„Tiger Girl“: Stilsicher aus der Komfortzone geprügelt

Zwei Mädels hauen auf den Putz und schießen auf dem Weg zur Selbstverwirklichung weit übers Ziel hinaus. Im einen Moment bewegt „Tiger Girl“ zum Mitjohlen, im nächsten zum Zähneknirschen.

© Constantin Film Verleih GmbH

Jakob Lass („Love Steaks“) dreht nach eigenen Regeln. FOGMA nennt sich sein Leitfaden; erzählt wird im semidokumentarischen Stil mit Rumpfskript, viel Liebe zum First Take und jeder Menge Platz zum Improvisieren. Grob formuliert: Kamera draufhalten und schauen, was passiert. Da verhaspeln sich die Akteure schon mal beim Quatschen und nicht jeder Schritt passt zu hundert Prozent ins größere Gefüge. Eindringlich, intensiv, aber auch unangenehm nah am richtigen Leben sind die FOGMA-Filme dadurch. „Tiger Girl“ geht einem nahe, mit seinen Assi-Junkies und Prügelexzessen. Gleichzeitig kanalisiert der Film dank schnellem Schnitt, praller Farbgebung und wummerndem Soundtrack den hippen Musikvideostil von Regisseuren wie Guy Ritchie.

Thematisch erinnert „Tiger Girl“ insbesondere im ersten Akt an eine Riot-Grrrl-Version von „Fight Club“. Vanilla (Maria Dragus) ist ein Duckmäuschen ohne Durchsetzungswillen, Tiger (Ella Rumpf) ihr impulsiver, unverschämter Widerpart. Ob das nun zwei Facetten ein und derselben Persönlichkeit oder separate Individuen sind, bleibt bis zum Schluss die spannende Frage. Der Plot mündet derweil vom fröhlichen Aufmucken in hässliche Gewaltausbrüche.

Von der sympathischen Heldin zur asozialen Aggrobraut

Mit Uniformen aus Vanillas Security-Ausbildungskurs verarschen und bestehlen die Mädels arglose Passanten. Während Tiger Geld zusammenkratzt, um zwei Hausbesetzerkumpels zu helfen, die dem falschen Drogendealer Geld schulden, entwickelt Vanilla nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch Geschmack am Pöbeln und Aufmischen. Aus der sympathischen Heldin wird eine asoziale Aggrobraut. Dem Mädel, dem man anfangs noch mehr Durchschlagskraft gewünscht hat, möchte man plötzlich nicht mehr auf offener Straße begegnen. An seinem Harmoniewillen wird der Zuschauer aus der Komfortzone gezerrt. „Tiger Girl“ ist kein leichtes, aber ein wertvolles Filmerlebnis. Die Power-Girl-Hauptfiguren und ihre Darstellerinnen verdienen Applaus.

„Tiger Girl“ startet am 7. April 2017 in den österreichischen Kinos.

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