Tanzen in Nairobi und um die Welt

Clubkultur ist heute ein weltweites Phänomen. Ein Projekt des Goethe-Instituts bringt nun zehn Städte aus Europa und Afrika zusammen. Im Interview erzählen drei Experten erstaunliche Dinge über Rihanna, internationale Erfolge, Repressionen und das Glück am Wochenende.

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Warum diese Städte? Möglichst weit auseinander liegende Städte aus zwei Kontinenten? Gab es für die Auswahl ein übergeordnetes Konzept bzw. auch praktische Gründe?

Johannes Hossfeld: Es gab eine Reihe von Gründen. Als erstes ist es wichtig zu sagen, dass es sich nicht um ein Afrika-Projekt handelt. Das erste Konzept sah vor, zehn Städte auf mehreren Kontinenten zu wählen. Wir haben uns dann für Afrika und Europa entschieden, weil uns ein weltweit aufgezogenes Projekt zu beliebig erschien, wir das Projekt aus Nairobi organisieren und mit unseren Kollegen hier in Afrika arbeiten wollten und unsere Partner in Europa sind.

Dann haben wir eine Reihe von Kriterien angesetzt: Natürlich ging es uns um Städte mit lebendiger Clubkultur und interessanten Musikszenen; Städte, die urbanistisch spannend sind und gesellschaftlich interessante Entwicklungen erlebt haben – was sich in subkulturellen Öffentlichkeiten sich niedergeschlagen haben muss. Ein weiteres Kriterium war, nicht unbedingt nur die großen, nahe liegenden Orte zu nehmen, sondern auch kleinere, aber sehr spezifische und spannende Szenen: also eher Bristol statt London.

Schließlich spielte auch der Gedanke eine Rolle, die Weite und Vielfalt beider Kontinenten zu repräsentieren, also weit auseinander liegende Städte, wie Ihr sagt, zu wählen. Und wir wählten Städte, in denen wir bereits Leute kannten, von denen wir wussten dass wir mit ihnen arbeiten können.

Geht es im Club um die Eroberung sozialen Raums, oder oft doch nur drum eine Scheiß-Woche zu vergessen?

Johannes Hossfeld: Wahrscheinlich ist der Club ein Kristallisationsort, an dem viele verschiedene Funktionen eine Rolle spielen können. Deshalb ist Clubkultur ein so interessanter Untersuchungsgegenstand. Diese Funktionen werden immer vom jeweiligen gesellschaftlichen Kontext abhängen und sich über die Zeit wandeln – deshalb wählen wir einen stark lokalisierten und zugleich diachronen Ansatz: wir schauen uns Clubkulturen von den 60ern bis heute an.

Zudem, und das macht es noch interessanter, ist Clubkultur ein Thema, das Ambivalenzen und Brüche anbietet. Also genau die Ambivalenz, die Sie ansprechen. Ist Clubben eine mikro-politische Taktik oder bloßer Eskapismus und Affirmation? Sind Clubräume bloß private kommerzielle Räume mit Einlasskontrolle und Ausschlussmechanismen oder trotzdem auch relevante Sphären von Öffentlichkeiten?

Ihre Praktiken sind vor allem nicht-diskursive Praktiken, aber können sie trotzdem als Öffentlichkeiten gesehen werden, im Sinne des Begriffs der politischen Theorie. Uns interessiert an dem Thema, dass es die bisherigen Begriffe noch einmal herausfordert.

Bis auf Berlin scheint derzeit keine der zehn Städte eine internationale Bedeutung für Clubkultur zu haben, die damit also auch Flugzeuge voll Clubsterers anziehen. Welche der Städte sind zumindest überregionale Zentren und Umschlagplätze für Musik?

Johannes Hossfeld: In Europa sind Bristol, Neapel und Kiew sicher keine Orte, in denen die Clubster am Wochenende einfallen; Lissabon vielleicht schon. In Afrika ist das Reisen um zu Clubben schon wegen der Entfernungen abwegig. Aber das ist nur eine Art der Bildung von transnationalen Netzwerken. Eine globale Clubkultur hat sich gebildet über das Zirkulieren von Tracks, Apparaten und Personen. Und hier spielen die zehn Städte alle eine große Rolle.

Auch wenn die Clubsterer gerade nicht nach Bristol fliegen, ist Bristol in Europa sicher einer der musikalisch bestimmendsten Orte, was den Einfluss von Dub und Bass angeht. Ähnliches gilt für die anderen Orte in Europa.

In Afrika sind die Netzwerke bruchstückhafter, aber die beteiligten fünf Städte sind alle wichtige Umschlagplätze für Musik. Lagos hat derzeit einen großen Einfluss südlich der Sahara. Nairobi ist, zusammen mit Kampala, im Osten Afrika maßgeblich, enthält seine Impulse in Afrika jedoch aus verschiedensten Zentren: etwa Lagos, Kinshasa, Kampala und Südafrika.

Bild(er) © www.ten-cities.com
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