Ein zeitloser »Kannibalismus-Thriller« nach Seneca – Claudia Bosse über ihr neues Stück »Thyestes Brüder! Kapital«

2 boys, 1 plate. Die Story der aktuellen Produktion des Theatercombinats hat alles, was ein guter Thriller braucht: Rache, kapitalistische Systemkritik und eine Prise sozial konstruierter Ekel. Wir haben die Regisseurin Claudia Bosse gefragt, wie sie all das in einem antiken Text von Seneca findet.

© Eva Würdinger

A tale as old as time: Zwei Brüder sind sich gegenseitig neidisch und versuchen, am anderen Rache zu nehmen. So geschieht es, dass Atreus seinen Bruder Thyestes seine eigenen Kinder verspeisen lässt. Derart verkürzt wirkt die neueste Produktion des Theatercombinat wie eine einfache Geschichte mit klassischem Psychothriller-Potential. Das Team um Claudia Bosse nimmt sich dem antiken Stoff von Seneca aber aus unterschiedlichen Winkeln an und macht das Stück so zu einer mehrdimensionalen Inszenierung, die auch heute relevant bleibt. Die »begehbare Raum-Choreographie« prägt das teils internationale Ensemble, bestehend aus den SchauspielerInnen Lilly Prohaska und Alexandra Sommerfeld, den TänzerInnen Munwai Lee und Rotraud Kern und dem Performer Nic Lloyd. Welche Einflüsse genau drin stecken und warum »Thyestes Brüder! Kapital« in einer ehemaligen Fabrikkantine aufgeführt wird, hat uns Claudia Bosse selbst verraten.

Warum fiel die Wahl genau auf diesen Text von Seneca? Was war daran interessanter: die zeitgenössische Bearbeitung einer antiken Story oder die Faszination am zeitlosen Kannibalismus-Thriller?

Mich hat der Kannibalismus-Thriller interessiert. Der Vater, der die Kinder frisst, der Verstossene, Staatenloose, der unbedingt Macht will, obwohl er zögert, zweifelt, dann aber akzeptiert, sich besäuft, in sich hineinstopft und dann versteht, dass es die eigenen Nachkommen waren, die er verschlang. Dann erbricht er sich und ruft den Weltkrieg aus. Die ewige Nacht, das Weltende. Weil sein Schmerz eine politische Rache für alle werden soll. 
Sein Bruder inszeniert diese Rache. Wir, die ZuschauerInnen, wissen mehr – wir werden zu Verbündeten dieser Rache als Spektakel. Dazu gibt es ein Zitat von Heiner Müller:

»Der Menschheit
Die Adern aufgeschlagen wie ein Buch
Im Blutstrom blättern«

welches für mich diesen Kannibalismus-Thriller öffnet. 

© Eva Würdinger

Neben dem Text um die beiden rache- und wettbewerbslüsternen Brüder, finden sich im Stück auch Auszüge aus Marx’ »Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie« wieder. In Wien wird »Thyestes Brüder! Kapital« in einem ehemaligen Siemens-Werk aufgeführt. Wo und wie webt man in Senecas Geschichte eine Perspektive der ArbeiterInnenklasse?

Als ich den Marx Text las, parallel zu Thyestes, dachte ich: Ja, das ist genau der Link, der den Mythos in unsere zeitgenössische Ökonomie überführt. In unser gegenwärtiges System der Einverleibung, bis das ganze System zusammenbricht und das ökologische System sich nicht mehr erholen kann. Alles, was konsumiert wird (die Kinder), produziert auch etwas (den Leib des Vaters und die Rache). Alles was produziert wird, verbraucht auch etwas. Dieses Paradox der konsumptiven Produktion und der produktiven Konsumtion. Es gibt eine Passage bei Marx, die sich darauf beziehen lässt: »Hunger ist Hunger, aber Hunger, der sich durch gekochtes, mit Gabeln und Messer gegeßnes (sic!) Fleisch befriedigt, ist ein andrer Hunger als der rohes Fleisch mit Hilfe von Hand, Nagel und Zahn verschlingt.«
Die Kantine der Siemenswerke ist eine Perle der späten 80er-Jahre-Architektur, dem Beginn des Neoliberalismus. Und diese Architektur, diese wohlige Atmosphäre für die optimale Regeneration, schafft den idealen Kontext für die Sprache von Seneca. Die Zeitsprünge vom 1 Jhd. des römischen Empire in die Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts in die, Ende 80er Jahre – zu heute. 
Welche Spuren überlagern sich und stoßen aufeinander? Als Sprache, als Mythos, als Architektur, als Körper, als Material?  

© Eva Würdinger

Jeder Akt im Stück wird durch einen Chor beendet. Für die Orchestrierung setzt du die von dir selbst entwickelte Sprechpartitur des »phonetischen Denkens« ein. Was macht diese aus und warum kommt sie gerade bei diesem Stück zum Einsatz?

Das ist das Phantasma. Dass es eine Weise des lautlichen Denkens gibt, bei dem der spezielle Gebrauch der Laute der Worte etwas klanglich vom Inhalt transportiert. Es ist eine lautliche Partitur, die die Verhältnisse von Silben und Worten heraufbeschwört, die etwas von dem, was sie bezeichnen, klanglich umsetzt – zum Beispiel wie »Blitzschlag« etwas vom Blitz und vom Schlag hat und diese beiden Akte und Laute und Wörter aufeinandertreffen. Hier besteht der Chor aus 5 Personen, TänzerInnen, PerformerInnen, SchauspielerInnen, darunter zwei Nicht-Muttersprachler. Dieser Chor ist ein Organismus, der sich frei durch den Raum bewegt und den Raum der ZuschauerInnen körperlich und lautlich durchsetzt und verunsichert, verschiebt. Im vierten Chor kommt ein Jugendchor dazu, was wiederum eine Verstörung durch die jungen Stimmen und Körper bedeutet. 
Der Chor ist hier keine Repräsentation von Sklaven, Alten oder Erinnyen wie oft in der griechischen Tragödie, sondern die Einnahme einer anderen Perspektive, zu der Handlung. Eine Gegenwärtigkeit einer anderen Perspektive. 

»Thyestes Brüder! Kapital« , eine Theatercombinat-Produktion, wird heute und noch fünf Mal im Oktober aufgeführt. Karten für das Stück im Kasino am Kempelenpark gibt es hier.

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