»Waren einmal Revoluzzer« geht mit liberalen Fluchthilfe-Fantasien hart ins Gericht

Was würde passieren, wenn die Menschen aufhören würden, immer nur davon zu reden, einen Unterschied in der Welt machen zu wollen, und stattdessen tatsächlich etwas tun würden? Diesem utopischen Wunschdenken geht die österreichische Regisseurin Johanna Moder in ihrem zweiten Spielfilm »Waren einmal Revoluzzer« auf den Grund.

»Waren einmal Revoluzzer« Filmstill © Freibeuter Film
© Freibeuter Film

Helfen? Sich engagieren? Das tun doch immer nur die anderen. Man selber redet nur darüber wie jenen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, geholfen werden muss. Einem selbst fehlen ja die Mittel, die Zeit oder das Wissen. Es ist dieser liberale Idealismus, der gerne mal in den Raum geworfen wird und zur Kernfrage zweier Wiener Paare wird, die einen russischen Geflüchteten nach Österreich holen, nur um dann festzustellen, dass humanistische Selbstbeweihräucherung immer mit Folgen kommt. Der Film, der am 15. Zurich Film Festival seine Weltpremiere hatte, entpuppt sich als weitgehend gelungener Spagat zwischen zynischer Gesellschaftskritik und Familiendrama.

Der Cast von »Waren einmal Revoluzzer« am Zurich Film Festival 2019 © Andreas Rentz/Getty Images für ZFF

Die beiden Paare setzen sich zum einen aus der Richterin Helene (Julia Jentsch) und ihrem Mann Jakob (Manuel Rubey) zusammen, zum anderen aus Helenes altem Freund Volker (Marcel Mohab) und dessen Lebensgefährtin Tina (Aenne Schwarz). Als Helenes Exfreund Pavel (Tambet Tuisk) in Russland untertauchen muss, lässt er sich über Volker, der für einen Vortrag nach Moskau fährt, Geld schicken. Für Helene wäre die Angelegenheit hier bereits erledigt gewesen, aber nach einigen Gläsern Schnaps in Pavels Versteck lässt sich Volker zu einer Idee hinreißen. »Wir holen den Pavel nach Österreich«, lallt er während des Skype-Telefonats und wahrhaftig, kurz darauf ist alles organisiert. Pavel steigt aus dem Zug in Wien, um ein neues Leben zu beginnen.

Das Platzen der Wohlfühlzone

Wem es auf den ersten Blick fast zu einfach erscheint, als AlltagsbürgerIn einen russischen Geflüchteten nach Österreich zu schmuggeln, mag nicht falsch liegen. Die an amerikanische Actionthriller erinnernden Verfolgungssequenzen in der Moskauer U-Bahn werden schnell durch den Alltag in Wiener Altbauwohnungen abgelöst. Zufriedenstellend darauf eingehen, wie Pavel sich an den Behörden vorbei schmuggeln konnte, tut der Film nie. Aber das ist auch nicht die Geschichte, die er erzählen will. Moder geht es darum die »RetterInnen« in den Momenten nach ihrem »Akt von Güte« zu begleiten, wenn die nackte Realität der Verantwortung kickt. 

Im Falle von Pavel entwickelt sich das Projekt etwas anders als gedacht. Da wäre zunächst die Tatsache, dass der Russe nicht allein anreist, sondern auch seine Frau Eugenia (Lena Tronina) und den gemeinsamen Sohn Vassili im Gepäck hat. Die erweiterte Familie stellt Helene vor ihre erste Stresssituation. Vor allem, als die Familie nicht die verschreckten, hörigen Flüchtlinge verkörpern will, die sie sich erwartet hatte. 

Besonders Eugenia hat sehr konkrete Ideen wie sie weiter verfahren will. Wie sich herausstellt, ist es auch sie, die wegen politischer Aktivitäten gesucht wird, und nicht Pavel. Hier beobachtet Moder sehr pointiert, wie die ungebundene Hilfsbereitschaft Helenes und Volkers in Argwohn und – später – Panik umschwenkt. Wie sie ihre bedingungslose Unterstützung untergraben vor der Angst, »da mit reingezogen zu werden« und in ihrem perfekt geschusterten Leben Probleme zu bekommen.

Liberale Ideen als Lüge

Der Film blättert so unaufgeregt Stück für Stück eine weitere Ebene des oberflächlichen Liberalismus urbaner StädterInnen zurück. Da sie Pavel schwer zurückschicken können, beginnen Helene und Volker die Familie quer durch die Gegend zu kutschieren und einzuquartieren. Irgendwann landen die drei gemeinsam mit Tina, die die Russen weiter unterstützen möchte, bei Jakob im Familienlandhaus. Hier übernimmt der Film manchmal etwas zu enthusiastisch die ausgetretenen Pfade des idealistischen »Wir müssen zusammenhalten«-Plots. Gemeinsames Musizieren, Wein und Spaß am Dorffest schaffen die Idylle einer problemlosen, transkulturellen Verständigung.

Doch so bleibt es selbstverständlich nicht. Dass die beiden Paare nur oberflächlich glücklich sind und es zwischenmenschlich eigentlich brodelt, ist eine weitere Entwicklung, die der Film etwas unbedarft in den Mix wirft. So ist das Zusammenleben mit Pavels Familie der Katalysator dafür, tiefliegende Probleme, die sich vorab nicht herauskristallisiert hatten, an die Oberfläche zu holen. Jakobs und Helenes Ehe scheint doch nicht so rosig und beruflich ausgeglichen wie zunächst angepriesen, und auch Volker hat einige Leichen im Keller.

Mit der zunehmenden Ablehnung gegenüber ihren Gästen und dem Bedarf in der eigenen Wohlfühlzone zu bleiben, fangen die Charaktere an, sich wieder in ihren unzufrieden stellenden Leben zu verkriechen. Moder nutzt diese Auflage jedoch nicht, um für die ZuschauerInnen zu werten. Wenn Volker Helene ihr humanitäres Aufgeben positiv verkaufen will, dann romantisiert er ihren Minimaleinsatz als Grenzen, die andere akzeptieren müssen, da sie ja immer nur »gebe, gebe, gebe«. Mit den Konsequenzen können und müssen sich die Figuren letztendlich selber arrangieren. Und das, so zeigt Moder, fällt vielen erschreckend einfach.

Die Weltpremiere von »Waren einmal Revoluzzer« fand am Zurich Film Festival statt. Am 6. Oktober gibt es dort noch eine Vorstellung – Tickets dafür hier.

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