Screen Lights: Die Rosen des Bösen – »The Zone of Interest« von Jonathan Glazer

Christoph Prenner bewegen bewegte Bilder – in diesem Kompendium zum gleichnamigen Podcast schreibt er drüber. An »The Zone of Interest« von Jonathan Glazer fasziniert ihn wie augenscheinliche Gräuel durch (Selbst-)Täuschung vernebelt werden können.

© Leonine

Schafft Sprache Wirklichkeit? Können wir durch das gesprochene oder geschriebene Wort den Dingen eine ganz bestimmte Bedeutung geben (und nehmen), sie in eine bestimmte Richtung lenken? Oder bildet Sprache die Wirklich­keit maximal ab, weil diese letztlich immer die Art und Weise konstituiert und prägt, wie wir kommunizieren und Sach­verhalte benennen? Wie also verläuft die Wechsel­beziehung zwischen Wort und Wirklichkeit? Eine abschließende Antwort auf diese Frage wird sicher noch die eine oder andere Kolumne auf sich warten lassen. Und doch geht sie einem – neben so vielem anderen – nach der Sichtung des letztjährigen Cannes-Gewinner­films »The Zone of Interest« nicht mehr aus dem Kopf.

Verschleiernde Wortwolken

Die Sprache also. Es wird in dieser ziemlich freien Adaption des gleich­namigen Romans von Martin Amis durch Regisseur Jonathan Glazer zweifellos viel geredet von den Protagonist*innen – in erster Linie sind das der NS-Kommandant Rudolf Höß (Christian Friedel) und seine Frau Hedwig (Germany’s Finest: Sandra Hüller). Aber selten eben Klartext. Vielmehr wird die Realität des Konzentrations­lagers Auschwitz-Birkenau, die sich direkt hinter den eigenen Grund­stücks­mauern abspielt, systematisch durch Worte verwischt, vernebelt und bis zur Unkenntlich­keit entstellt.

Da ist zunächst einmal die erschütternd euphemistische national­sozialistische Sprach­ordnung, die die unbeschreibliche Neo-Normalität gezielt unter den verschleiernden Wortwolken technokratischer Sachlogik zu verbergen sucht. Besonders deutlich wird dies in den dienstlichen Unter­redungen von und mit Lagerleiter Höß, in denen mit nur scheinbar komplett unverfänglichen Vokabeln wie »Stücken« und »Ladungen« der industrielle Massen­mord der »KL-Praxis« durchexerziert wird. Nur folge­richtig also, dass das faschistische Vorzeige­leben auch im privaten Rosen­garten Eden der Familie konsequent unter dem Aspekt der sprach­lichen Aus­blendung der Allgegen­wart rauchender Schlote, gedämpfter Schreie und gelegent­licher Schüsse praktiziert wird.

Selbstredend wissen alle um die höllischen Zustände jenseits der Mauer, sie haben sich nur durch systematisches Ausblenden der eigenen Sinne innerlich völlig davon distanziert und damit gleichgültig gegenüber dem Leid gemacht. Selbst wenn die Sippe das Geschehen im Lager denn einmal nicht gänzlich ausklammert, thematisiert sie es am Rande von Kinder­geburtstagen und Kaffee­kränzchen auf denkbar profanste Weise. Ohne nur ansatzweise Empathie für diese seelenlosen Bieder­meier evozieren zu wollen, versteht es »The Zone of Interest« aber, uns nach und nach in den Bannkreis des Bösen zu ziehen – was einem spätestens in jenem schockierenden Moment bewusst wird, in dem man beim Zuschauen bemerkt, dass man ja selbst die ununterbrochene Geräusch­kulisse des Grauens im Hinter­grund stets ein wenig ausblenden muss, um verstehen zu können, was da im Haushalt vor sich geht. Uff.

Nach »Anatomie eines Falls« ist Sandra Hüller als Hedwig Höß in der nächsten herausfordernden Rolle zu sehen. (Bild: Leonine)

Moralischer Prüfstand

Glazer gelingt damit in seinem vierten Langfilm (sein radikales Sci-Fi-Delirium »Under the Skin« liegt auch schon ein Jahrzehnt zurück) etwas fürs Holocaust-Kino Unerhörtes. Oder besser: Ungesehenes. Denn der Brite mit jüdischen Wurzeln macht das Grauen auf beklemmende Weise gerade durch das erfahrbar, was nicht gezeigt wird. Als Gegen­entwurf zur gängigen filmischen Aufarbeitung der Shoah verzichtet er gezielt darauf, den Lageralltag in möglichst erschreckenden und ein­dringlichen Bildern zu rekonstruieren, belässt es bei bloßen Andeutungen. Durch diese Abstraktion erlaubt, ja zwingt er uns gewisser­maßen, uns selbst auf den moralischen Prüfstand zu stellen.

Denn »The Zone of Interest« erzählt nicht unbedingt nur von der viel zitierten Banalität des Bösen. Mit enormer formaler und inhaltlicher Strenge illustriert Glazer auch die mentalen Ver­renkungen, die Menschen auf sich nehmen, um sich vor verstörenden Wahr­heiten zu schützen. Weil diese Taktik aber zu einigen der grauen­vollsten Momente in der Menschheits­geschichte geführt hat und weil das Grauen auch nur einen Steinwurf entfernt sein kann, ist es eben von entscheidender Wichtigkeit, wie wir mit Un­gerechtig­keit umgehen. Ob wir hin- oder wegschauen. Ob wir handeln oder uns taub stellen.

Diese (hoffentlich nicht zu) subtil vermittelte Erkenntnis könnte in einer wieder einmal beängstigenden Zeit aktueller kaum sein. Einer Zeit, in der völkische Eliten allen bitteren Ernstes widerwärtige Vertreibungs­fantasien in die Welt setzen, einer Zeit, in der die ekelhafte alte Fratze des Anti­semitismus quer durch alle Bevölkerungs­schichten bis tief hinein in sich progressiv wähnende Kreise wieder salonfähig geworden zu sein scheint. Einer Zeit, in der wir letztlich alle Tag für Tag den Tunnel­blick bemühen, um gewisse unangenehme Realitäten auszublenden. Einer Zeit, in der diese selektiven Wahr­nehmungen mit wohlfeilen Worten – Wirklichkeit, geschaffen durch Sprache eben – zurecht­gebogen werden. Vielleicht wäre es auch an der Zeit für einen Reality Check – unserer Sprache, unserer Wahr­nehmung. Und vielleicht ist dieser brillante Film, der sich nicht so einfach von der Seele wischen lässt, ein Anstoß dazu.

»The Zone of Interest« startet am 29. Februar 2024 in den österreichischen Kinos.

Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Serien­­geschehen. Unser Kolumnist ist per E-Mail unter prenner@thegap.at zu erreichen bzw. auf X (vormals Twitter) unter @prennero zu finden.

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