissen können, was ein*e Autor*in mit einem Text genau inten­diert hat – allein schon, weil er*sie sich dessen vielleicht selbst gar nicht bewusst ge­wesen ist –, wie können wir dann darüber sprechen, was ein Text tatsächlich bedeutet?

Im auslaufenden neunzehnten Jahrhundert begann die Fotografie für eine breitere, wenn auch immer noch relativ elitäre Schicht zugänglich zu werden. Apparate wurden kleiner, handlicher, mobiler. Gleichzeitig begann das Reisen zum guten Ton zu gehören. Wer nicht als klein­bürgerlich gelten wollte, musste zu­mindest ab und an raus aus den Mauern der eige­nen Stadt. Und was hätte da näher­liegen können, als diese Touren foto­grafisch zu belegen, damit auch niemand an der eigenen Welt­läufigkeit zweifeln konnte.

Visueller Kolonialismus

Wenn wir heute auf Urlaub fahren, ist die Intention hinter unseren Dutzenden Handy­kamera­bildern sicher­lich selten, Kunst zu erschaffen. Den meisten von uns geht es wohl darum, einen Schnapp­schuss einer Reise zu haben, ein Ab­bild der Realität, das diese in einem bestimmten Moment fest­halten soll. Als Be­weis, Erinnerung, Mitbringsel. Etwas über­spitzt formuliert, könnte man von einem visuellen Kolonialismus sprechen: Das Fremde wird auf ein Negativ gebannt, um es zum Teil der eigenen Geschichte zu machen, um es besitzen zu können.

Doch was passiert, wenn solche Schnappschüsse dann plötzlich im »angemessenen Rahmen« präsentiert werden? Wenn ihnen ein Museum eine ganze Aus­stellung widmet? Wenn ich den Kontext nicht kenne, vielleicht nicht kennen kann, in dem ein Blumen­verkäufer irgendwann Anfang des neun­zehnten Jahr­hunderts vor dem Ponte Vecchio in Florenz foto­grafiert wurde, kann es dann überhaupt eine Rolle spielen, was der*die Foto­graf*in damit intendierte? Ob er*sie die Schönheit des Motivs im Auge hatte? Lange über das Framing nachdachte? Anderen diese Schön­heit zeigen, durch das Foto also eine ästhetische Erfahrung ver­mitteln wollte?

Oder zählt andererseits nur, was wir heute, hundert Jahre später wahrnehmen? Ist irrele­vant, ob hier jemand bewusst, mit Über­legung und Intention ein Kunstwerk schaffen wollte? Und falls ja: Was ist dann der Unter­schied zwischen Kunst und jeder anderen ästhetischen Erfahrung? Warum sind dann nicht alle Sonnen­untergänge, alle sym­me­trisch ge­wach­senen Bäume, ja, alle KI-generierten Bilder, die uns bewegen, Kunst? Wo ziehen wir die Grenze? Wollen wir sie ziehen?

Die Ausstellung »Die Welt im Fokus« widmet sich der Reise- und Expeditions­fotografie ab Mitte des neun­zehnten Jahr­hunderts. Sie ist noch bis 26. Oktober 2026 in der Albertina Wien zu sehen.

Unsere Heftrubrik »Golden Frame« ist jeweils einem Werk zeit­genössischer Kunst gewidmet. In The Gap 218 ist dies: »Blumenverkäufer vor dem Ponte Vecchio in Florenz«.

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